1. Februar 2013, 15:50  5 Kommentare

Verdrehte Rentendebatte

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Wenn es um die Rente geht, ist mit der objektiven Berichterstattung in den Medien ganz schnell Schluss. Leider auch in der Süddeutschen Zeitung. Ihr Aufmacher vom Donnerstag (31.01.2013) über die Frührente fußt auf ungeeigneten Daten und einem journalistisch höchst fragwürdigen Informanten. Unter dem Titel „Trend zur Frührente – trotz Einbußen“ beschreibt SZ-Autor Thomas Öchsner ganz oben auf Seite eins, wie angeblich neue Daten der Deutschen Rentenversicherung (DRV) belegten, dass immer mehr Deutsche vor der offiziellen Altersgrenze in Rente gingen und dafür Abschläge in Kauf nehmen. Die Experten der DRV kommen mit den richtigen Daten allerdings zu einer ganz anderen Aussage: „Regelaltersrente auf dem Vormarsch“. Der Trend geht demnach also tatsächlich zum offiziellen Rentenalter, das bis vor kurzem bei 65 Jahren lag.

Politisch dreht sich der SZ-Text um die Frage, ob die kommenden Rentner immer häufiger in Altersarmut leben müssen. Entsprechende Ängste aus dem linken Spektrum benennt und zitiert Öchsner in seinem Artikel. Ich bin sehr beunruhigt, wie unkritisch Deutschlands beste Qualitätszeitung sich hier zum politischen Sprachrohr machen lässt. Dass die Querschnittsdaten, die die SZ verwendet, ungeeignet sind, um etwas über die Verhaltensänderung der Rentner zu sagen, hätte die Redaktion eigentlich durch Recherche bei den Fachleuten herausfinden müssen. Als Protagonisten des Textes stehen die Zahlen jedoch gleich im ersten Absatz:

In Deutschland gehen immer mehr Menschen vorzeitig in Rente – und das, obwohl sie Einbußen bei ihren Altersbezügen verkraften müssen. Nach den neuesten Zahlen der Rentenversicherung bezogen 2011 knapp 700000 Menschen erstmalig ihre Altersrente. Knapp die Hälfte von ihnen, fast 337000, bekamen nicht ihr volles Ruhegeld ausgezahlt, weil sie nicht bis zur Regelaltersgrenze von damals 65 Jahren gearbeitet hatten. Noch nie mussten so viele Frührentner Einbußen hinnehmen. Ihr Anteil an allen neu hinzu gekommenen Altersrentnern entspricht damit 48,2 Prozent. 2010 waren es 47,5 Prozent, 17000 weniger. 2005 waren es noch 41,2 Prozent.

Betrachtet man stattdessen die richtigen, nämlich Jahrgangsdaten der Rentner, sieht das Bild gleich anders aus. Man erkennt, dass die „SZ-Daten“ vor allem durch demografische Veränderungen und Anpassungen im Rentenrecht beeinflusst sind. Leider sind diese Dinge nicht so einfach, dass man sie in einem kurzen Aufmacher erklären könnte. Aber das Thema ist zu wichtig, um sie unerklärt zu lassen.

Tendenziöse politische Quelle

Es ist extrem bedauerlich, dass die SZ-Redaktion nicht schon vorsichtig wurde angesichts der Quelle, die sie offenbar zu diesem Aufmacher veranlasst hat: Matthias Birkwald, rentenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der LINKEn, hatte der Redaktion ein Papier zukommen lassen, in dem auch Daten enthalten waren, die Birkwald bei der Deutschen Rentenversicherung angefragt hatte. Derselbe Matthias Birkwald hatte im Dezember 2011 mit der falschen Behauptung, Geringverdiener stürben früher, in den Medien ein großes (nein, riesiges) Sprachrohr gefunden, obwohl er die Daten völlig falsch dargestellt und interpretiert hatte (Tatsächlich steigt auch die Lebenserwartung von Geringverdienern, wie ich hier im Blog nachgewiesen habe). Bei solch einem Informationsgeber sollte jeder Journalist eigentlich doppelt kritisch mit den angepriesenen Daten umgehen.

