28. Juni 2012, 14:45  5 Kommentare

Land ohne Väter

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Was ist das Elterngeld?

Seit Januar 2007 erhalten Eltern von Neugeborenen 65 Prozent ihres Monatsgehalts (maximal aber 1800 Euro), wenn sie statt zu arbeiten zuhause bleiben. Insgesamt können 14 solcher Monate beantragt werden, aber höchstens zwölf von einem Elternteil – egal ob Vater oder Mutter. Die zwei übrigen verfallen, wenn nicht der oder die andere auch zuhause bleibt.

Diese beiden Partnermonate fingen sich noch vor dem Start des Elterngeldes den Namen „Vätermonate“ ein, weil man davon ausging, dass die Väter höchstens diese zwei Monate nehmen würden (obwohl sie bis zu zwölf nehmen könnten), während die Mutter ohnehin zuhause bleiben würden.

Mehr zum Elterngeld auf Wikipedia

Wie berechnet sich die Elterngeldzeit des Durchschnittspapas?

Um auszurechnen, wie viel Zeit wirklich alle Kinder im Durchschnitt von ihrem Papa in Elternzeit haben, muss man die große Menge der Väter mit Elterngeldzeit Null mit zählen. Genau das ist die Elterngeldzeit des Durchschnittspapas. Für ganz Deutschland, also für den Bundesdurchschnittspapa, berechnet sich die Elterngeldzeit so:

Bundesdurchschnittliche Elterngeldzeit = 25,3%/100 x 3,3 Monate + (100%-25,3%)/100 x 0 = 0,85 Monate (Der zweite Summand steht für die Väter, die keine Elterngeldzeit genommen haben.)

Dieser Ansatz mag gewöhnungsbedürftig erscheinen: Aber er bewertet in einer einzigen Maßzahl sowohl den Anteil der Väter in Elterngeldzeit, als auch die Dauer ihrer Betreuungszeit und misst gleichzeitig das große Heer derer mit, die das Elterngeld (noch) nicht nutzen.

Dieselbe Formel lässt sich für jeden Kreis anwenden. Das ergibt die Werte, die die Farben der Kreise in der Karte bestimmen. Konkret berechnet sich jeder Kreiswert so: In der Tabelle A4 im PDF der jüngsten Elterngeld-Daten (ab Seite 20) wurde der jeweilige Kreiswert aus Spalte 3 (Prozentanteil der Väter, die Elterngeld bekommen) durch 100 geteilt und multipliziert mit dem Wert in Spalte 16 (Durchschnittliche Bezugsdauer des Elterngeldes im betreffenden Kreis).

Elterngeld und Vaterzeit nach Kreisen 2010 - interaktive Karte
Wie sehr engagieren sich die Väter für ihre Kleinen in den einzelnen Kreisen Deutschlands? Eine interaktive Karte aus der Sicht des Kreisdurchschnittspapas.

Kaum hatte das Statistische Bundesamt (destatis) gestern um Punkt 10.00 Uhr die jüngsten Zahlen zum Elterngeld (Was war das doch gleich?) für 2010 geborene Kinder veröffentlicht, folgte auch schon die Selbstbeweihräucherung des Bundesfamilienministeriums. Um 10.23 Uhr schickte das BMFSFJ eine Pressemitteilung raus, in der Familienministerin Kristina Schröder jubiliert: „Vom Elterngeld profitieren (…) immer mehr Väter – und vor allem die Kinder. Das Elterngeld unterstützt die Eltern dabei, ihre Aufgaben in Familie und Beruf partnerschaftlich aufzuteilen (…).“.

Als Beleg für ihre Erfolgsthese führt die Ministerin die gerade veröffentlichten destatis-Zahlen an: 25,3 Prozent aller Väter der 2010 geborenen Kinder haben Elterngeld beantragt und sich so Zeit für die Betreuung ihrer Kinder genommen. So weit richtig. Ebenso wie die erfreuliche Tatsache, dass dieser Anteil seit Einführung des Elterngeldes 2007 kontinuierlich steigt. Aber sind wir dem erklärten Ziel damit wirklich näher gekommen, die Kindererziehung gleichberechtigter zwischen Mann und Frau aufzuteilen? Eine genauere Analyse der Zahlen zeigt: Besonders stolz können die deutschen Väter noch nicht auf sich sein. Und der Trend geht eher zu einer finanziellen Mitnahmementalität denn zu echter Arbeitsteilung am Wickeltisch.

