7. Mai 2013, 23:55  18 Kommentare

Der Charme des Südens

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Seitdem ich vorhin die Tagesschau gesehen habe, treibt mich um, was meine Lieblingssendeanstalt da mit den vorläufigen Wanderungszahlen angestellt hat, die das Statistische Bundesamt (Destatis) heute veröffentlicht hat.

Ich hätte fast gar nichts bemerkt, denn was da zu sehen war, ist einem ja inzwischen schon vertraut: Die Einwanderung nach Deutschland steigt seit einigen Jahren wieder, vor allem kommen immer mehr Menschen aus Südeuropa. Wegen der Eurokrise. Im Fernsehen sah das so aus:

Auslaendische_Zuwanderer_2012_Suedeuropa_Tagesschau
Quelle: tagesschau.de

Wow, ordentliche Zuwächse der Zuwanderungszahlen sind das, die stärksten für Spanien mit +45 Prozent im Vergleich zu 2011. Ist ja auch klar, den Südeuropäern geht es schlecht, die haben mit der Wirtschaft mehr Pech als wir. Bei uns hingegen läuft’s wie am Schnürchen, darum suchen sie alle hier ihr Glück. Zumindest ist das das Bild, das die Medien neuerdings gerne von der aktuellen Wanderungssituation zeichnen.

Da mag ja auch was dran sein. Aber irgendwie bekam ich vor der Mattscheibe plötzlich ein komisches Gefühl angesichts der großen Prozentzahlen. Denn ich hatte einige Stunden vorher die Pressemitteilung von Destatis gelesen und erinnerte mich, dass da zu Spanien nicht nur „+45%“ stand, sondern in Klammern dahinter auch „+ 9.000 Personen“.

Nun liebe ich zwar Spanien und die Spanier, aber ein spanischer Zuwandererzuwachs von 9.000 Leuten, das ist nun wahrlich nicht besonders viel, wenn man sich besinnt, welche Dimension die Einwanderung nach Deutschland inzwischen im Ganzen angenommen hat. Die war wenige Sekunden vorher zu sehen gewesen:

Zuwanderer_2012_Suedeuropa_Tagesschau
Quelle: tagesschau.de

Man fragt sich, welche Rolle die Zuwanderung aus Spanien (exakt +9.238), Portugal (+3.549), Italien (+12.013) und Griechenland (+10.330) tatsächlich spielt. Und man fragt sich, ob sich die ARD-Kollegen verrechnet haben.

Tatsächlich sind die Prozentzahlen für Südeuropa richtig. Nur ist es nicht korrekt, sie einfach bloß mit „Zuwanderung“ zu bezeichnen, wie im Screenshot ganz oben. Schaut man nämlich in der ausführlichen Excel-Tabelle der Wanderungszahlen nach, die Destatis heute ebenfalls online gestellt hat, sieht man: Dies sind die Zuzüge von Nichtdeutschen aus diesen Ländern. Also nicht die komplette Zuwanderung, zu der man auch die Deutschen hinzuzählen muss, die aus Spanien zurückkommen.

Die eindrucksvollste Zahl gewinnt

Darüber könnte man vielleicht hinweg sehen. Im Bild mit den 1,08 Millionen „Zuwanderern“ meint die Tagesschau aber plötzlich tatsächlich alle Zuwanderer, inklusive der Deutschen. Fragt man sich, nach welchem Muster die Redakteure wohl entschieden haben könnten, was sie nun gerade für „Zuwanderer“ halten, wäre eine Erklärung: Sie haben immer so gewählt, dass die größte und dadurch eindrucksvollste Zahl herauskommt.

Hätten sie nämlich bei den Prozentzuwächsen (erstes Bild) auch die Deutschen mitgezählt, wären sie für Spanien statt auf +45% nur noch auf +34% gekommen. Und hätten Sie bei der gesamten Zuwanderung (zweites Bild) allein die Nichtdeutschen genommen, wären sie nur auf 966.000 Zuwanderer gekommen. Unter der Milliongrenze. Bah. Wer will so langweilige Nachrichten sehen?

Ich will den Kollegen natürlich nicht bösartig Effekthascherei unterstellen. Vielleicht haben sie den Fehler im Nachrichtentrubel gar nicht bemerkt. Und vielleicht wollen sie ihn ja korrigieren, zumindest im Internettext, der das Sendungsthema auf tagesschau.de unter der Überschrift Mehr Zuwanderung aus Südeuropa begleitet (Anmerkung 8. Mai 2013, 16:15 Uhr: Gerade merke ich, dass der Link tot ist. Offenbar wurde der Artikel offline geschaltet. Ich habe @tagesschau via twitter gefragt, ob gerade korrigiert wird).

