- Björn Schwentker - http://www.demografie-blog.de -

Lebenserwartung von Geringverdienern steigt

Seit Montag (12.12.2011) übertreffen sich die Medien darin, unhinterfragt die Falschmeldung zu verbreiten, die Lebenserwartung von Geringverdienern sei seit 2001 gesunken. Nicht nur die Bundestagsfraktion der Partei DIE LINKE, die diese Nachricht in die Welt gesetzt hat, sondern auch die Journalisten übersehen dabei, dass sie die Daten der Deutschen Rentenversicherung (DRV), mit denen sie argumentieren, völlig falsch interpretieren. Offenbar versteht niemand, was er da überhaupt schreibt oder sendet.

Das vermeintliche Sinken der „Lebenserwartung“ ist ein rein statistisches Artefakt; tatsächlich steigt die Lebenserwartung auch für Geringverdiener. Die Medien haben sich hungrig auf die politisch brisante Meldung der LINKEn gestürzt, und die Daten nicht im Ansatz ausreichend nach-recherchiert, die ihnen zum Fraß vorgeworfen wurden. Dieser Artikel erklärt, wo die Interpretationsfehler liegen, und warum bekannt ist, dass die Lebenserwartung für alle Einkommensklassen in Deutschland bis mindestens 2006 steigt.

Alles ging damit los, dass die Bundestagsfraktion der Partei DIE LINKE auf ihrer Website eine Pressemeldung [1] veröffentlichte, in der es heißt:

… ihre Lebenserwartung (die der Geringverdiener) hat sich in den vergangenen zehn Jahren nicht etwa erhöht, sondern um zwei Jahre, im Osten sogar um fast vier Jahre verringert.

Die Saarbrücker Zeitung reagierte zuerst und lieferte gleich konkrete Zahlen mit: 2001 seien die Geringverdiener nach Aussagen der Linksfraktion noch durchschnittlich 77,5 Jahre alt geworden, 2010 aber nur noch 75,5 Jahre. In Ostdeutschland sei die Entwicklung noch dramatischer gewesen: Dort sei die Lebenserwartung von 77,9 auf 74,1 Jahre gesunken. Viele Medienportale und Sender folgten mit ähnlichen Meldungen, am Folgetag las man in den Zeitungen engagierte Kommentare zum anscheinen akzeptierten Fakt, dass die Lebenserwartung der Armen erstmals entgegen dem allgemeinen Trend gesunken sei.

Offenbar hat niemanden stutzig gemacht, dass es bisher keinerlei wissenschaftlichen Zweifel daran gab, dass die Steigerung der Lebenserwartung in Deutschland seit mindestens 150 Jahren (die Zeit der Weltkriege ausgenommen) eine Erfolgsgeschichte sondergleichen ist, die alle Bevölkerungsgruppen erfasst. Richtig ist zwar, dass die Reicheren länger leben als die Ärmeren, und dass die Lebensspanne der einen zuweilen schneller wächst als die der anderen. Davon, dass sie für irgendeine Einkommensgruppe langfristig rückläufig war, kann aber nicht die Rede sein (von kurzfristigen statistischen Schwankungen abgesehen).

[2]
Anhand dieser Tabelle mit Daten der Deutschen Rentenversicherung berechneten die LINKEn das Sterbealter für männliche Rentner auf 77,5 Jahre im Jahr 2001 und auf 75,5 Jahre für 2010 (markierte Werte plus 65).
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Wie konnte DIE LINKE die Republik trotzdem vom Gegenteil überzeugen? Vielleicht, weil sie sich auf eine seriöse Quelle beruft: Sie argumentiert nämlich mit an sich korrekten Daten der Deutschen Rentenversicherung (DRV). Sie stammen aus einer Antwort der Bundesregierung auf die große Anfrage der LINKEn mit dem Titel „Rente erst ab 67 – Risiken für Jung und Alt“ (Drucksache 17/7966 [3]). Kämpft man sich in dem Dokument bis zu Tabelle 11-02 auf S. 97 des PDFs vor, sieht man tatsächlich die Zahlen vor sich, die als „Lebenserwartung“ der Geringverdiener für Gesamtdeutschland in der Saarbrücker Zeitung standen – auch wenn ihre Bedeutung wenig mit einer Lebenserwartung zu tun hat.1 [4] Man kommt auf das allseits medial wiedergekäute Sterbealter von 77,5 Jahren für 2001 und auf 75,1 Jahre für 2010, wenn man für 0,5-0,75 durchschnittliche Entgeltpunkte pro Versicherungsjahr2 [5] (siehe erste Spalte) die entsprechende "durchschnittliche Rentenbezugsdauer ab 65 Lebensjahren" mit 65 addiert.

