3. Mai 2016, 10:21  Keine Kommentare

Lebenszeit XXL

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(Dieser Artikel ist zuerst auf den Seiten der Körber-Stiftung erschienen.)

Wir leben immer länger. Aber wie viel Zeit gewinnen wir tatsächlich dazu? Ein Blick in die Daten offenbart eine ungeahnte Fülle an Lebensjahren.

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Das pflegt der Demograf James Vaupel erfreut auszurufen, wenn ihm mal wieder jemand nicht glauben will, wie sehr unsere Lebensspanne wächst. Vaupel muss es eigentlich wissen. Der Rostocker Max-Planck-Wissenschaftler gilt als einer der renommiertesten Forscher in Sachen Lebenslänge.

Überprüft man Vaupels These mit den Daten der amtlichen Statistik, stellt man fest: Der Bevölkerungsforscher hat im Prinzip Recht: Seit über 150 Jahren wächst die Lebenserwartung in Deutschland, weil sich die Lebensbedingungen verbessern. Von 1950 bis heute stieg beispielsweise die Lebenserwartung der Frauen in den alten Bundesländern um über 14,6 Jahre (von 68,5 auf 83,1). Umgerechnet macht das 5,6 Stunden pro Tag – also fast Vaupels sechs Stunden.

Guckt man genauer hin, sieht man aber: Trotz Vaupels Optimismus unterschätzen seine Zahlen die zu erhoffende Lebenslänge sogar noch. Denn der Demograf rechnet mit Lebenserwartungen, die viel zu kurz sind: Nämlich den offiziellen Angaben bei Geburt, wie sie die Ämter weltweit herausgeben (und die Medien weltweit melden). Experten nennen sie „Perioden-Werte“. Außerdem unterschlägt Vaupel einen Effekt, der uns zusätzliche Lebenszeit schenkt.

Gewinn Lebenserwartung

Dass wir heute ein viel längeres Leben zu erwarten haben, als es uns die amtliche Statistik zur Geburt (mit ihren Perioden-Werten) bescheinigte, hat nämlich zwei Gründe:

  1. Den „Weltverbesserungs-Effekt“
  2. Den „Überlebens-Effekt“

Was ist das? Zuerst die Zahlen (siehe Grafik): Eine heute 30-Jährige darf dank dieser beiden wundersamen „Lebensverlängerer“ insgesamt auf ein Plus von knapp 11 Jahren hoffen – nämlich auf eine Lebensspanne von 89 Jahren – statt gut 78, wie es die Ämter im Geburtsjahr der 30-Jährigen (also 1986) berechnet haben. Davon entfallen knapp 10 Jahre auf die Weltverbesserung und ein weiteres auf den Überlebens-Effekt.

Ein heute 60-Jähriger Mann gewinnt sogar über 17 Jahre – jeweils etwa gleich viel durch den Weltverbesserungs- und durch den Überlebens-Effekt (leider gibt es solche Daten nur für Westdeutschland).

Beide Effekte sind real. Weil sich die Gesellschaft weiterentwickelt, und weil wir uns so verhalten, dass wir möglichst nicht zu früh sterben, fügen sie unserem Leben Jahre hinzu, die wir ansonsten nicht erleben würden. Doch genau für dieses „ansonsten“ steht die Lebenserwartung, die wir von den statistischen Ämtern gewohnt sind – und mit der auch Vaupel gerechnet hat.
Sie ist eine zu pessimistische Version unserer Lebenskraft, da sie den „Weltverbesserungs-Effekt“ außen vor lässt. Bei ihrer Berechnung wird ignoriert, dass sich unsere Überlebenschancen in jedem Alter andauernd vergrößern – Kalenderjahr für Kalenderjahr: Die Chance des 75-jährigen, noch einen weiteren Geburtstag zu feiern, betrifft das ebenso wie die des Neugeborenen Babys (weil die Säuglingssterblichkeit weiter sinkt). Gründe dafür gibt es viele: Die Medizin macht kontinuierlich Fortschritte, wir ernähren uns immer besser, der Wohlstand wächst und damit der Lebensstandard. Kurz: Die Welt verbessert sich. Und das – so zeigen die demografischen Daten – seit mindestens 150 Jahren.

Die offizielle Lebenserwartung unterschätzt unser Leben um Jahre

Doch die Ämter, die jedes Jahr ihre Lebenserwartungen veröffentlichen, ignorieren diese Weltverbesserung. Warum?