Online setzt die Tagesschau noch einen drauf in Sachen Verwirrung. In dieser Tabelle

Saldo_auslaendische_Zuwanderer_2012_Tagesschau
Quelle: tagesschau.de

stehen nämlich nicht die Zahlen der Zuwanderer. Sondern der Saldo der nichtdeutschen Wanderung für das entsprechende Land. Also ausländische Einwanderer minus ausländische Auswanderer. Wären hier nur die ausländischen Einwanderer gemeint gewesen, hätte es zum Beispiel für Polen 176.367 heißen müssen statt 68.122. Das liegt dann doch ziemlich weit auseinander.

Warum immer Spanien, Italien und Griechenland?

Man muss sich ohnehin ein wenig wundern, warum alle dauernd von Spanien, Italien, Griechenland oder Portugal reden, wenn es um die Einwanderung geht. Es ist schon richtig, dass der Strom aus diesen Ländern gerade sehr deutlich ansteigt. Noch stärker aber stieg er aus Zypern an (+52%) oder aus Slowenien (+62%), die beide eher nicht Gegenstand der medialen Migrationsbegeisterung sind.

Klar, könnte man sagen, von dort kommen ja auch viel weniger Leute. Aber wegen der Masse an Auswanderern dürfte man Spanien, Italien und Griechenland auch nicht hervorheben (und Portugal schon gar nicht). Sie stehen in der Rangliste der Länder, aus denen die Menschen nach Deutschland kommen, erst auf den Plätzen fünf, sechs, und sieben (Portugal: Rang 18). Viel bedeutender sind die ersten vier Nationen: Aus Polen, Rumänien, Bulgarien und Ungarn kamen 2012 42 Prozent aller ausländischen Zuwanderer zu uns.

Aus Spanien, Italien, Griechenland und Portugal hingegen nur 12 Prozent. Die meisten Migranten kommen ganz woanders her: 46 Prozent setzen sich zusammen aus Wanderern aller Herren Länder. Ein bunter Mix, zu dem jede Nation nur wenig beiträgt.

Wahrscheinlich ist es einfach nicht besonders sexy, über diese Länder zu berichten. Oder uns Journalisten fällt keine gute Geschichte dazu ein. Dabei gäbe es eigentlich eine, auch wenn sie Demografen schon sehr lange bekannt ist: Einwanderer kamen schon immer vor allem aus den Ländern in die EU, die dem Staatenbund zuletzt beigetreten sind.

Dass dieses Schema auch 2012 noch ein entscheidende Rolle für Deutschland spielt, sieht man an einer kleinen Grafik, die die Destatis-Experten ganz hinten ins letzte Tabellenblatt ihrer Excel-Tabelle gepastet haben:

Zuzuege_Nichtdeutsche_Beitrittsstaaten_EU_Destatis
Quelle: Excel-Tabelle Destatis zu neuen vorläufigen Wanderungszahlen 2012

Das Spannende ist die orangene gestrichelte Linie: Der Prozentanteil der Einwanderung aus den EU-15-Staaten (dazu gehören auch Spanien, Italien, Griechenland und Portugal) hat auf längere Sicht bisher keinen ungewöhnlichen Sprung nach oben gemacht. Dauerhaft steigt aber die Kurve für die Beitrittsstaaten von 2007, das sind Rumänien, und Bulgarien. Aus beiden kamen 2012 viele ausländische Einwanderer (116.154 und 58.504) und aus beiden waren es deutlich mehr als im Vorjahr (+23% und +14%).

Zahlenmäßig ist die Migration aus den Beitrittsländern dominant. Gut möglich, dass sie es auch dann noch ist, wenn die Spanier und Portugiesen längst wieder in ihrer Heimat bleiben. Mal sehen, ob das was an der Berichterstattung ändert. Momentan unterliegen die meisten Kollegen wider der statistischen Relevanzkriterien wohl eher dem Charme des Südens.


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Gero von Randow Mai 8, 2013 um 07:19

Großartig, klasse, Björn!

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Daniel Mai 8, 2013 um 09:53

Danke für die Analyse. Immer wiedewr erstaunlich, wie Zahlenb zur Zwanderung bewusst „gedehnt“ werden um die Aussage in die eine oder andere Richtung zu drehen.

