Die Rente mit 67 ist erst der Anfang. Zumindest, wenn es nach der EU-Kommission geht. Denn wie in den Medien durchsickerte, wird sie morgen um 12:30 den europäischen Staaten in einem Weißbuch zum Thema Rente empfehlen, die Pensionsgrenze kontinuierlich anzuheben, und zwar gekoppelt an die Steigerung der Lebenserwartung.

Was hieße das konkret für Deutschland? Ein Rentenalter von bis zu 75 in den nächsten 50 Jahren – je nachdem, wie die Empfehlung umgesetzt würde. Konkrete Zahlen für die einzelnen Länder wird die Kommission nach Auskunft der Pressestelle nicht liefern. Darum habe ich zwei in Forschung und Politik diskutierte Ideen für solch eine Kopplung durchgerechnet und stelle die Ergebnisse hier vor, im Vergleich mit der bereits beschlossenen Rente mit 67. Das ergibt drei Szenarien:

“R67″: Die Rente mit 67 wird wie geplant eingeführt, danach ändert sich nichts mehr.
„FIX”: Die Zeit, die Rentner im Durchschnitt im Ruhestand noch erleben, wird auf den Wert von 2010 fixiert (19 Jahre und 3 Monate).
„TEIL“: Das prozentuale Verhältnis von Lebenszeit in Rente zu Lebenszeit in Arbeit wird auf den Wert von 2010 fixiert (42,7%). Als “Arbeitszeit” gilt dabei die Zeit, die oft für das “erwerbsfähige Alter” angenommen wird: ab 20 Jahre bis zum Rentenalter.

Und das käme dabei heraus: (Rentenalter jeweils in der linken Spalte und verbleibende Lebenserwartung im Ruhestand jeweils in der rechten Spalte):

Rentenalter: Eckdaten der Szenarien

R67 FIX TEIL
2010 65,0 + 19,2 65,0 + 19,2 65,0 + 19,2
2020 65,7 + 20,0 67,1 + 19,2 66,2 + 19,7
2030 66,8 + 20,5 69,1 + 19,2 67,3 + 20,2
2040 67,0 + 21,7 70,8 + 19,2 68,2 + 20,6
2050 67,0 + 22,9 72,4 + 19,2 69,1 + 21,0
2060 67,0 + 24,0 73,8 + 19,2 69,9 + 21,3
Tabelle: Rentenalter (jeweils linke Spalte) und „fernere Lebenserwartung“ bei Renteneintritt (jeweils rechte Spalte) für verschiedene Szenarien.
Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen, Daten auf Google Docs

Wie sich das Rentenalter im Detail entwickeln würde, hinge natürlich davon ab, wie der Abstand zur Lebenserwartung bzw. der Anteil der Rentenzeit zur „Arbeitszeit“ festgelegt würde. Und vor allem davon, wie die Lebenserwartung steigen wird. Ich habe für meine Berechnungen die höhere der zwei Annahmen benutzt, die das Statistische Bundesamt für seine letzte Bevölkerungsvorausberechnung von 2009, die „12. Koordinierte“, gemacht hat. Geht man davon aus, dass die Lebenserwartung weiter so steigt wie in den letzten Jahrzehnten (und das tun die meisten Demografen), unterschätzt diese Annahme „L2“ die künftige Lebensspanne allerdings noch leicht.

Vielen dreht sich angesichts eines Rentenalters von 72 oder gar 75 Jahren zur Mitte des Jahrhunderts fast buchstäblich der Magen um. Werden wir tatsächlich so lange arbeiten müssen? Kann und darf das wahr sein? Falls es so kommt, wird dem sicherlich eine ausgiebige und erhitzte Debatte vorangehen, wem eine längere Arbeitszeit zugemutet werden kann und wem nicht. Es wird über Ausnahmen und Härtefälle diskutiert werden und darüber, wie man sie innerhalb eines möglichst einfachen Rentensystems fair behandeln kann.