Bei diesen Daten handelt es sich vor allem um zwei Tabellen in Birkwalds Papier (es liegt inzwischen nicht nur der SZ, sondern auch hier im Demografie-Blog vor), in denen für alle Neurentner der Jahre 2010 bzw. 2011 nach Berufsgruppen aufgeführt ist, wie viel Prozent davon Abschläge bei der Rente hatten, weil sie vor dem damaligen Rentenalter von 65 aus dem Beruf ausschieden (siehe Tabellen 3 und 4 auf den PDF-Seiten 5 und 6). In der Summe hatten laut Birkwalds Listen im Jahr 2011 48,2 Prozent der Rentner Einbußen durch Abschläge. Die Birkwald-Liste für 2010 weist 47,5 Prozent aus, also 0,7 Prozentpunkte weniger. Diese beiden Prozentzahlen zitiert auch die Süddeutsche im ersten Absatz ihres Artikels. Man hatte wohl bei der SZ das berechtigte Gefühl, dass ein solcher einmaliger, kleiner Anstieg des Frührentneranteils als Basis für einen Aufmacher noch etwas dünne ist, und fügte dem Ganzen noch die Prozentzahl für 2005 hinzu: Damals habe die Quote von Frührentnern mit Abschlägen noch bei 41,2 Prozent gelegen. Damit sieht die Entwicklung seitdem schon richtig nach einem Trend aus.

Recherchiert man der 2005er-Zahl hinterher (Googeln reicht), findet man sie in einer offiziellen DRV-Schriftenreihe mit dem Titel „Rentenversicherung in Zeitreihen“ (Originaldownload der DRV) vom Oktober 2011 (Tabelle auf PDF-Seite 69). Dort findet sich auch Birkwalds Frührentner-Anteil für 2010. Und im DRV-Statistik-Heft „Rentenzugang 2011“ (Auf den Seiten der DRV) auch die 48,2 Prozent Frührentner im Jahr 2011 (in der Tabelle auf PDF-Seite 4). Dieses Heft wurde im Juni 2012 veröffentlicht. Neu sind die Aufmacherzahlen der Süddeutschen also wirklich nicht. Neu war wohl nur, dass Matthias Birkwald sich dringend einen Artikel darüber in der SZ gewünscht hat. Hat ja auch wunderbar funktioniert.

Wenn die Medien nur die Zahlen einzelner Jahre herauspicken, ist es immer gut, sich die gesamte Zeitreihe anzusehen. In den beiden DRV-PDFs findet man sie bis zurück zum Jahr 1997:

Tabelle: Altersrentner gesamt und mit Abschlägen

Jahr Neue Altersrentner darunter mit Abschlägen mit Abschlägen in Prozent
1997 836.625 2.429 0,3 %
1998 811.902 12.006 1,5 %
1999 878.102 28.086 3,2 %
2000 878.521 127.350 14,5 %
2001 818.642 251.743 30,8 %
2002 771.792 247.986 32,1 %
2003 826.809 278.146 33,6 %
2004 808.401 306.654 37,9 %
2005 773.267 318.910 41,2 %
2006 756.993 303.703 40,1 %
2007 704.461 323.387 45,9 %
2008 710.410 331.262 46,6 %
2009 696.957 314.945 45,2 %
2010 673.546 319.935 47,5 %
2011 698.753 336.856 48,2 %

Die Daten im zitierten Absatz der Süddeutschen sind also alle richtig! Warum ist die Interpretation trotzdem falsch?

Die Zahlen sind richtig, die Interpretation ist falsch

Über eine Verhaltensveränderung der Rentner sagen diese Prozentzahlen deshalb wenig aus, weil hier quasi Äpfel mit Birnen verglichen werden. Das ist (leider) sehr oft der Fall, wenn wie hier mit so genannten Querschnittsdaten argumentiert wird: Im selben Kalenderjahr stellt man jeweils diejenigen, die mit 65 in Rente gehen, ins Verhältnis zu denen, die mit 60 bis 64 Frührentner werden. Diese Frührentner stammen aber aus ganz anderen Geburtsjahrgängen als die, die mit 65 in Regelaltersrente gehen. Verändert sich im Laufe des demografischen Wandels das Größenverhältnis des Regelrentner-Jahrgangs zu den Frührentner-Jahrgängen, dann ändert sich schon allein deshalb der Prozentsatz der Frührentner. Und diese Größenverhältnisse haben sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, als die heutigen Neurentner zur Welt kamen, extrem verschoben.