Weil sie, um die Lebenserwartungen für ein heute geborenes Kind zu berechnen, eigentlich hellsehen können müssten. Sie müssten wissen, wie dessen Überlebenschancen in der Zukunft sind: Wie wahrscheinlich ist es, dass der Säugling das (gefährliche) erste Jahr überlebt? Wie stehen dann seine Chancen, es bis zum zweiten Geburtstag zu schaffen? Letztlich brauchen die Ämter die Überlebensraten für so viele Altersjahre, wie die Menschen dieses Geburtsjahrgangs leben können. Heute sind das etwa 110 Jahre. Denn die Lebenserwartung errechnet sich als statistischer Mittelwert, jedes einzelne dieser möglichen Lebensjahre zu überleben. Um die wahren Überlebensraten dieser 110 Altersjahre messen zu können, müssten aber alle Menschen dieses Jahrgangs schon tot sein. (Weil die Überlebensrate sich aus der Anzahl der pro Altersjahr tatsächlich Gestorbenen berechnet.) Das ist für alle heute Geborenen aber frühestens 2126 der Fall. Wie also jetzt schon die Lebenserwartung berechnen?

Das ist eine riesige Misere für die Statistik. Da sie die echten Überlebenswahrscheinlichkeiten nicht wissen kann, schätzt sie sie. Und zwar unter einer sehr konservativen Annahme, die weltweit Konsens ist: Dass die Weltverbesserung von jetzt auf gleich aufhört.

Keine Weltverbesserung mehr, das würde bedeuten: Die Überlebenschancen des gerade geborenen Babys sind auch in zehn, fünfzig oder hundert Jahren noch dieselben, wie die eines heute lebenden Menschen im entsprechenden Alter. Diese Annahme ist sicherlich praktisch (denn die Politik will heute wissen, wie alt wir werden, und nicht erst in 110 Jahren). Allerdings ist es im Licht der historischen Erfolgsstory der Lebenserwartung auch die unrealistischste aller denkbaren Annahmen.

Die Welt wird besser – und wir leben länger

Viel realistischer ist es anzunehmen, dass es mit der Weltverbesserung weitergeht – und dass die Überlebenswahrscheinlichkeiten weiter jedes Jahr steigen. Solche Szenarien gibt es tatsächlich auch in den staatlichen Statistiken – nur dass diese Daten kaum jemand kennt. In sogenannten „Generationensterbetafeln“ schätzt das Statistische Bundesamt, wie unsere künftigen Überlebenschancen wohl wären, wenn sich alles weiter so positiv entwickelt wie bisher.

Der Weltverbesserungseffekt auf unsere Lebenserwartung ist immens: Für eine 30-jährige Frau aus den alten Bundesländern hebt er die Lebenserwartung bei Geburt um 9,5 Jahre an – von 78,4 Jahren gemäß dem üblichen Szenario ohne Weltverbesserung („Perioden-Werte“) auf 87,9 Jahre in einer Welt, die sich weiter positiv entwickelt haben wird (laut „Generationensterbetafeln“).

So muss es natürlich nicht kommen. Denn die statistischen Ämter können mit Ihren Schätzungen der Überlebenswahrscheinlichkeiten für die nächsten hundert Jahre natürlich daneben liegen. Amtliche Statistiker schätzen fast immer konservativ, auch die Weltverbesserung. Gut möglich also, dass wir noch mehr Zeit gewinnen.

Kann das mit dem längeren Leben immer wo weiter gehen?

Nicht nur in den Ämtern gibt es eine tief verwurzelte Skepsis, dass es mit der Steigerung der Lebenserwartung immer so weitergehen kann. Die uns eingebrannte Erkenntnis, dass das Leben doch irgendwann ein Ende haben muss, übertragen wir automatisch auf unsere Vorstellungen von der Zukunft der Lebenserwartung: Dass sie immer weiter steigt, kann doch nicht möglich sein! Kritik an der Annahme des Weltverbesserungs-Effektes gibt es daher schon so lange, wie Lebenserwartungen berechnet werden. Und ebenso lange sind immer wieder Obergrenzen für die maximale biologische Lebenslänge des Menschen postuliert worden.

Fakt ist, dass all diese Grenzlinien immer wieder von den unbeirrbar nach oben kletternden Kurven der Lebenserwartungen durchstoßen wurden. Die Gewinne an Leben kommen inzwischen weniger aus der Bekämpfung der einstmals so hohen Kindersterblichkeit (obwohl auch sie weiter fällt). Heute wachsen vor allem die Überlebenswahrscheinlichkeiten in den höheren Lebensjahrzehnten ab 60 oder 70. Dort ist auch noch gehöriges Potenzial für Wachstum. Je weiter der Prozess fortschreitet, desto mehr Altersjahre erschließen wir uns am einstmals „oberen Ende“ der Lebenslängen um die 80, 90 und sogar 100 Jahre und darüber hinaus, für die die Überlebenschancen in Zukunft stark steigen können. Mit erneuten Gewinnen bei der Lebenserwartung.