Dass das Rentenalter aber überhaupt an die Lebenserwartung gekoppelt werden wird, erscheint mir so gut wie sicher – auch in Deutschland. Denn es ist unwahrscheinlich, dass der weltweite Trend einer immer weiter steigenden Lebenserwartungen völlig unerwartet ausgerechnet im weit entwickelten Deutschland gebrochen wird. Wenn es aber so weitergeht wie bisher, wird der Anteil der Pensionäre zu den Arbeitenden („Rentneranteil“ in der folgenden Grafik) trotz der Rente mit 67 so groß, dass die Erwerbstätigen die Renten durch ihren Lohn kaum mehr aufbringen können:

Rente mit 67: Rentenalter, verbleibende Lebenserwartung und Rentneranteil

Alter in Jahren
Renteranteil in %
Szenario Rente mit 67 Rentenalter Lebenserwartung Rentneranteil Belastungsquotient
Der künftige Rentneranteil wurde berechnet mit der Bevölkerungsstruktur, wie sie die 12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes, Variante 2-W1, ergibt. Diese Variante entspricht der für gewöhnlich in den Medien zitierten „mittleren“ Variante (das wäre Variante „1-W1“), jedoch mit einer höheren Lebenserwartung (nämlich der Annahme „L2“ statt „L1“).
Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen, Daten auf Google Docs

Auch die Einführung der Rente mit 67 kann also nicht verhindern, dass der Rentneranteil von knapp 34 Prozent im Jahr 2010 auf knapp 66 Prozent im Jahr 2060 steigt. Und während die arbeitende Bevölkerung die Rentenkassen durch wachsende Abschläge vom Lohn finanzieren würde, sicherte sie den Pensionäre damit gleichzeitig einen immer längeren Ruhestand: Lag der Anteil der Lebenszeit in Rente an der im „erwerbsfähigen Alter“ 2010 bei knapp 43 Prozent, liegt er im Szenario „R67“ 2060 bei 51 Prozent. Es ist eine berechtigte Frage, ob eine solche Entwicklung politisch auf Dauer durchhaltbar ist.

Ob der Rentnerquotient tatsächlich so dramatisch wachsen wird, wie in diesem Szenario berechnet, kann man zwar bezweifeln: Die Variante 2-W1, die ich für die Simulation benutzt habe, geht wahrscheinlich von zu niedrigen Geburtenraten und von zu geringer Einwanderung aus. Tatsächlich könnte es also in Zukunft mehr Arbeitnehmer geben, um die Renten zu bezahlen, als die obige Grafik anzeigt. Am großen Trend wird sich aber sehr wahrscheinlich nichts Grundlegendes ändern.

Natürlich heißt das nicht, dass man das Rentenalter unbedingt an die Lebenserwartung koppeln muss. Die Politik könnte sich auch gänzlich vom Umlagesystem in der Rente verabschieden. Sie könnte kreativ werden und andere Finanzierungsquellen aufzutun. Sie kann und wird versuchen, die Zahl der Arbeitenden zu erhöhen, indem sie die Arbeitsquote der Frauen erhöht. Sicherlich gibt es auch noch andere Möglichkeiten. Ich persönlich glaube aber, dass das Umlagesystem eine der entscheidenden Säulen für die Rentenfinanzierung in Deutschland bleiben wird. Und damit muss das Rentenalter früher oder später über 67 hinaus steigen.

Wenn die Politik es tatsächlich an die Lebensspanne koppeln will, sollte sie (neben vielen anderen Überlegungen) auf jeden Fall zwei Dinge bedenken:

Erstens: Es ist wichtig, die Pensionsgrenze nicht an die „normale“ Lebenserwartung zu koppeln, die den meisten Politikern geläufig sein sollte, und die in der Öffentlichkeit meistens als einzige bekannt ist, nämlich die so genannte „Lebenserwartung bei Geburt“. 2009 lag sie für Deutschland bei 80,2 Jahren. Sie gibt an, wie viele Lebensjahre ein Neugeborenes im Durchschnitt zu erwarten hat. Für die Rentner zählt aber, wie lange sie noch im Ruhestand leben werden. Dies ist die so genannte „fernere Lebenserwartung“ zum Rentenbeginn. Für 65-Jährige lag sie 2009 bei 19,2 Jahren. Wer bis zur Rente mit 65 überlebte (und das war die übergroße Mehrheit) hatte also ab Renteneintritt eine Lebensspanne von 65 + 19,2 = 84,2 Jahren zu erwarten. (Quelle dieser Daten: Human Mortality Database)

