23. Oktober 2013, 11:30  7 Kommentare

Demografisierung statt Wahrheit

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Das Schöne an einem Blog ist, dass man auch mal völlig zeitlos bloggen darf. Schon längst hätte ich hier einmal ein Stück schreiben sollen, das grundsätzlich fragt: Was tun wir da eigentlich, wenn wir über den „demografischen Wandel“ reden? Da ist nämlich einiges im Argen.

Ich habe so einen Post bisher nie angepackt, weil ich nicht wusste, wie. Jetzt kommt mir der Zufall zu Hilfe: Heute halte ich im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden einen Vortrag zum demografischen Wandel. Er steht unter dem Motto Nichts als die Wahrheit, und es geht um die Frage, wie viel (und ob überhaupt) Politik mit Wahrheit zu tun hat. Ich soll das am demografischen Wandel konkret machen.

Das Motto ist eine gute Leitschnur, um die Gedanken ein wenig zu sortieren. Ich schreibe sie hier auf. Das Ganze klingt etwas plakativ, aber es ist ein Anfang. Es sind sechs Thesen:

  1. Es ist unwahr, dass der demografische Wandel ein Problem ist. (Es gibt aber welche.)

  2. Wahr ist, dass der demografische Wandel natürlich und gut ist.

  3. Es geht nicht um Wahrheit, sondern darum, Interessen durchzusetzen. Das nenne ich „Demografisierung“.

  4. Die Debatte orientiert sich nicht an der (z.B. wissenschaftlichen) Wahrheit, sondern an fragwürdigen Normen.

  5. Weil demografische Daten falsch interpretiert werden, kommt es häufig zu unwahren Schlussfolgerungen.

  6. Die Wahrheit ist oft nicht feststellbar, weil es die nötigen Daten nicht gibt.

Zu jeder These ließe sich einiges sagen, und sie rufen sicher auch nach Begründung, nach Beweisen. Aber hier geht es nur um den Überblick. Ich fasse mich kurz:

1. Es ist unwahr, dass der demografische Wandel ein Problem ist

Der demografische Wandel ist kein Problem. Er ist eine recht alte Entwicklung, die inzwischen nur deshalb zu Reibungen führt, weil wir uns nicht mit entwickeln. Zum Beispiel ist unsere Vorstellung von den drei starren Lebensphasen Lernen – Arbeiten – Rente schon längst nicht mehr zeitgemäß, wenn wir immer gesünder immer älter werden.

Tatsächlich gibt es Probleme. Etwa mit den Sozialsystemen, sozialer Ungleichheit (auch im Alter), Armut (auch im Alter), der Wirtschaftsleistung oder den Gesundheitskosten. Aber die Gründe dafür sind nicht im demografischen Wandel zu suchen. Um sie zu beheben müssen wir z.B. nachdenken über: Die Art, wie wir arbeiten; wie wir unseren Lebensverlauf planen wollen und wie der Staat das flankieren will; wie wir Sozialleistungen und Grundsicherungen finanzieren; wie sozial unser marktwirtschaftliches System sein soll; wie wir Bildung endlich konsequent und für alle zur Priorität machen und wie wir unser Gesundheitssystem solide neu bauen können.

2. Wahr ist, dass der demografische Wandel natürlich und gut ist

Demografischen Wandel gab es immer und die Bevölkerungsentwicklungen, über die wir uns heute beklagen, sind alt. Sie sind natürlich und gut, weil sie für Entwicklung und Fortschritt stehen. Man darf und kann sie nicht zurückdrehen. Die Lebenserwartungen steigen in der entwickelten Welt seit weit über hundert Jahren: Die Geburtenraten begannen kurz danach zu fallen (nicht erst während des irrigen „Pillenknicks“). Beides zusammen bezeichnen Demografen als den „demografischen Übergang“. Er hat etwas Naturgesetzliches und tritt in jedem Land auf, das sich entwickelt.

Fortschritte in Medizin, Wirtschaft und Bildung reduzieren erst die Sterblichkeit und dann die extrem hohen Kinderzahlen pro Frau. Die Theorie dahinter besagt, dass sich beides in einem neuen, niedrigen Gleichgewicht einpendelt. Allerdings ist der Prozess noch nicht abgeschlossen und neue, moderne Trends überlagern ihn: Vor allem die Bildungsexpansion der Frauen und zunehmende Gleichberechtigung der Geschlechter schreiten schneller voran als die Gesellschaften (und die Männer) diese Grundrechte gewähren können. Sprich: Eine gleichberechtigte Aufteilung von Arbeits- und Familienleben zwischen den Geschlechtern gibt es aus vielen Gründen nicht. Die Hemnisse lassen sich beseitigen. Nicht aber der Drang nach Gleichberechtigung, Selbsterfüllung und Freiheit neben dem Wunsch nach Familie. Er ist eine fundamentale Errungenschaft der Menschheitsentwicklung.