Wie weit hat das Elterngeld bisher tatsächlich dazu geführt, dass Väter mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, und weniger mit ihrem Job? Darüber sagen die 25,3 Prozent der Väter nur sehr begrenzt etwas aus. Denn zum Einen werden darin auch alle Papas mitgezählt, die gerade keine Arbeit haben und sowieso zuhause sind. Der Prozentsatz allein der Väter, die vor Geburt ihrer Kinder erwerbstätig waren, liegt erst bei 21,7 – und damit näher an einem Fünftel als an einem Viertel:

Der Anteil der Väter in Elterngeldzeit steigt…

Anteil aller
Väter
(Prozent)
Anteil arbeitender
Väter
(Prozent)
2007 15,5 12,1
2008 20,8 17,1
2009 23,6 19,7
2010 25,3 21,7

Zum Anderen spielt nicht nur eine Rolle, ob Papa überhaupt zuhause bleibt, sondern auch wie lange. Sprich, wie sehr er sich wirklich darauf einlässt, dauerhaft die Betreuungs- und Haushaltsarbeit zu teilen. Die Zahlen sagen: Immer weniger. Denn die durchschnittliche Vaterzeit sinkt kontinuierlich. 2008 waren es noch 3,7 Monate (2007 nicht erfasst), 2010 nur noch 3,3. Damit ist das Bild allerdings noch geschönt. Denn wieder zählen auch Väter mit, die vor der Geburt ihres Kindes arbeitslos waren. Sie ziehen den Durchschnitt in die Höhe, weil sie tendenziell länger Elterngeldzeit nehmen. Lässt man sie raus und rechnet nur für die Erwerbstätigen, kommt man nur noch auf 3,1 Monate Vaterzeit (2010).

Was diese Durchschnitte nicht zeigen: Es gibt einen klaren Trend hin zu lediglich zwei Monaten Vaterzeit. 2007 blieb es für 65,4 Prozent der Papas bei den zwei „Vätermonaten“, 2010 schon für 76,0 Prozent. In derselben Zeit hat sich der Anteil derer, die ein ganzes Jahr Auszeit nahmen, von 12,9 Prozent auf 6,5 fast halbiert. Gab es direkt nach der Einführung des Elterngeldes noch so etwas wie eine gewisse Freude der Väter, echte Gleichberechtigung in der Familie auszuprobieren, ist davon inzwischen sehr viel weniger übrig geblieben. Stattdessen scheinen sich die zwei „Vätermonate“ als Norm dessen herauszubilden, was Mann halt so nimmt.

…aber Väter bleiben immer kürzer zuhause

∅ -Zeit
aller Väter
(Monate)
∅ -Zeit
arbeitender Väter
(Monte)
Anteil Väter
mit 2 Monaten
(Prozent)
Anteil Väter
mit 12 Monaten
(Prozent)
2007 65,4 12,9
2008 3,7 3,4 69,7 8,3
2009 3,5 3,2 74,6 7,4
2010 3,3 3,1 76,0 6,5

Für die Politik und die mediale Debatte ist das vermutlich schon zu kompliziert. Zu viele Zahlen. Wie steht es denn nun um das Engagement der Männer? Steigt es, weil immer mehr Männer sich trauen, ihrem Chef gegenüber eine Auszeit fürs Kind durchzusetzen? Oder sinkt es, weil die Männer, die zuhause bleiben, sich dort immer kürzer ums Baby kümmern? Was man bräuchte, wäre eine einzige Zahl, die die durchschnittliche Elterngeldzeit aller Väter zusammenfasst.

Wie misst man Vater-Engagement richtig?

Mein Vorschlag für eine solche Maßzahl: Die Zeit, die der Durchschnittspapa tatsächlich im Rahmen des Elterngeldes zuhause bleibt, um das Kind zu betreuen. Für ganz Deutschland wären das:

0,85 Monate
(bleibt der Bundesdurchschnittspapa in Elterngeldzeit zuhause beim Kind.)