Wohlbemerkt: Auch die amtlichen Lebenserwartungen („Perioden-Werte“) spiegeln die fortschreitende Weltverbesserung wieder, wenn man sie über mehrere Jahre oder Jahrzehnte hinweg miteinander vergleicht: Ein heute 60-Jähriger hat auch nach der Perioden-Rechnung heute eine höhere Überlebenschance als noch vor einem halben Jahrhundert. Darum beschreibt auch Demograf James Vaupel mit seinen sechs Stunden Lebensplus pro Tag auf Basis von Perioden-Werten letztlich den Weltverbesserungs-Effekt. Nur stimmt die Maßzahlen, auf die es uns ankommt, eben nicht, die Perioden-Lebenserwartung: Die Frage, wie alt wir tatsächlich werden, beantwortet sie falsch.

Wer überlebt, kriegt Lebensjahre extra

Beantwortet man sie mithilfe der „Generationensterbetafeln“ realistisch, wird außerdem der zweite große Einfluss auf unsere Lebenslänge sichtbar, nämlich der „Überlebens-Effekt“: Er besagt, wie viel zusätzliche Zeit wir mit jedem Lebensjahr noch obendrauf bekommen. Und zwar nicht, weil die Welt besser wird (dieser Effekt lässt sich dank der Generationensterbetafeln isolieren). Sondern einfach nur, weil wir es ein Jahr weiter geschafft haben. Ein heute 60-Jähriger hat allein durch diesen „Überlebens-Effekt“ gegenüber seiner Lebenserwartung bei Geburt (gemäß Generationensterbetafeln) bereits stolze neun Jahre gutgemacht (und wenn er mit 80 noch lebt, werden es fast 15 sein).

Dieses freundliche Zeitgeschenk erklärt sich aus der Berechnung der Lebenserwartung: Zu Beginn des Lebens ist sie ein Mittelwert, in den die Überlebenswahrscheinlichkeiten für jedes einzelnen Altersjahr einfließen, das denkbar ist – also vom ersten bis zum potenziell 110ten. Hat man die ersten 60 Jahre schon hinter sich, fallen sie aus der Rechnung heraus. Und damit auch das Risiko, in den schon verstrichenen Lebensjahren zu sterben. Für den Rest des Lebens ist das Sterberisiko somit insgesamt kleiner – die Lebenserwartung steigt.

Anders ausgedrückt: Je älter wir werden, desto mehr zeigt sich, wie viel noch in uns steckt. Ist der „Überlebens-Effekt“ letztlich nur ein statistischer Trick, der unser Leben länger wirken lässt? Nein. Denn wir sind es ja selbst, die dazu beitragen, jeweils ein weiteres Jahr zu überleben. Wir selbst sind es, die sich aufmerksam vor Gefahren wie Unfällen oder Krankheiten hüten, die sich mehr oder weniger gesund ernähren, die aufs Rauchen verzichten, Sport machen und dergleichen mehr, um jedes Jahr (nein, eigentlich permanent) den Risiken des Todes zu entgehen. Wie wir mit diesen Risiken umgehen, haben wir selbst in der Hand, nicht die Statistik. Sie spiegelt nur wieder, wie erfolgreich wir damit sind.

Auf beeindruckende 17 Jahre an Lebens-Plus kommt ein heute 60-Jähriger durch beide Effekte – Weltverbesserung und Überleben. Er würde demnach 84 Jahre alt (Frauen: 88 Jahre). Oder noch viel älter! Denn auch die Gewinne durch die beiden Effekte sind Mittelwerte. Sie gelten für den Durchschnitt der gesamten (westdeutschen) Bevölkerung. Wer gesünder lebt als der Durchschnittsdeutsche (z.B. nicht raucht und ein regelmäßig Sport macht), mehr verdient (im Jahr knapp 20.000 Euro netto) oder gebildeter ist (zum Beispiel studiert hat) wird mit großer Wahrscheinlichkeit noch einige Jahre mehr genießen dürfen.

Lebenszeit satt.

(Methodische Anmerkung: Der Weltverbesserungseffekt berechnet sich als Differenz der Lebenserwartung bei Geburt in der Generationensterbetafel des Geburtsjahrgangs zu der in der entsprechenden Periodensterbetafel (siehe hier und hier). Der Überlebenseffekt ergibt sich aus der ferneren Lebenserwartung im entsprechenden Altersjahr in der Generationensterbetafel des zugehörigen Geburtsjahrgangs. Es wurden die Sterbetafeln des Statistischen Bundesamtes benutzt. Alle Angaben in Text und Grafik beziehen sich nur auf Menschen in den alten Bundesländern, da es für die neuen Bundesländer keine Generationensterbetafeln gibt.)

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