3. Es geht nicht um Wahrheit, sondern um „Demografisierung“: darum, Interessen durchzusetzen

Es geht bei der demografischen Debatte nicht um die Wahrheit, sondern darum, den „demografischen Wandel“ zu instrumentalisieren für eine Vielzahl an Interessen. Diesen Prozess nenne ich „Demografisierung“. Obschon argumentiert wird, der demografische Wandel erzwänge bestimmte Änderungen, ist dies nicht wahr. Der demografische Wandel ist eine Rahmenbedingung für unser Leben – neben vielen anderen. Im Rahmen dieser Bedingungen haben wir die freie Wahl, unser (gesellschaftliches) Leben (politisch) selbst zu formen.

Dazu muss die Politik aber die unter 1. genannten eigentlichen Ursachenfelder angehen (da geht es um grundlegende Werte und neue Visionen, nicht aber um Demografie). Weil das unbequem ist, schiebt man lieber der Demografie die Schuld an allerlei Problemen zu. Mit Verweis auf demografische Zwänge lässt sich auch gut Profit machen – finanziell wie politisch. Wichtige Player mit solchen Profitabsichten sind z.B. die Bundesregierung, die Allianz oder die Bertelsmannstiftung.

4. Die Debatte orientiert sich nicht an der (z.B. wissenschaftlichen) Wahrheit, sondern an fragwürdigen Normen

Die Demografische Debatte wird nicht frei geführt, sondern stark normativ. In Deutschland sind diese Normen besonders stark. Z.B. gibt es immer noch das unsinnige Ideal einer Bevölkerungspyramide mit breiter Kinderbasis, obwohl diese Form ein Zeichen für niedrigen Entwicklungsstand und hohe Kindersterblichkeit ist. Wir haben bestimmte Vorstellungen davon, wie viel Kinder richtig sind (mindestens zwei), welche es sein sollen (am besten deutsch, bitte mit gebildeten Eltern) und wie Familien funktionieren sollen (bitte als traditionelle Ehe). Eine der stärksten Normen ist wohl: Mehr (Bevölkerung) ist besser, Schrumpfen ist schlecht. Die wissenschaftliche Wahrheit, dass weniger Menschen und Veränderung in allen Lebensbereichen gut und normal sind (siehe auch 2.), ist für die Debatte zu kompliziert.

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Volkstod und Vergreisung hat nicht der Spiegel (Titel 02/2004) erfunden. Das waren die Nazis.
© Der Spiegel

Viele unserer Normen lassen sich auf erschreckende Weise zurückführen auf die Demografen der Nazizeit, in der die „Wissenschaft“ Demografie noch zur Durchsetzung von eugenischen, sozialdarwinistischen und rassenhygienischen Vorstellungen benutzt wurde. Wahrheit wurde damals massiv verbogen und in das Korsett einer Todessymbolik gezwungen, die einem System diente, dem die Wahrheit nichts wert war. Heute nutzen wir dieselbe Symbolik: Die Nazis schufen die Begriffe „Überalterung“, „Vergreisung“ und das Symbol der „gesunden“ Bevölkerungspyramide, die zur „Urne“ wird. Auch die absurde Vorstellung, dass eine Bevölkerung, die zwischenzeitlich schrumpft, mit Sicherheit auch aussterben wird, haben die Nazis kultiviert. Argument damals: Dem „biologischen Volkskörper“ schwindet die Kraft. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

5. Weil demografische Daten falsch interpretiert werden, kommt es häufig zu unwahren Schlussfolgerungen

Grundlegende demografische Daten werden falsch dargestellt und die demografischen Maße, die in der Debatte sind, sind ungeeignet. Bestes Beispiel ist die häufige Verwechslung von absoluten Geburtenzahlen (sinken tendenziell wegen Bevölkerungsstruktureffekten) und Geburtenraten, also der tatsächlichen Geburtenneigung (ist im Westen konstant und steigt im Osten). Allerdings bleiben auch die debattierten Geburtenraten („zusammengefasste Geburtenziffer“) hinter der endgültigen Kinderzahl pro Frau zurück. Der Grund ist schnöde Mathematik, die natürlich kaum diskutiert wird. Entwicklungen, die die Raten nicht abbilden, bleiben unbeachtet.