Inhaltlich kann aber trotz der geringen absoluten Anzahl von Zuwanderern aus Südeuropa ein erster kleiner Trend festgestellt werden und ich gehe davon aus, dass er sich verstärken wird. Die ersten inoffiziellen Zahlen und Berichte aus dem Jahr 2013 deuten darauf jedenfalls hin – wir erden auf die offiziellen Zahlen warten müssen.

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Björn Schwentker Mai 8, 2013 um 21:05

Lieber Daniel,

danke für Ihren Kommentar. Ich gebe Ihnen recht, dass es solch einen ersten kleinen Anstieg von Zuwanderern aus Südeuropa gibt. Wenn er noch ein paar Jahre anhält und die absoluten Zahlen größer werden, kann man sicher auch von einem Trend reden. Das muss sich aber erst zeigen.

Meine Vorsicht rührt daher, dass die Deutschen bisher immer sehr gut darin waren, in der Wanderung etwas zu sehen, was die Zahlen nicht wirklich hergaben. Zum Beispiel gibt es immer noch die Vorstellung, wir seien kein Einwanderungsland. Während wir diesen Irrglauben endlich überwinden, müssen wir aufpassen, dass wir uns nun nicht vormachen, wir seien ein Einwanderungsland nur für bestimmte Menschen – weil uns das vielleicht gut gefiele.

Möglicherweise bin ich da übervorsichtig. Wenn der Trend da ist, nenne ich ihn gerne einen Trend. Einstweilen bin ich lieber auf der Hut.

Beste Grüße
Björn Schwentker

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Thomas Mai 8, 2013 um 10:44

Gerade für eine öffentlich-rechtliche Anstalt ein Armutszeugnis, wenn so mit Zahlen „umgegangen“ wird. Gerade die Gebührenzahler haben doch das Recht auf objektive Berichterstattung. Schließlich zahlen sie, anders als bei den Privaten, Beiträge.

Ich würde mir wünschen, dass die ARD eine Korrektur sendet.

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A.P. Mai 8, 2013 um 12:58

Naja, wer sich von der Tagesschau gut informiert fühlt, dem ist schon lange nicht mehr zu helfen. Wie soll das auch gehen, in weniger als 15 Minuten komplexe Sachverhalte sachgerecht zu vermitteln? Wobei sich bei derartigen Verzerrungen schon der Eindruck aufdrängt, dass man es hier wahlweise mit Inkompetenz oder Absicht zu tun hat…

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Björn Schwentker Mai 8, 2013 um 13:42

Liebe(r) A.P.,

klar, für komplizierte Sachverhalte braucht man auch mal mehr Zeit bzw. Platz in den Medien. Aber die kurzen Formen, gerade die Nachrichten, machen mit den Kern des Journalismus aus und sind auch nicht wegzudenken.

Gerade darum muss es irgendwie möglich sein, auch in Kürze korrekt zu bleiben. Ich glaube, hier wäre das auch gegangen. Hätte man die Zuwanderer korrekt benannt, wäre schonmal ein überflüssiger faktischer Fehler ohne Zeitverlust ausgeblieben.

Und was die Übergewichtung der südeuropäischen Staaten angeht: Da hätte man ja genauso gut Polen, Bulgarien und Rumänien nehmen können. Aber vielleicht hätte das für die Tagesschau dann nicht genug Nachrichtenwert gehabt. Was okay gewesen wäre. Verzicht ist besser als Falschmeldung.

Beste Grüße
Björn Schwentker

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Hermes Mai 8, 2013 um 16:40

Eindrucksvoll wären auch noch andere Zahlen gewesen – die zugegebenerweise in den Kolonnen der ausführlichen Version des Dokuments versteckt sind:
1. Das einzige Land in Europa, das gegenüber Deutschland einen positiven Wanderungssaldo bei den Nichtdeutschen aufweist (die weit überwiegend Türken sein dürften), ist die Türkei.
2. Deutschland insgesamt hat seit acht Jahren ununterbrochen einen negativen Wanderungssaldo gegenüber dem Rest der Welt bei den Deutschen.