1. Interpretations-Fehler: Nur die Toten gezählt

Das ist aber keine Lebenserwartung. Das ist lediglich das Durchschnittsalter der männlichen Rentner (die Frauen haben die LINKEn außen vor gelassen), die nach einem Arbeitsleben mit mindestens 35 Versicherungsjahren (nur solche Männer stehen überhaupt in dieser Tabelle) im betreffenden Jahr verstorben sind, nachdem sie mindestens den 65sten Geburtstag noch erlebt hatten. Das ist zum einen eine ziemlich spezielle Gruppe. Für die Irrelevanz des Sterbealters noch wichtiger ist: Dies ist eine Gruppe von lauter Toten. Allein aus dem Todesalter von Verstorbenen lässt sich keine Lebenserwartung berechnen. Genauso gut könnte man versuchen, die Gewinnquote im Lotto zu bestimmen, wenn man nur die Gewinner kennt, nicht aber die viel größere Zahl der Verlierer. Um eine Lebenserwartung berechnen zu können, braucht man das Überlebens- bzw. Sterberisiko einer ganzen Bevölkerungsgruppe. Und das lässt sich nur ermitteln, wenn man neben den Verstorbenen auch die Überlebenden kennt. Die sind aber in den Tabellen der DRV nicht enthalten.

Leider ist die Lebenserwartung, obwohl so leichtfertig diskutiert, mitnichten ein simpler Wert. Die Lebenserwartung bei Geburt, die die Medien meistens meinen, wenn sie von der „Lebenserwartung“ schreiben, ergibt sich aus einer recht langen Summenformel (berechnet über die sogenannte Sterbetafel [6]), in die für alle Altersgruppen von Null bis 100 Jahre und darüber hinaus die Wahrscheinlichkeit eingeht, das nächste Lebensjahr zu erleben. Diesen Informationsgehalt haben die Daten der DRV, die die LINKEn heranziehen, überhaupt nicht. Das aus den DRV-Tabellen ablesbare Sterbealter als „Lebenserwartung“ zu bezeichnen, ist keine im politischen oder medialen Alltag verzeihbare Vereinfachung. Es ist schlicht und einfach Nonsens.

2. Interpretations-Fehler: Änderungen der Gruppenstruktur ignoriert

Anmerkung vom 21.12.2011, 17:04 Uhr: Ich habe den folgenden Abschnitt komplett überarbeitet, weil er zuvor nicht völlig korrekt war. Die Überarbeitung ändert nichts an der Kernaussage, dass die Berechnung der LINKEn falsch ist und die Lebenserwartung aller Einkommensklassen zumindest bis 2006 steigt.3 [7]

Vernachlässigt man einmal, dass die DRV-Sterbealter eigentlich keine gültige Lebenserwartungen sind (was man eigentlich nicht darf!), so könnte man die Frage stellen: Lässt sich an den Daten nicht vielleicht doch ein Trend ablesen? Schließlich sanken die DRV-Sterbealter ja tatsächlich in den letzten Jahren. Trotzdem ist eine solche Interpretation nicht möglich. Die betroffenen Altersgruppen, aus denen die Toten in den DRV-Daten stammen, haben sich von 2001 bis 2010 so stark vergrößert, dass völlig unklar ist, ob man diese Gruppen überhaupt noch miteinander vergleichen kann. Wie sehr sie gewachsen sind, lässt sich den Daten zwar nicht entnehmen, denn es fehlen ja die Überlebenden. Doch man kann das Ausmaß der Veränderung am extremen Anstieg der Todeszahlen ablesen: 2001 starben 7.759 Rentner im Alter über 65 Jahre, 2010 waren es 14.570.

Hat eine Gruppe eine solch starke Dynamik, kann sich ihre Struktur derart verzerren, dass man ihre Maßzahlen (etwa zur Sterblichkeit), nur über die Zeit vergleichen kann, wenn man die Verzerrungen statistisch herausrechnet. Das tun die LINKEn aber nicht. Sie können es auch gar nicht, denn die dafür nötigen Strukturdaten der betrachteten Gruppe liegen in den DRV-Tabellen gar nicht vor. Das bedeutet gleichzeitig, dass sich höchstens spekulieren lässt, welcher Art die Strukturverzerrungen sind. (Dass es welche geben muss, zeigt sich daran, dass das Sterbealter nach Berechnungsmethode der LINKEN nicht nur bis 2010 abnimmt, sondern auch schon von 2001 bis 2006. Für diesen Zeitraum allerdings gibt es eine wissenschaftliche Veröffentlichung (s.u.), die mit korrekter Berechnungsmethode das Gegenteil beweist: Die Lebenserwartung für Geringverdiener steigt.)

Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) vermutet, dass sich zwischen 2001 und 2010 unter anderem die Altersstruktur verändert hat. In einer Sprachregelung für die Presse gab sie am 12.12.2011 bekannt:

Festzuhalten ist jedoch, dass der ermittelte Wert (…) auf einer sehr geringen Fallzahl beruht und daher aus statistischer Sicht nicht als Trendaussage interpretiert werden kann. Darüber hinaus sind die ermittelten Werte auch durch Rechtsänderungen und sich im Zeitablauf ändernde Altersstrukturen beeinflusst.

Zu einer Veränderung der Altersstruktur, die das Sterbealter künstlich drücken würde, obwohl die Lebenserwartung tatsächlich wächst, käme es dann, wenn immer mehr junge Alte (knapp über 65) in Rente gingen, und so gegenüber den bereits verrenteten älteren Pensionären zahlenmäßig deutlich an Gewicht gewönnen. Der Effekt lässt sich gut an einer fiktiven, sehr einfachen Beispielkonstellation von Rentnern erklären: Sagen wir, es gäbe immer nur 66-Jährige Rentner (die „Jungen“) und 80-Jährige Rentner (die „Alten“). 2001 war die Mehrheit der Jüngeren noch nicht so stark ausgeprägt, darum nehmen wir einmal an, es seien zwei Rentner mit 66 gestorben und einer mit 80. Das durchschnittliche Sterbealter läge dann für 2001 bei (2 x 66 Jahre + 80 Jahre) / 3 = 70,7 Jahre. Wenn nun die jungen Alten im Verhältnis sehr viel mehr werden, hat die fiktive Rentnergruppe im Jahr 2010 vielleicht plötzlich zehn Tote mit 66 (nicht weil die Sterbewahrscheinlichkeit für jeden einzelnen stiege, sondern weil die Masse der Jungen, die alle einem Sterberisiko unterliegen, so stark gewachsen ist) und zwei mit 80. Das durchschnittliche Sterbealter läge dann bei (10 x 66 Jahre + 2 x 80 Jahre) / 12 = 68,3, also deutlich unter dem von 2001.

Dieses Beispiel mag unrealistisch und an allen Ecken und Enden angreifbar sein, aber der mathematische Effekt ist derselbe wie der, der das Sterbealter in den DRV-Daten sinken ließe – wenn es tatsächlich einen entsprechenden Altersstruktureffekt gibt (Anmerkung vom 29.12.2011, 16:05 Uhr: Dank neuer Zahlen der DRV ist inzwischen klar, dass es eine solche Strukturverzerrung gibt. Ich habe die Daten in einem separaten Post [8] veröffentlicht). Für solche strukturellen Verzerrungen spricht, dass der von den LINKEn berechnete Rückgang des Sterbealters nicht nur immer größer wird, je niedriger die Entgeltgruppe ist. Gleichzeitig nimmt auch der prozentuale Zuwachs der Fallzahlen – und damit eine mögliche Verzerrung – zu. Wo die Fallzahlen sich wenig ändern (wo es also potenziell weniger Verzerrung gibt), nämlich in den höheren Entgeltgruppen, steigt das Sterbealter.

In welcher Art genau sich die Gruppenstruktur der gering verdienenden Rentner wirklich verändert hat, lässt sich erst sagen, wenn die dafür nötigen Daten der Rentenversicherung komplett analysiert worden sind. Nötig wären dazu unter anderem die Altersverteilungen aller verstorbenen sowie aller überlebenden Rentner im Alter ab 65 Jahre für jedes der Jahre von 2001 bis 2010.

Spätestens jetzt sollte man sich aber klar in Erinnerung rufen: Die von den LINKEn angestellte Berechnung des Sterbealters ist ohnehin nicht aussagekräftig im Vergleich zu einer korrekt bestimmten Lebenserwartung, die ein nachvollziehbares, transparentes Standardmaß in der Demografie ist. Insofern liegt die Beweispflicht in Sachen Sterbealter klar bei den LINKEn: Sie müssten vorrechnen (unter Berücksichtigung sämtlicher Strukturdaten), dass ihr Sterblichkeitsmaß valide ist – und ansonsten ihre Aussage öffentlich zurücknehmen. Würde ihr Vorgehen Schule machen, könnte sonst jede politische Partei, ob links oder rechts, einfach irgendwelche offiziellen Zahlen zu einem ihm genehmen Signalwert zusammenrechnen und damit politische Forderungen aller Art begründen. Kriterium für solch einen Signalwert wäre dann nicht, ob er wahr und valide ist, sondern einzig, dass die Öffentlichkeit ihn nicht nachvollziehen kann (und darum die daran geknüpfte Botschaft glaubt).

Dies alles zeigt zwar, wie verkehrt und gefährlich es ist, aus den an sich korrekten DRV-Daten den Schluss zu ziehen, die Lebenserwartung der Geringverdiener sinke. Leider beweist es aber nicht das Gegenteil, nämlich dass sie steigt. Um das herauszufinden, bedarf es wesentlich mehr Daten aus der Rentenversicherung, mit denen sich echte Lebenserwartungen bestimmen und Altersstrukturverschiebungen herausrechnen lassen.