Die gängige Lebenserwartung bleibt (wieder aus mathematischen Gründen) weit hinter der Lebensspanne zurück, die wir erreichen. So liegt die aktuelle Lebenserwartung für Frauen in Deutschland bei etwa 83 Jahren. Aber schon heute hat jedes neu geborene Kind eine Chance von 50 Prozent, Hundert zu werden. Fatal ist das Maß, mit denen wir die Altersstruktur der Bevölkerung beziffern: Der „Belastungsquotient“ teilt die über 65-Jährigen durch die Jüngeren und wächst schon deshalb zwangsläufig, weil die Lebenserwartung andauernd steigt. Das aber ist ein Zeichen für eine gesundende Bevölkerung, nicht für eine Verschlechterung der Situation. Das Problem ist unser starrer Altersbegriff, der sich am fixen Alter 65 fest macht.

6. Die Wahrheit ist oft nicht feststellbar, weil es die nötigen Daten nicht gibt

Leider wird in diesem Land über sehr vieles geredet, was wir gar nicht wissen können, weil wir dazu keine Daten haben, oder weil unsere Daten unglaublich schlecht sind. Ausländische Wissenschaftler machen sich oft lustig über das demografische Datendunkel in Deutschland. Nicht wirklich wissen können wir z.B.: ob Kitas oder Elterngeld die Geburtenrate erhöhen, wie sich Geburtenraten mit Bildung oder Einkommen beider (!) Eltern verändern, wo die meisten Hochaltrigen leben oder wie Beruf, Rente und Sterblichkeit genau zusammenhängen. Und wir können nur raten, wie viele Dachdecker mit 67 noch aufs Dach steigen, und wie viele längst bei Obi als Fachberater arbeiten.

Die Gründe für das Datendefizit sind vielschichtig. Eine zentrale Rolle spielt unsere Vorstellung von einem Datenschutz, der sich auch auf anonymisierte Auswertung durch die Wissenschaft erstreckt. Viele Informationen über die Bevölkerung, die man für Ursache-Wirkungs-Analysen gerne verknüpfen würde, darf und kann der Staat (als größter und bester Datenhost) in Deutschland nicht verknüpfen. Es gibt aber auch normative Hürden. So lassen sich erst seit 2008 die Kinderlosigkeit und das Alter der Frauen bei der Geburt in Deutschland messen, weil beides vorher nur für Eheleute erfasst wurde (von denen es immer weniger gibt, die Daten waren unbrauchbar).

Wo Daten und wissenschaftliche Wahrheiten fehlen, wird leider fabuliert. Am liebsten entlang unserer Normen (siehe 4.) oder entlang den eigenen Interessen (siehe 3.).

So weit meine sechs Thesen. Und was jetzt?

Ich mag es nicht, wenn Problemanalysen nur pessimistische Bestandsaufnahmen sind. Wir haben eine besser Debatte verdient als das. Und wir brauchen sie auch, uns selbst zuliebe. Ich bin optimistisch, dass sich die Diskussion verändern lässt. Allerdings wird das niemand anders für uns tun. Wir selbst müssen aufhören, Demografisierung und Demografie-Defätismus auf den Leim zu gehen, und stattdessen fordern, das die wirklich wichtigen Fragen auf die politische Agenda kommen: Wie wollen wir leben?

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Sebi Oktober 23, 2013 um 17:35

Schöner Artikel, viele Anregungen.

Aber eine (immer wiederkehrende) Behauptung stört mich dann doch:
„Aber schon heute hat jedes neu geborene Kind eine Chance von 50 Prozent, Hundert zu werden.“

Wer sagt das? Wer weiß das? Und woher, warum, wodurch? Woher kommt diese Erkenntnis? Ich versteh echt nicht, wie man eine derartig hypothetische Annahme als selbstverständliche Tatsache verkaufen kann …!!?

Antworten

Björn Schwentker Oktober 30, 2013 um 08:06

Lieber Sebi,

die Frage ist berechtigt. Die Lebenserwartung bei Geburt, die die amtliche Statistik in Deutschland herausgibt, liegt momentan bei etwa 80 Jahren, und da wundert es sehr, wie ein heute geborenes Kind mit einer Überlebenschance von sage und schreibe 50% Hundert Jahre alt werden soll. Denn wenn dem so wäre, müsste ja die aktuelle Lebenserwartung, die so etwas wie ein Mittelwert ist, ebenfalls bei Hundert Jahren liegen.