Beispiel für den Fall der SZ-Zahlen: 2010 kommen die „Regelrentner“ aus dem Jahrgang 1945 (roter Balken in der Grafik unten), die jüngeren Frührentner aber aus den Jahrgängen 1946 bis 1950 (blaue Balken in der Grafik unten).

Daten: Statistisches Bundesamt

Man sieht mit bloßem Auge, dass der 1945er-Jahrgang (65-Järige im Jahr 2010) extrem klein war. Die nachfolgenden Jahrgänge werden aber sukzessive immer größer. Im Jahr 2010 war darum die „Risikogruppe“ derer, die mit 65 in Rente gehen konnten, außergewöhnlich viel kleiner als die derjenigen, die in Frührente gingen (60-64-Jährige). Natürlich ist die Risikogruppe der Frührentner immer größer als die der Regelrentner, denn es stehen ja vier Jahrgänge einem einzelnen gegenüber. Aber das Verhältnis ändert sich wegen des „Weltkrieg“-Geburtenknicks um 1945 enorm: Im Jahr 2010 lebten in den Frührentner-Jahrgängen fast siebenmal so viele Rentnerkandidaten wie im Regelrenterjahrgang 1945. Im Jahr 2005 hingegen waren alle Frührentnerjahrgänge zusammen (1941 bis 1945 geboren) aber nur viermal so stark wie der der 65-Jährigen (1940 geboren). Selbst wenn in jedem einzelnen Jahrgang der Anteil der Frührentner exakt gleich geblieben wäre, wäre der Frührentnerprozentsatz im Kalenderjahr-Vergleich (also im Querschnittsvergleich) darum extrem gestiegen.

Dummerweise wimmelt es in der politischen Debatte nur so von Querschnittsdaten. Gerade in der Rentendebatte ist das verheerend, weil unsere heutigen Ruheständler ausgerechnet um das Ende des 2. Weltkrieges geboren wurden, als die Demografie mal wieder Kapriolen schlug. Und genau in diesen Zeitraum fallen auch die Querschnittszahlen aus der SZ. Dabei gibt es Rentenzahlen, die unabhängig von solchen Verwerfungen sind, nämlich als so genannte Jahrgangs- oder Kohortenauswertungen. Schön zusammengefasst und grafisch aufbereitet kann man sie nachschlagen im DRV-Heft „Rentenzugang 2011: Regelaltersrente auf dem Vormarsch – Aktuelle Entwicklungen im Kohortenvergleich“ (Auf den Seiten der DRV).

Und siehe da: Offenbar gibt es aus Sicht der einzelnen Jahrgänge seit einiger Zeit einen Trend zum Regelrentenalter 65:

Gingen vom 1940er-Jahrgang erst 32 Prozent mit 65 (also im Jahr 2005) in Altersrente, waren es in der 1945er-Kohorte (wurde 2010 65) schon 45 Prozent. Dazu passt, dass das durchschnittliche Zugangsalter der Jahrgänge kontinuierlich steigt:

Für die Kohorte 1946 (also Rente mit 65 im Jahr 2011), so schreiben es die DRV-Autoren zu dieser Grafik, dürfte das durchschnittliche Alter aber noch höher liegen als bei den angegebenen 63,0 Jahren, da die letzten Anträge des Jahres 2011 noch nicht ausgewertet waren, als die Grafik gemacht wurde. Der Trend zu immer späterer Verrentung hält also an.