Aus 1. und 2. zusammen ließe sich schlussfolgern: Deutschland ist für alle ein attraktives Land, nur nicht für Türken und für Deutsche…

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Juergen Schoenstein Mai 8, 2013 um 17:26

Da muss ich mal ein bisschen entgegenhalten: Es ging bei dieser Darstellung – zumindest laut der verlinkten Pressemitteilung (ich kenne den Begleittext der ARD-Berichterstattung nicht, nehme jetzt aber einfach mal an, dass es sich an der Destatis-PM orientiert hat) – um die Illustration des Effekts, den die wirtschaftlichen und eurokrisenhaften Probleme der beschriebenen Länder auf die Zuwanderung nach D hatten. Also die Emigrationskomponente (den „Push“), nicht die Immigrationskomponente (= den „Pull“) dieser Wanderungsbewegung. Dafür finde ich genau diese Zahlen durchaus überraschend und erhellend. Dass vor allem aus neuen EU-Mitgliedslaendern, die ertsmals in den Genuss der EU-Freizuegigkeit kommen, ein besonders starker Zuwanderungsstrom kommt, duerfte niemanden allzu sehr ueberraschen. Aber dass auch „reifere‘ Volkswirtschaften wie Spanien und Italien wieder staerkere Abwanderungsschuebe erleben, ist durchaus eine Nachricht. Ich verstehe nicht ganz, worauf sich der Vorwurf der Verfaelschung begruendet … die Zahlen an sich stimmen mit der Pressemitteilung ueberein.

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Björn Schwentker Mai 8, 2013 um 22:13

Lieber Herr Schönstein,

vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich freue mich über Kritik.

Ich gebe Ihnen Recht, dass es sehr wichtig ist, die wirtschaftlichen Probleme der südeuropäischen Staaten zu thematisieren. Sie sind sehr ernst, besonders für die Jüngeren. Dazu gehört auch, dass die Wanderung aus diesen Staaten nach Deutschland steigt. Aber ich glaube, man muss sich genau ansehen, ob man das Thema so darstellen sollte, wie es die Tagesschau gemacht hat. Da würde ich gerne differenzieren.

Wir reden über einen Beitrag von 36 Sekunden Länge mit den obigen Bildern und diesem Sprechertext:

Die Schulden- und Wirtschaftskrise in Europa macht Deutschland für Zuwanderer so attraktiv wie lange nicht mehr. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes zogen im vergangenen Jahr 1.080.000 Menschen nach Deutschland, 13 Prozent mehr als 2011. Besonders starke Zuwächse gab es aus den Euro-Krisenstaaten in Südeuropa: Rund 45 Prozent mehr Zuwanderer kamen aus Spanien, aus Portugal und Griechenland waren es je 43 Prozent, und aus Italien kamen knapp 40 Prozent mehr. Mehr Details zur Zuwanderung nach Deutschland finden Sie auf tagesschau.de

Es geht mir um zwei Ebenen:

1. Die Darstellung der Zahlen ist faktisch falsch, weil Äpfel mit Birnen verglichen werden, die auch Äpfel genannt werden: Die 1.080.000 Menschen sind Ausländer und Deutsche zusammen, die Prozentzahlen beziehen sich aber nur auf nichtdeutsche Zuwanderer. Das macht faktisch in der Größe der Zahlen einen Unterschied, wie ich auch oben im Blogtext beschrieben habe. Die Tagesschau spricht aber immer nur von „Zuwanderern“, sowohl im Bildschirmtext als auch im Sprechertext. Sowohl in der Pressemitteilung von Destatis als auch in der zugehörigen Excel-Datei werden die differenzierten, richtigen Bezeichnungen benutzt. Die Vorlage war also richtig. Hier haben die Journalisten einfach geschludert und durch den falschen Vergleich der Kategorien einen falschen Eindruck erweckt.

Im Online-Text kam noch dazu, dass man die Zuwanderung mit dem Wanderungssaldo verwechselt hat. Den Text hat tagesschau.de inzwischen aber von der Seite genommen.

2. Wenn man wirklich nur über das Thema Südeuropa reden will, dann sollte man das ganz klar machen. Hier entsteht meiner Meinung nach der Eindruck, dass ein kurzer Beitrag über die Grundsätzliche Beschaffenheit der Einwanderung insgesamt läuft. Ausschlaggebend dafür ist der Anlass, der bei einer aktuellen Nachrichtensendung wie der Tagesschau das Thema bestimmt. Und der Anlass war in diesem Fall die Veröffentlichung der neuen Wanderungszahlen generell. Die Gesamtwanderung wird aber gleich mit den Südeuropäern als einzigem (!) Bestandteil in diesem Beitrag in Verbindung gebracht. Das klingt für mich so, als sei die gesamte Einwanderung vor allem durch die Südeuropäer bestimmt.