Der Widerspruch lässt sich auflösen: Beide Zahlen, die 80 und die Hundert, sind Behauptungen, die allerdings auf unterschiedlichen Annahmen fußen. Beide sind hypothetisch, aber die 80 ist meines Erachtens unwahrscheinlicher.

Wie lang die Menschen eines Geburtsjahrgangs tatsächlich gelebt haben, weiß man erst, wenn sie alle tot sind. Diesen Wert nennt man Kohorten-Lebenserwartung. Er ist wahr. Will man die Wahrheit für heute wissen, also die echte Lebenserwartung bei Geburt im Jahr 2013, muss man aber leider bis mindestens zum Jahr 2123 warten, denn viele Menschen werden inzwischen 110 Jahre und noch älter. Da so lange keiner warten will und kann, hat man eine Schätzung erfunden: die uns bekannte Lebenserwartung (ca. 80 Jahre).

Sie wird berechnet anhand der aktuellen Sterberaten aller Menschen, die in diesem Jahr gestorben sind (egal in welchem Alter). Dahinter steckt eine Annahme, die extrem unrealistisch ist: Dass nämlich bis 2123 (oder sogar später), wenn wir wirklich alle tot sind, die Sterberaten so bleiben wie heute. Dass sie also ab sofort eingefroren wären. Was bedeuten würde, dass es ab heute mit einem Schlag keinen gesundheitlichen Fortschritt mehr gäbe.

Das Gegenteil ist aber in den entwickelten Ländern für mindestens 150 Jahre der Fall gewesen: Die Sterberaten sind kontinuierlich gesunken, und es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass der Trend aufhört.

Hinter den „50% Chance, Hundert zu werden“, steckt nun die Annahme, dass sich die Sterberaten so weiter entwickeln wie die letzten 150 Jahre. Man kann darüber streiten, ob das realistisch ist. Dass die Raten weiter fallen, ist auf jeden Fall sehr viel realistischer als anzunehmen, sie blieben plötzlich stehen. Dass sie so weiter sinken, wie wir es seit Langem und jedes Jahr wieder beobachten, ist dagegen erstmal ein naheliegender Ansatz.

Und genau den haben ein paar Demografen um den Dänen Kaare Christensen einmal durchgerechnet und im Artikel Ageing populations: the challenges ahead im Wissenschaftsjournal Lancet 2009 veröffentlicht. Hier die exakten Zahlen aus dem Paper als Tabelle:

Für Deutschland wurde ein 2007 geborenes Kind demnach mit einer 50%-Chance schon 102 Jahre alt. Mit den heutigen Daten könnte man die Berechnung noch ein, zwei Jahre weiter führen und das Alter läge noch etwas höher, da die Sterberaten weiter fallen. Gemessen daran ist meine Behauptung mit den Hundert Jahren also noch untertrieben.

Beste Grüße
Björn Schwentker

Antworten

Synelly Oktober 23, 2013 um 18:11

Lieber Herr Schwentker,
vielen Dank für den interessanten Text und das Angebot, die heute auf Twitter begonnene Diskussion hier im Blog fortsetzen zu können.

Ihr letzter Tweet ging so: „Linear fortschreiben ist Unsinn. So haben schon Nazis Volkstod vorausgesagt. Kam anders. Leben stirbt nicht aus. Ändert sich nur.“

Ich frage mich, welche Veranlassung es gibt, ihn nicht fortzuschreiben. Es braucht nicht linear zu sein – vielleicht geht es bald auch exponentiell abwärts? Oder der demografische Wandel verlangsamt sich nur ein bißchen, ohne seine Richtung zu ändern?
Daß die Nazis den „Volkstod“ an die Wand gemalt haben, und der dann nicht eingetreten ist, ist kein wissenschaftliches Argument. Ich will mich auch nicht in eine solche Ecke stellen lassen. Auf welche Erkenntnisse gründet sich ihre Annahme, der demografische Wandel sei nur ein vorübergehender Bevölkerungsrückgang?
Gruß,
Synelly

Antworten

Björn Schwentker November 1, 2013 um 09:10

Liebe Synelly,

danke für Ihre Fragen per Twitter und Ihre Bereitschaft, hier zu diskutieren. Während Ihre Fragen einfach sind (wie viele gute Fragen), sind die Antworten nicht so einfach.