Die fernere Lebenserwartung zeigt nicht nur, dass den Deutschen mehr Zeit im Ruhestand verbleibt, als die „normale“ Lebenserwartung vermuten lässt. Sie wächst auch langsamer als die Lebenserwartung bei Geburt. (Alle Szenarien in diesem Post habe ich mit der ferneren Lebenserwartung berechnet.) Das bedeutet: Auch das daran gekoppelte Rentenalter steigt langsamer:

Rentenalter nach Typ der Lebenserwartung

Alter in Jahren
Rentenalter gekoppelt an Lebenserwartung bei Geburt und fernere Lebenserwartung
Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen, Daten auf Google Docs

Wie auch immer die Diskussion um die Rente weitergehen wird, eines sollte sich die Politik immer bewusst machen: Die Bevölkerung Deutschlands (und fast aller Industrienationen) befindet sich gerade in einer historischen Ausnahmesituation. Damit ist nicht der demografische Wandel an sich gemeint. Sondern die extrem starken Babyboomer-Jahrgänge, die sich in der Bevölkerungsstruktur langsam „nach oben“, in Richtung Rentenalter schieben. Der Rentneranteil steigt auch deswegen künftig so rasant, weil in den nächsten Jahren große Massen an Babyboomern in Rente gehen, denen im arbeitsfähigen Alter geburtenschwächere Jahrgänge gegenüberstehen. Wenn die Babyboomer um das Jahr 2045 verstorben sein werden, entspannt sich die Situation enorm.

Das kann man unmittelbar am Rentenalter ablesen: Dazu habe ich ein weiteres Szenario gerechnet, in dem die Pensionsgrenze immer genau so erhöht wird, dass der Rentneranteil konstant bei 33,8 Prozent bleibt, dem Wert von 2010 (Achtung: Dies ist ein exemplarisches Szenario. Ich sage damit nicht, dass ich solche Rentenalter ohne Weiteres befürworten würde!):

Rentenalter bei fixem Rentneranteil von 33,8% (wie im Jahr 2010)

Alter in Jahren
Rentenalter und fernere Lebenserwartung bei fixem Rentneranteil
Das künftige Rentenalter wurde berechnet anhand der Bevölkerungsstruktur, wie sie die 12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes, Variante 2-W1, ergibt. Diese Variante entspricht der für gewöhnlich in den Medien zitierten „mittleren“ Variante (das wäre Variante „1-W1“), jedoch mit einer höheren Lebenserwartung (nämlich der Annahme „L2“ statt „L1“).
Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen, Daten auf Google Docs

Das Rentenalter stiege nach dieser Simulation bis Mitte der 2040er-Jahre auf über 75 Jahre an, wüchse dann aber nur noch langsam. Wenn bis dahin die Geburtenraten und die Einwanderung etwas höher sind als für dieses Szenario angenommen (laut zu Grunde liegender Prognosevariante „2-W1“: Geburtenrate von 1,4 und Einwanderungssaldo von + 100.000), könnten weitere Steigerungen des Rentenalters nicht mehr nötig sein.

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Magdalena Juni 21, 2012 um 16:42

Hallo,

vielen Dank für den sehr ausführlichen Artikel. So tiefgründig und mit Diagrammen vernaschaulicht habe ich das noch nirgends gelesen.

Ist schon Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass das Rentenalter wirklich dann alle Jahr wieder um ein Jahr steigen soll. Kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das funktionieren soll, gerade in körperlich anstrengenden Berufen.

Ich werde auf jeden Fall hier öfter mal vorbeischauen.

Liebe Grüße Magdalena

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