(Wie berechnet man das?)

Diese Zahl ist so klein, weil darin enthalten ist, dass die große Mehrheit der Väter (2010 waren es drei Viertel) eine Elterngeldzeit von Null nimmt. Diese Ziffer würde Kristina Schröder sicher niemals in ihre Pressemeldungen schreiben lassen. Denn dann müsste sie offenbaren: Deutschland ist ein Land ohne Väter.

Zugegeben, das ist gegenüber den Papas nicht ganz fair. Einige nehmen zwar keine Elternzeit, dafür aber Urlaub, andere versuchen vielleicht, etwas früher von der Arbeit nah Hause zu kommen, um das Kind doch noch eine Weile wach zu erleben. Das bleibt in der obigen Durchschnittspapazeit außen vor. Aber solche väterlichen Bemühungen sind eher einen Tropfen auf den heißen Stein, wenn es darum geht, die Familie wirklich gleichberechtigt zu entlasten. Tagsüber kennen die Kinder fast nur die Mama: Die Bundesdurchschnittsmutter kommt auf 11,23 Monate Elterngeldzeit.

Mehr Betreuung durch Väter? Siehe zweite Nachkommastelle!

Man könnte den Vätern zugute halten, dass die Durchschnittspapazeit steigt. Von 2009 auf 2010 zum Beispiel um 3,2 Prozent. Immerhin, möchte man sagen, aber absolut betrachtet muss man diesen Zuwachs in der zweiten Nachkommastelle suchen gehen: 0,85 Monate (2010) statt 0,82 Monate (2009), das ist knapp ein Tag mehr. Das dürfte die Mütter mit ihren durchschnittlich etwa 342 Tagen nicht sonderlich beeindrucken.

Die Betreuung der Kinder in Deutschland bleibt also eindeutig Frauensache. Das entspricht einem traditionellen Rollenbild der Geschlechter, das sich offenbar in der Praxis seit Jahrhunderten kaum gewandelt hat. Dass es auch ganz anders gehen kann, zeigt ein Blick ins nördliche Ausland: Länder wie Schweden oder Island erreichen mit ihren Elterngeldregelungen Väterquoten von über 90 Prozent.

Kein Wunder, dass die nordischen Staaten kein Problem damit haben, den Stand der Gleichberechtigung in der Kinderbetreuung regelmäßig öffentlich und untereinander vergleichbar zu machen. Dazu berechnet das Nordic Social-Statistical Committee (nososco) alle zwei Jahre den Anteil der Frauen bzw. Männer an allen Betreuungstagen in Elterngeldzeit. Macht man dasselbe für Deutschland, sieht man, wie weit wir in Sachen Geschlechtergleichheit noch zurück liegen.

Aufteilung der Elterngeldzeit zwischen Vätern und Müttern

Wäre es nicht eine tolle Idee für die Wiesbadener Bundesstatistiker, nächstes Jahr, wenn sie die Daten zum Elterngeld 2011 präsentieren, als allererstes diese Verteilung der Betreuungszeit zwischen den Geschlechtern hervorzuheben? (Und nicht, wie dieses Jahr, den vermeintlich so großen Erfolg anhand des „Väteranteils“ von 25,3 Prozent?)

Die Daten dazu liegen destatis vor. Sie veröffentlichen sie allerdings bisher nicht auf Kreisebene (dort fehlen konkret die durchschnittliche Bezugszeit der Mütter und welcher Anteil von Ihnen, gemessen an der Zahl der Neugeborenen, Elterngeld beantragt; diese Zahlen nennt das Bundesamt nur für die Bundesebene im Fließtext seiner PDFs). Vielleicht ließe sich da ja was machen.

Männer in Verhaltensstarre?

Was bleibt am Ende für die Elterngeld-Debatte? Die Zahlen belegen, dass die Umsetzung von Gleichberechtigung in unserem Land weiterhin eine Katastrophe ist. Mit Blick auf die Männer wird sehr gerne der Soziologe Ulrich Beck zitiert: Das starke Geschlecht zeige „verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre“. Klingt einleuchtend, so einfach ist es aber nicht.