Aus diesem Anlass hätte die Tagesschau ein gerne knappes aber doch ausgewogenes Bild von den Wanderungsgruppen zeichnen müssen. Sie darf natürlich auch einen Beitrag zur Wanderung aus Südeuropa machen, aber dann müsste dazu ein spezifischer Anlass vorliegen. Klingt vielleicht etwas kompliziert, aber so funktioniert meiner Ansicht nach die Wahrnehmung der Medien. Was hängen bleibt, ist nur noch ein sehr reduzierter „Küchenzuruf“: „Hey, Oma, im Fernsehen kommen die neuen Wanderungszahlen. Eine Millionen Zuwanderer, die wichtigsten sind Südeuropäer, Krass!“

Wie schon in meiner Antwort auf den Kommentar von Daniel oben gesagt, müssen wir in Deutschland sehr vorsichtig sein, welches Bild wir mit Einwanderung verbinden. Eben noch glaubten große Teile der Politik, Deutschland sei gar kein Einwanderungsland. Und jetzt gibt es eine Fokus (nicht nur in der Tagesschau) auf eine bestimmte Form der Einwanderung, die gewünscht ist.

Das kann gefährlich sein. Es kann nämlich dazu führen, dass die restliche (zahlenmäßig dominante) Zuwanderung als unerwünscht im Dunkeln bleibt. Das ist leider keine grundlose Angst. Der Mediendienst Integration hat hier und hier sehr schön aufgeschrieben, wie es zu einer ausgrenzenden Diskussion der vermeintlichen „Armutswanderung“ aus Rumänien und Bulgarien kommen konnte. Für die NPD war die mediale Debatte leider eine schöne Vorlage.

Nennen Sie mich gerne übervorsichtig. Ich glaube trotzdem, dass es die Verantwortung von Redakteuren wie denen der Tagesschau ist, sich zu überlegen, welchen Eindruck und welche Bewertung von Wanderung sie bewirken, wenn sie einen Fokus auf Südeuropa setzen und die Mehrheit der Wanderung weglassen. Die Tagesschau muss ihre Berichterstattung dabei sogar im großen Rahmen der allgemeinen Mediendebatte sehen, die ähnlich fokussiert ist und die entsprechenden Wanderungs-Bewertungen mitliefert, die die Tagesschau schon aus Zeitgründen nicht liefern kann.

Damit fordere ich vielleicht viel von der Tagesschau-Redaktion. Aber dort sitzen ja nicht ohne Grund Profis. Nach wie vor hat die Sendung eine ungeheure Reichweite und Glaubwürdigkeit. Und damit eine große Macht, unser Weltbild zu beeinflussen. Durch die Konstruktion von medialer Wirklichkeit.

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Volker Stollorz Mai 9, 2013 um 06:23

Lieber Björn,
mich würde interessieren, wie Deine Nachricht in der Länge der obigen Tagesschaumeldung ausgesehen hätte, wenn Du sie geschrieben hättest. „Aus diesem Anlass hätte die Tagesschau ein gerne knappes aber doch ausgewogenes Bild von den Wanderungsgruppen zeichnen müssen.“ Geht das?

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Björn Schwentker Mai 9, 2013 um 21:07

Lieber Volker,

danke, sehr gute Frage. Nach etwas Überlegung:

„Die Zuwanderung nach Deutschland steigt weiter an. Vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge zogen letztes Jahr 1.080.000 Menschen aus dem Ausland in die Bundesrepublik. Damit wuchs die Zahl der Einwanderer im sechsten Jahr in Folge. Insgesamt kamen 2012 knapp 370.000 mehr Menschen als das Land verließen. Dies ist der höchste Wanderungssaldo seit 1995. Der Einwanderungsüberschuss entstand zu 80 Prozent durch Migranten aus Europa. Insgesamt zählten die Wiesbadener Statistiker Zuwanderer aus 115 Ländern.“

(Das ist etwas kürzer als der Tagesschautext.)

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ben_ Mai 9, 2013 um 10:23

He Björn, da muss ich erst über Rivva hiereinstolpern und zu erfahren, dass Du ein so großartiges Blog hast. Sowas. Toller Artikel. Weiter so! Du hast jetzt einen Abonnenten mehr.

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