- Björn Schwentker - http://www.demografie-blog.de -

Blackbox Zensus: Die Angst im Amt

Der Zensus ist für die Gemeinden eine Blackbox. Um Transparenz herzustellen, ist Datenjournalismus gefordert.
Für die Gemeinden ist der Zensus eine Blackbox, über die sie nicht genug Daten bekommen. Ist das die Schuld der amtlichen Statistik?

Der Zensus sorgt für Ärger: Erst schien die Volkszählung von 2011 glatt über die Bühne zu gehen, es gab kaum größere Artikel oder Kritik in den Medien. Jetzt kommt heraus [1]: In den Gemeinden gärt es. Über 800 haben gegen den Zensus Widerspruch eingelegt. Sie halten die Zensus-Ergebnisse für falsch, die Methode der Zählung für mindestens fragwürdig und viele überlegen zu klagen.

Der Zensus ist für die Kommunen eine Blackbox. Der Macher der Zählung, die amtliche Statistik, verhindere, dass die Qualität der Zensus-Methode untersucht werden kann, indem sie die nötigen Daten dafür zurückhält (zum Beispiel das Anschriftenregister, auf dem die Zensus-Stichprobe basierte). Recherchen von Gemeindedaten, die ich auf der Open Data-Plattform zensus-unzensiert.de [2] und auf Spiegel Online [3] veröffentlicht habe, zeigen, dass die Abweichung des Zensus von der bisherigen amtlichen Einwohnerzahl zum Teil wesentlich größer ist als bisher öffentlich gemacht wurde.

Das belegt, wie schlecht die Fortschreibung der Bevölkerungsgröße zuweilen ist. Über die Qualität des Zensus sagt es noch gar nichts. Dennoch weigerte sich eins der 14. Statistischen Landesämter, bei denen wir (Spiegel Online und ich) die Zahlen erfragten, sie herauszugeben, bis wir eine Anfrage nach dem Informationszugangsgestz des Landes stellten – also den juristischen Weg eingeschlugen, um die Information zu erstreiten. Weitere Datenrecherchen sollen nun tatsächlich die Qualität des Zensus beleuchten. (Zum Nachhören: Interview mit mir über die Recherchen zum Zensus-Projekt [4].)

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Die Open Data-Plattform zensus-unzensiert.de [2] bündelt Daten zum Zensus, um Transparenz für die öffentliche Debatte zu schaffen.

Es gibt Journalisten, die nicht viel davon halten, so über ihre Recherchen zu plaudern, wie ich es hier tue. Schließlich ginge es um das Ergebnis der Recherchen, nicht, wie schwierig sie waren. Ich glaube das nicht. Denn die Transparenz des Zensus ist etwas, was die Öffentlichkeit unmittelbar angeht. Es geht bei der letzten Volkszählung nicht nur um viel Geld der Kommunen, der Länder und des Bundes (und letztlich der Bürger). Es geht hier vor allem um die prinzipielle Frage, wie viel Transparenz der Staat in einer Demokratie herstellen muss. Auch und gerade bei komplexen, datenschweren Vorgängen wie einer Volkszählung.

Der Zensus 2011 ist das größte amtliche deutsche Datenprojekt des letzten Vierteljahrhunderts, seine Bevölkerungszahlen haben an jeder Ecke politische Relevanz. Und dennoch ist es der Öffentlichkeit bisher unmöglich, die Erhebung nachzuvollziehen. Das gilt für die gut 11.000 Gemeinden, die der Zensus unmittelbar betrifft, ebenso wie für die Medien und die meisten Politiker. Das macht eine öffentliche Kontrolle des staatlichen Mammutprojektes bislang unmöglich.

Die 4. Gewalt braucht dringend Datenjournalismus

Das ist einer Demokratie unwürdig. Das muss sich schnellstens ändern. Hier müsste eigentlich sofort Journalismus einspringen. Sich erinnern, dass er doch die 4. Gewalt im Staat ist und unabhängig Transparenz schaffen kann – nein: muss! Aber journalistisch blieb der Zensus bisher quasi unangetastet. Die offensichtlichen Ergebnisse wurden veröffentlicht, ganz so, wie sie den Medien direkt vom Statistischen Bundesamt in die Hand gegeben wurden. Aber ohne Vergleich und Einordnung. Nachgehakt hat kaum jemand.

Warum ist das so? Und muss das so sein?