Ich glaube nicht, dass Männer nicht mehr beitragen wollen. Es gibt nur sehr vieles, was sie daran hindert: Der Chef, die Angst, die Familie nicht ernähren zu können (und dies als Mann tun zu müssen), die Sorge, vor den Freunden als Weichei dazustehen,… Letztlich ist der Umbruch, den wir wollen, wenn wir mehr Geschlechtergleichheit fordern, ein tiefgreifender kultureller Umbruch.

Die Frage muss also sein, wie wir die Kultur weiter entwickeln. Als Datenjournalist würde ich sagen: Erstmal die richtigen Maßzahlen in die öffentliche Debatte bringen, damit die überhaupt die richtige Grundlage hat. Als Vater würde ich sagen: Die Politik muss es uns einfacher machen, für unsere Kinder zuhause zu bleiben. Das Elterngeld muss weiter entwickelt werden, wir brauchen mehr Partnermonate, und wir sollten sogar über so etwas wie einen verpflichtenden Vater“urlaub“ nachdenken. („Verpflichtet“ würden damit eher die Arbeitgeber als die jungen Väter. Ich spreche über diese Idee auch in einem Interview mit dem Online-Magazin SAKIDA.)

Als Mann frage ich mich: Jungs, sollten wir nicht ein bisschen beherzter selbst definieren, was Männlichkeit für uns in diesem Zusammenhang bedeutet? Könnte dazu nicht auch der Mut gehören, den Chef vor vollendete Tatsachen zu stellen, und so viel Vaterzeit zu nehmen, wie wir wirklich wollen? Und wenn der Arbeitgeber uns wirklich rausschmeißen sollte, weil wir Papa werden: Das Selbstbewusstsein uns zuzutrauen, einen neuen, vielleicht noch besseren Job zu finden (weil wir nämlich wer sind und was können)?

Schwierig. Aber denkbar?

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PapaPicknick Juni 28, 2012 um 16:02

Viele Väter wollen sich stärker an der Betreuung und Erziehung beteiligen. Und die Zahlen (egal wie unzufrieden man damit sein kann) belegen, insbesondere der kontinuierliche Anstieg vorallem eindrucksvoll, dass mit dem Elterngeld endlich auch ein Raum geschaffen wurde, der bereitwillig von eienr bereits vorhandene Beteiligungsbereitschaft aufgegriffen wird.
An ihrem Artikel stört mich allerdings, dass für alles allein das Verhalten der Männer für bestimmte Effekte verantworltich gemacht wird. Sie sind allein schuld – und nicht auch Teil von Absprachen mit der Frau. Und damit deren u.U. auch gegen Väterzeit gerichteten Erwartungen unterworfen. „Geh du mal arbeiten“ – versorge „uns“ mit einem „Standard“. Das ist nicht nur Männerdenken, sondern verbreitete Frauenerwartung.
Abenteuerlich wird es dann, wenn die nicht erwerbstätigen Väter rausgerechnet werden. In der Umkehr sind dann auch alle vor der Geburt erwerbslosen Frauen, keien „richtigen Kinderbetreuerinnen“ sondern nur Mitnahmeeffekte. Sie müssten dann auch rausgerechnet werden.
Ebenso verkennen sie die Kontraeffekte im BEEG selbst. Anreize durch 2 Bonusmonate für sog. Alleinerziehen – häufig auch nur auf dem Papier. Bzw. die kontrafaktische Anreizwirkung von Alleinerziehungszuschlägen und Erwerbsbefreiung im ALGII, die gerade für viele in unteren Lohngruppen zum Anreiz werden, den Vater gar niocht erst an den Wickeltisch zu lassen. Usw.

Antworten

Björn Schwentker Juni 29, 2012 um 09:51

Lieber PapaPicknick,

vielen Dank für Ihren Kommentar. Ein Blog-Post wie der obige muss leider immer beschränkt bleiben und kann nicht alle Aspekte abdecken, die der erfreulich informierten Leserschaft zum Thema auffallen. Das bedeutet nicht, dass sie mir egal wären. Ein Artikel muss sich nur auf etwas fokussieren.