Steigerung bei Abschlägen: Kein Trend mehr

Allerdings heißt das nicht automatisch, dass der Anteil der Rentner, die Abschläge zahlen müssen, weniger wird – auch nicht, wenn man sich die Entwicklung auf Jahrgangsbasis anschaut. Vielmehr ist der Prozentsatz zunächst rapide gestiegen:

Während der Prozentsatz für die 1936 geborenen (2001 Rente mit 65) noch bei Null lag, schnellte er bis zum 1943er-Jahrgang (2008 Rente mit 65) hoch bis auf fast 50 Prozent. Das allerdings hat wenig mit dem Arbeitsmarkt zu tun, sondern damit, dass die Rentenabschläge in dieser Zeit erst langsam eingeführt wurden. Für die 1936 und vorher geborenen gab es noch keine Abschläge. Ab 60 konnte man damals noch ohne Einbußen in Rente gehen. Dann wurde das abschlagsfreie Renteneintrittsalter nach und nach jedes Jahr angehoben. Es gab also automatisch jedes Jahr mehr Rentner, die jünger waren als das Alter, ab dem schon Abschläge zu zahlen waren. Das schlug sich sowohl in der Kohortenstatistik als auch in der Kalenderjahrstatistik (also im Querschnitt, siehe Tabelle oben), in rapiden Zuwächsen beim Prozentsatz der Ruheständler mit Abschlägen nieder.

Als die Altersgrenzen für abschlagsfreie Verrentung zunächst nicht mehr stiegen, kletterte auch der Anteil der Rentner mit Einbußen nicht mehr spürbar nach oben. Von der 1944er- zur 1945er-Kohorte nahm er sogar ab. Allerdings gibt es immer wieder gesetzliche Änderungen für den Renteneinstieg, die sich auf die Abschläge auswirken. Als Grund für die kleinen Wackler in der Kurve ab dem 1943er-Jahrgang könnten sie womöglich schon ausreichen.

Arbeitsmarkt für die Generation 60+: Alles gut?

Ist also alles gut auf dem Arbeitsmarkt für die Generation 60+? Diese Frage bleibt offen – Rentendaten hin oder her. Selbst wenn die kommenden Rentnerjahrgänge immer seltener in Frührente gehen, besteht die Gefahr, dass allein durch die wachsende Größe der Babyboomer-Kohorten in jedem Kalenderjahr unter dem Strich mehr Frührentner mit Abschlägen übrig bleiben. Darüber, warum diese Menschen in Frührente gehen, ist damit aber noch nichts gesagt. Vielleicht, weil der Arbeitsmarkt ihnen nicht genug geeignete Stellen bietet. Vielleicht aber auch, weil sie auch mit Abschlägen noch genug Geld haben. Die wichtige Frage der Altersarmut hängt von wesentlich mehr ab als nur von ein paar Querschnittsdaten über die Frühverrentung. Man sollte sie im Interesse der Menschen ernsthaft, objektiv und transparent diskutieren.

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Dani Februar 1, 2013 um 18:38

Lieber Björn,
„ernsthaft, objektiv und transparent“ wird öffentlich bei der Rente gar nicht diskutiert. Es wäre dem Thema aber angemessen, genau das zu tun! Der Abschlusssatz trifft Deine Analyse deshalb auf den Punkt.
Danke für diese — wieder einmal — sehr interessante Analyse, die zu einem völlig anderen Schluss kommt, als der SZ-Artikel, den ich auch gelesen hatte.
Dani

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H.Ewerth Februar 4, 2013 um 10:59

Könnte nicht auch, der Zwang durch die Arbeitsagentur, Rente zu beantragen, dahinter stecken? In meinem Bekanntenkreis, kenne ich zwei Fälle, welche beide Arbeitslos und über 60 Jahre alt, gezwungen wurden Rente zu beantragen.

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ostseehamlet Februar 4, 2013 um 12:07

Das Wort „Interpretation“ in Kombination mit „falsch“ oder „richtig“ zu verwenden ist schon eine so eine Sache…

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Petra Februar 5, 2013 um 09:40

Mal sehen wie verwundert die SZ schreiben wird, wenn es belastbare Zahlen für die nächsten Jahre geben wird. Die „Frührentner“ des Jahres 2011 (und etwa 2013) sind die letzten Arbeitnehmer, die in den Genuss der staatliche geförderten Altersteilzeit gekommen sind.
Und eine Zwangsverrentung ab 60 ist ein probates Mittel zur Statistikbereinigung bei den Argen. Wer mit 58 arbeitslos wird, ist draußen….

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