Nein, muss es nicht. Am Beispiel Zensus macht deutlich: Der Journalismus kann seiner aufklärerisch-kontrollierenden Rolle in der Demokratie nur noch gerecht werden, wenn er professionellen Datenjournalismus integriert. Wenn er das Fachwissen hat, mit einem statistisch komplizierten Thema umzugehen. Das gilt nicht nur für den Zensus: Daten spielen eine immer größere Rolle. Immer mächtigere Datensätze werden immer filigraner mit unseren Leben verwoben. Darum steigt auch die Zahl an relevanten Datenthemen ständig. Wie viele davon haben wir schon verpasst, weil wir es journalistisch nicht mit ihnen aufnehmen konnten?

Die Informationslücke schließen

Am Zensus-Beispiel lässt sich im Detail nachvollziehen, wieso es ohne Datenjournalismus nicht mehr geht: Die Bedeutung des Themas ist enorm, das ist unbestritten. Aber es gibt ein Informationsdefizit, weshalb die drängenden Fragen erst gar nicht öffentlich diskutiert werden können. (Z.B.: Ist der Widerstand der Kommunen berechtigt? Ist der Zensus fehlerhaft? War der Zensus gesetzeswidrig? War die Methode vielleicht sogar verfassungswidrig? Wie können wir künftig Einwohnerzahlen erheben, die so nah wie möglich an der Wahrheit liegen?)

Datenjournalismus kann solch ein Informationsdefizit beheben, wenn er zum Transparenzbeschaffer auf Augenhöhe mit denen wird, die die Daten verwalten und unangemessen zurückhalten.

Im Fall des Zensus bewegt sich ohne einen Transparanzbeschaffer nichts: Denn es gibt eine Art Patt, das durch die gegensätzlichen Interessen der beiden Seiten in diesem Spiel entsteht: Einerseits der Gemeinden, die im Interesse ihrer Bürger hoffen, mit mehr Daten eine höhere Einwohnerzahl durchsetzen zu können als die des Zensus. Auf der anderen Seite steht die amtliche Statistik, die die Daten nicht herausrückt. (Die „amtliche Statistik“ sind die 14 Statistischen Landesämter und das Statistische Bundesamt, die gemeinsam den Zensus durchgeführt haben – das waren nicht die Gemeinden selbst.)

Es ist ein Patt, weil sich eigentlich beide Seiten bewegen wollen, es aber nicht können. Für die Gemeinden ist klar, dass das zutrifft: Sie können nichts machen, weil ihnen die Daten fehlen. Aber ist es in der amtlichen Statistik nicht bloßer Unwille, die Daten nicht zu liefern? Und damit bewusst eine Diskussion über Veränderung zu verhindern? Vielleicht zum Teil. Meine These ist eher:

Die amtliche Statistik will helfen. Aber ihr sind die Hände gebunden. Zumindest empfindet sie das so.

Die Angst der Ämter verhindert demokratische Öffentlichkeit

Aus vielen Gesprächen mit Experten der amtlichen Statistik auf allen Ebenen weiß ich: Die Leute dort sind extrem gut. Sie wissen genau Bescheid, was sie tun, auch beim Zensus. Ihnen ist völlig klar, dass das System der amtlichen Einwohnerzahlerhebung in Deutschland dringen überholungsbedürftig ist. Und natürlich haben sie im Blick, dass der Zensus Schwachstellen hat. Sie wissen auch exakt, welche. Aber sie sagen nichts.

Stattdessen sagen sie, wenn man Informationen anfragt, die sie für brisant halten (nach gefühlter Reihenfolge der Häufigkeit und mit Bezug zum Zensus, durchaus aber verallgemeinerbar):

Solche Antworten kriegt man zwar beileibe nicht immer. Es kommt zum Glück sogar oft vor, dass sich die Statistiker richtig ins Zeug legen, um Daten für die Medien bereitzustellen (Wie gesagt, es gibt dort tolle Leute).

Aber solche Antworten kommen, wenn es brisant wird. Dann können sie schnell das Aus für eine journalistische Geschichte sein. Trotzdem glaube ich, dass der amtliche Statistiker, der sie ausspricht, nicht blockieren will. Er steht unter vielerlei Zwängen, die solche Antworten für ihn völlig rational machen. Aus seiner Sicht (das unterstelle ich natürlich) fühlt sich die obige Liste vielleicht so an:

Journalismus als neutraler Transparenzbeschaffer

Wie kann Datenjournalismus das Patt trotz dieser Ängste auflösen? Indem er die amtliche Statistik von ihren Zwängen befreit. Das schafft er, indem er sich – mit berechtigtem Selbstbewusstsein – als 4. Gewalt ins Spiel bringt und klar macht: Die Transparenz ist ein so hohes Gut, dass alle anderen (gefühlten) Zwänge dahinter zurückstehen müssen.