Wenn ich unsere heutigen Voraussagen zum demografischen Wandel mit denen der Nazis zu vergleichen, dann nicht, um irgendjemanden in die Nazi-Ecke zu stellen. Man muss aber darauf hinweisen können, dass damals eine Diskussion geführt wurde, die ähnlich panisch war wie die heute (mit teilweise erschreckenden Parallelen in der Argumentation, aber das ist hier nicht Thema), dass es dann aber ganz anders kam, als die Nazis vorausgesagt hatten. Ich erwähne das auf fast jedem meiner Vorträge. Hier die Folie, die ich dort meistens zeige:

Bevoelkerungs-Prognosen-vergleich_Nazi_Burgdoerfer_554px

Links steht eine Prognose für die Bevölkerung Deutschlands im Jahr 2000, die 1923 entstand. Wenn Sie eine heutige Prognose für 2060 anschauen, dann sieht die verdammt ähnlich aus. Rechts steht dieselbe Prognose, überlagert von der roten Kontur der tatsächlichen Bevölkerungsstruktur im Jahr 2000. Statt 47 Millionen Einwohnern gab es tatsächlich 82 Millionen. Und das, obwohl ein verheerender Krieg dazwischen lag. Man hatte die demografischen Parameter gehörig falsch eingeschätzt. Unter anderem hatte niemand voraussehen können, dass so etwas wie ein Babyboom kommen würde.

Wie sehr die heutigen Prognosen daneben liegen werden, wissen wir erst in der Zukunft. Ich würde aber heute schon davor warnen, sich auf sie zu verlassen. Insbesondere auf besonders niedrige Prognosen. Die letzte deutsche Vorausberechnung, die „12. Koordinierte“ des Statistischen Bundesamtes, lag in ihrer politisch relevanten mittleren Variante bisher jedes Jahr unter der tatsächlich eingetretenen Bevölkerungsgröße. Und der Abstand steigt, wie ich in diesem Post untersucht habe.

Mit solchen Prognosen muss man also sehr vorsichtig sein. Insbesondere ist die Vorstellung, dass die Bevölkerung in einem so großen und wirtschaftlich starken Land wie Deutschland tatsächlich ausstirbt, wissenschaftlich durch nichts gedeckt. Deshalb bezeichne ich den Bevölkerungsrückgang auch nur als vorübergehend (und man wird sehen müssen, in welchem Ausmaß er überhaupt kommt). Bevölkerungsgrößen können schwanken, aber dann ändert sich etwas im Verhalten der Menschen, und damit die Demografie.

Aktuell ist das in Deutschland eine sehr hohe Einwanderung. Dazu wird kommen, dass die Geburtenraten wieder steigen. In den entwickelten Ländern, wo die Kinderzahlen pro Frau fast durchweg unter dem „Bestandserhaltungsniveau“ von 2,1 liegen, hat es inzwischen eine Trendumkehr zu wieder steigenden Raten gegeben. Das ist nicht nur ein zeitlicher Trend (den Forscher sogar für Deutschland kommen sehen). Man beobachtet außerdem inzwischen, dass die Geburtenraten mit steigendem Entwicklungsstand (gemessen am Wohlstandsmaß HDI) wachsen, wenn die Entwicklung weit genug fortgeschritten ist. Auch die Vereinten Nationen rechnen mit steigender Fertilität in den entwickelten Ländern.

Sollten wir dennoch aus Vorsicht davon ausgehen, dass wir bald Millionen von Menschen weniger sein werden? Wenn ja, dann sollten wir uns wenigstens bewusst sein, dass es nicht so kommen muss (und wahrscheinlich nicht so kommen wird). Und vor lauter Panik nicht vergessen, die wirklich wichtigen Probleme anzugehen. Sprich: nicht demografisieren.

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Jürgen Römer Mai 27, 2015 um 13:38

Sehr geehrter Herr Schwentker, als Fachdienstleiter Dorf- und Regionalentwicklung in einem ländlich geprägten Landkreis in Hessen (Waldeck-Frankenberg) kann ich nur unterstreichen, was Sie schreiben. Namentlich die Auswüchse der demografisch begründeten Lobbyarbeit sind mir seit geraumer Zeit ein Dorn im Auge ebenso wie die entpolitisierte Demografie-„Debatte“. Die Zahlen, die ich für meinen Landkreis auswerte, zeigen, dass die „Insititute“ usw., die auf diesem Markt tätig sind, es mit der Wahrheit im Sinne von wissenschaftlicher Akkuratesse nicht immer sehr genau nehmen. Das trifft auf das Berlin-Institut ebenso so zu wie aurf die Stiftung Schloss Ettersberg, die unter dem Deckmäntelchen der Demografie-„Forschung“ das Geschäft derjenigen Metropol-Region-Lobbyisten betreiben, die die Forderung nach der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse aus dem Grundgesetz tilgen oder sie zumindest abschwächen möchten. Vielen Dank für Ihre Ausführungen!

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