Deshalb habe ich auch teilweise besonders die erwerbstätigen Väter in den Blick genommen. Gerade auf die zielte das Elterngeld ja ursprünglich. Und da sie auch die Mehrheit darstellen, schien es mir adäquat, die Zahlen für ihren Fall zu diskutieren. Damit wollte ich in keiner Weise eine negative Aussage über vor der Geburt nicht erwerbstätige Eltern machen.

Ich gebe Ihnen Recht, dass das Elterngeld ein echter Segen ist. Ja, endlich haben auch die Väter einen Raum, den sie für sich als Betreuungs- und Erziehungszeit nutzen können. Vergleicht man die heutigen Quoten mit denen vor dem Elterngeldgesetz, wo der Vateranteil, der Elternzeit nahm, wohl so um 3,5 Prozent lag, ist das Elterngeld ein riesiger Schritt nach vorne. Auch der kontinuierliche Anstieg seit 2007 ist per se erfreulich.

Ich mache aber darauf aufmerksam, dass die Steigerungen im Anteil allein nicht das sind, was wir eigentlich wollten. Die Zahlen deuten darauf hin, dass immer mehr Väter ziemlich genau zwei Monate nehmen, was damit zu einer Art Norm wird. Gewollt war aber (und das würde ich unterstützen), dass die Betreuungszeit zwischen Müttern und Vätern möglichst gleich aufgeteilt wird – aus vielerlei Gründen. Da kommen wir aber nicht hin, wenn sich lediglich die Zweimonatsnorm durchsetzt und die Mütter weiterhin viel länger zuhause bleiben. Daher werbe ich dafür, öffentlich nicht nur den Erfolg beim Väteranteil zu debattieren, sondern auch das weiterhin bestehende Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau (7% zu 93% in der Betreuungszeit).

Wenn der Text den Eindruck erweckt, dass an allem allein die Männer Schuld seien, so habe ich das unglücklich dargestellt. Mein Einwand gegen das Beck-Zitat, Männer zeigten “verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre”, hatte eigentlich besagen sollen, dass wir mit einfachen Schuldzuweisungen nicht weiterkommen.

Es geht um eine neue Kultur der Gleichberechtigung, die nur alle gemeinsam entwickeln können, weil alle gemeinsam drinstecken und unter ihrem Einfluss stehen. Und weil wir selbst es alle gemeinsam sind, die sie immer wieder leben und dadurch verstärken und aufrecht erhalten. Es ist sogar meiner Ansicht nach müßig zu fragen, wer an so einem Kulturzustand schuld ist, er ist so oder so da.

Man muss sich aber Gedanken darüber machen, wie man die Kultur am besten ändern kann, und wer dazu in der besten Position ist. Und da sehe ich die Männer nicht gerade in einer schwachen Stellung, in der sie die kleinere Verantwortung tragen würden. Es ist keine Frage, das sich auch das Denken und Verhalten, ja die Forderungen der Frauen an die Männer verändern müssen – ganz so wie Sie es schreiben.

Ich darf mich aber als Mann deshalb nicht hinsetzen und sagen: „Jetzt macht mal, Ihr Frauen. Wenn Ihr mich endlich lasst, dann bleibe ich auch länger als zwei Monate zuhause.“ Nicht missverstehen: Ich unterstelle Ihnen nicht, dass Sie das meinen. Ich befürchte aber, dass wir Männer es uns generell etwas leicht machen und (wie der Mensch generell) im Zweifel etwas träge sind und die Dinge einfach so laufen lassen, wie sie immer liefen.

Machen wir uns nichts vor: Faktisch sind die Männer an der Macht. Darum sehe ich uns auch in einer mindestens gleichgroßen Verantwortung wie die Frauen, für mehr Gleichberechtigung zu streiten. Und warum sollten wir nicht voran gehen, was ein neues Rollenverständnis bei der Kinderbetreuung angeht? Wenn wir in der Lage sind, Kriege zu führen, komplizierte Verhandlungen über den Weltfrieden und den Länderfinanzausgleich zu leiten, warum sind wir dann nicht in der Lage, uns mit unseren Frauen hinzusetzen und offen zu reden, zu verhandeln? Darüber nämlich, wie wir uns das Leben fair aufteilen, wie auch wir ein Recht auf unsere Kinder haben, dass wir ebenso gut für sie sorgen können wie sie, wenn wir es wirklich mal machen?