Konkret kann das heißen: Die Daten müssen auf juristischem Wege errungen werden. Zum Beispiel, indem man sich auf eines der Informationsfreiheitsgesetze [5] beruft (Es gibt nicht nur eins für den Bund, sondern auch Varianten für einige Ländern [6]). Das ist zwar nicht immer einfach, aber Redaktionen, die eine Rechtsabteilung im Haus haben, sollten das viel öfter tun.

Denn am Ende steht anstelle diffuser Ängste und vorgeschobener Gründe faktische, manchmal juristische Klarheit, die Bewegung ermöglicht. Liegt z.B. schwarz auf weiß vor, dass es tatsächlich keinen Verstoß gegen den Datenschutz gibt, hat der Amtsleiter damit den Beleg in der Hand, dass er gar nicht anders konnte, als die Daten herauszugeben. Es mutet merkwürdig an, aber man hilft ihm damit. Und er ist vielleicht sogar froh darüber.

Ein anderes Mittel ist, die Intransparenz der Ämter medial öffentlich zu machen, und sichtbar zu erklären, warum die Daten in der demokratischen Debatte nötig sind. Auch solche Argumente (die im besten Fall auch die „ganz oben“ lesen) können entlastend wirken.

Gesucht: Kompetenz, Struktur und Ausdauer

Beides funktioniert natürlich nur, wenn der Journalismus fundiert genug ist, um diese Manöver auch argumentativ durchzustehen. Genau darum braucht es, wo es um Daten geht, noch besseren Datenjournalismus. Ein paar Excel-Kenntnisse reichen nicht aus. Ausgebildete Datenjournalisten müssen systematisch in die Redaktionen integriert, Know-How, Strukturen, Methoden, journalistischer Datenerfahrung und -Ethik nachhaltig aufgebaut werden.

Spiegel Online geht übrigens gerade genau diesen Weg. Seit einiger Zeit sind dort die hervorragenden Datenjournalistinnen Christina Elmer [7] und Nicola Kuhrt [8] an Bord. Zusammen mit einem freien Fachautoren entsteht daraus ein Team, dem auch bei anspruchsvollen Datenrecherchen nicht so schnell die Luft ausgeht.

Datenjournalismus darf sich bei solch einem Projekt nicht in einmaliger Berichterstattung und Datenvisualisierung erschöpfen. Er bleibt dran, macht die bereits recherchierten Daten öffentlich (wie Spiegel Online für den Zensus [9]) und legt aktuelle Artikel nach. Ideal wäre ein Portal, das aber viele Medien aus strukturellen Gründen nicht so einfach aufsetzen können. Ich habe darum als Projekt des Demografie-Blogs die Open Data-Plattform zensus-unzensiert.de [2] geschaffen, um den Daten zum Zensus auch jenseits der aktuellen Medien-Timeline einen sichtbaren Platz im Netz zu geben.

Datenjournalismus als Journalismus über Daten

Die junge und immer noch etwas orientierungslose Strömung des Datenjournalismus sollte sich zudem selbstkritisch fragen, ob sie ihr Themenspektrum nicht viel öfter um ein wichtiges Element ergänzen sollte: Nämlich die Datenquellen selbst. Ganz so, wie Politikjournalismus über das politische System berichtet, das seine politischen Nachrichten hervorbringt, sollte es zur Normalität von Datenjournalismus werden, über die Systeme zu berichten, die Daten generieren und veröffentlichen – oder eben nicht.

Eine wichtige Rolle in diesem System spielen nicht nur die amtlichen Statistikämter, sondern auch die Statistik-Gesetze, die ihnen vorgeben, wie sie zu handeln haben (Im Fall des Zensus ist das das Zensusgesetz). Der heutige Datenjournalismus ist zumindest in Deutschland noch weit davon entfernt, für dieses Stück Demokratie eine mediale Wächterrolle einzunehmen.

Aber es wäre seine Aufgabe. Er könnte daran wachsen – und erwachsen werden.