Jetzt bin ich etwas grundlegender geworden. Damit’s nicht untergeht nochmal in kurz: Ja, Sie haben Recht, die Männer sind nicht allein verantwortlich. Aber einfach dürfen sie es sich deswegen nicht machen.

Viele Grüße
Björn Schwentker

Antworten

Cat November 26, 2013 um 12:26

Mal von Frauenseite… Daumen hoch… mich (Alumna u.a. im einem genderorientierten Studiengang) stört die Dauerbeschönigung von Zahlen schon lange, ebenso wie die reaktionäre Haltung vieler Männer und Geschlechtsgenossinnen.
Ich glaube, dass es den Männern nicht gerade einfach gemacht wird, bei den Kindern zu bleiben, und Frauen selbst im 21. Jahrhundert noch unter der Zwangserwartung stehen, die Kindererziehung über den Beruf zu stellen. Mehr als in den 1990er Jahren, musste ich erschrocken feststellen. Bei uns in der Familie lief es übrigens lange umgekehrt: Mutter in Vollzeit, Vater in Teilzeit.

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jenny November 16, 2014 um 11:20

Der Grund, warum in DE die herkömmliche Arbeitsteilung bleibt sind die schlechten Löhne in den frauentypischen Berufen. Der Mann bleibt so in DE der Haupteinkommensbezieher, die Frau ist nur die Zuverdienerin. Dieses Muster bleibt.

Ihr vergleicht immer ausgerechnet mit skandinavischen/nordischen Ländern. Norwegen, Schweden, Dänemark und Island stopfen ihre Frauen in den öffentl. Sektor. Dort sind z.B. Pflege und Kinderbetreuung etc. alles staatlich, alles zu großem Teil Studienberufe und besser bezahlt. Dort gibt es zwar auch geschlechterspezifische Berufswahl, aber das sind bei denen immer sichere Einkommen im semi-staatlichen oder staatlichen Sektor und besser bezahlt als in DE.

Das heißt eben: der Mann kann es sich erlauben in Elternzeit zu gehen, die Frau hat Anreiz früher arbeiten zu gehen, da sie auch bessere Stellen hat. In den nordischen Ländern arbeiten 28 bis 35 Prozent aller Arbeitnehmer im öffentlichen Sektor…. Kein Vergleich zu Deutschland, wo auf viele Frauen Niedriglöhnerjobs und Minijobs warten!

Überlegt doch mal, wo man in Deutschland besonders häufig ausbildet: Ihr bildet viel zu viele Einzelhandelskauffrauen, Verkäuferinnen, Bürokauffrauen und solche komischen Berufe aus — alles Berufe, die in den Minijobssektor wandern. In Skandinavien sind in den Kitas pro 12-13 Kinder oft vier Erzieher Standard — das ist ein gigantischer öffentlicher Sektor. Und wer arbeitet da? Frauen mit Studium…. Also auch bessere Bezahlung, viele Personen kümmern sich um wenige Leute.

Oder schwedische Krankenhäuser: Wegen des strengen Arbeitsschutzes kommt eine Krankenschwester auf 6 Patienten, in Deutschland eine Schwester auf 12-14 Patienten, nachts 1 zu 38.

Bei solchem Personalschlüssel gibt es viel mehr besser bezahlte Frauenberufe — in Deutschland kenne ich viele Frauen in peripheren Gegenden, wo außer Minijob kaum was angeboten wird. Also müssen die Männer voll ran, keine Zeit für Elternpausengedöns, woher soll dann das Einkommen kommen?

In Deutschland gibt es Landkreise, wo jede zweite Frau nur in Minijobs arbeitet, oft weil nichts besseres angeboten wird. Und dann sind die Löhne doch schlechter. Was in Deutschland eine Krankenpflegerin verdient ist weniger als anderswo. Der Mann ist der unverzichtbare Hauptverdiener in Deutschland, kann also nicht lange in Elternzeit, weil das Geld dann nicht reicht.

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