Zumindest bis 2006 steigt die Lebenserwartung der Geringverdiener

Mir ist keine Veröffentlichung bekannt, die das anhand der jüngsten Daten bis 2010 durchgerechnet hätte. Allerdings gibt es eine, die Ergebnis bis 2006 liefert, also weit in den von den LINKEn betrachteten Zeitraum hinein: Den Artikel Zum Trend der differentiellen Sterblichkeit der Rentner in Deutschland [9] aus der Reihe der DRV-Schriften. Die Autoren haben für die Jahre von 1994 bis 2006 die sogenannte fernere Lebenserwartung im Alter 65 (also grob gesprochen die im Durchschnitt ab dann noch zu lebenden Jahre) für Männer ausgerechnet.

Fernere Lebenserwartung der Männer im Alter von 65 Jahren nach zehn Einkommensklassen (Dezilen) für die Jahre 1994 bis 2006, berechnet mit Daten der Deutschen Rentenversicherung.

Das Ergebnis: In allen der zehn Einkommensgruppen, in die die Autoren die Rentnerschaft im Alter ab 65 einteilen („Dezile“ in der Grafik), steigt die Lebenserwartung. Zwar gibt es in einzelnen Jahren Schwankungen (etwa einen Rückgang im Jahr 2003, für den der Hitzesommer verantwortlich sein könnte). Aber im Trend ist die Steigerung stabil. So liegt die verbleibende Lebenserwartung für das dritte Dezil, das mit dem Einkommensbereichs überlappen dürfte, den die LINKEn als geringen Verdienst bezeichnen, 1994 bei etwa 13,5 Jahren und 2006 schon bei 15. Auf die Zeit von 2001 bis 2006 entfällt dabei ein Anstieg von etwa 0,4 Lebensjahren. (Im Vergleich dazu sinkt das Sterbealter in den DRV-Daten der LINKEn im gleichen Zeitraum um 0,4 Jahre.)

Dass sich das Leben der Geringverdiener auch nach 2006 weiter verlängert hat, ist zu erwarten. Sicher weiß man es aber erst, wenn jemand mit wissenschaftlich korrekter Methode und allen notwendigen aktuellen Daten der DRV nachgerechnet hat. Bis es soweit ist, sollten Politiker und Medien sich mit weiteren unhaltbaren Behauptungen zurückhalten. Sie sind jetzt schon mehr als peinlich.

  1. Die Zahlen für die ostdeutschen Männer finden sich in Tabelle 11-08 auf S. 103 des PDFs. [ [11]]
  2. Diese Gruppe haben die LINKEn als „Geringverdiener“ ausgewählt; per Definition des Entgeltpunktkonzepts verdienen alle Rentner mit einer Ziffer <1 weniger als der Durchschnitt. [ [12]]
  3. Vor dem 21.12.2011, 17:04 Uhr, lautete dieser Abschnitt: „2. Interpretations-Fehler: Änderungen der Altersstruktur ignoriert
    Vernachlässigt man einmal, dass die DRV-Sterbealter eigentlich keine gültige Lebenserwartungen sind, so könnte man die Frage stellen: Lässt sich an den Daten nicht vielleicht doch ein Trend ablesen? Schließlich sanken die DRV-Sterbealter ja tatsächlich in den letzten Jahren. Trotzdem ist eine solche Interpretation nicht möglich. Denn sie ignoriert, dass sich die Altersstruktur der Rentner in den letzten Jahren dramatisch verändert hat: Weil die Lebenserwartung für alle steigt, nimmt die Zahl der Rentner in jedem Alter zu. Die der jüngeren Alten, die knapp über 65 sind, wächst aber derzeit sehr viel stärker als die der älteren. Denn seit einigen Jahren kommen die starken Jahrgänge der Babyboomer ins Rentenalter. Das führt mit mathematischer Zwangsläufigkeit dazu, dass das aus den DRV-Daten berechnete Sterbealter der Rentner sinkt, selbst wenn ihre Lebenserwartung in Wahrheit steigt. Der Effekt lässt sich gut an einer fiktiven, sehr einfachen Beispielkonstellation von Rentnern erklären: Sagen wir, es gäbe immer nur 66-Jährige Rentner (die „Jungen“) und 80-Jährige Rentner (die „Alten“). 2001 war die Mehrheit der Jüngeren noch nicht so stark ausgeprägt, darum nehmen wir einmal an, es seien zwei Rentner mit 66 gestorben und einer mit 80 (von den Alten sterben immer weniger als von den Jungen, weile es davon so viel weniger gibt). Das durchschnittliche Sterbealter läge dann für 2001 bei (2 x 66 Jahre + 80 Jahre) / 3 = 70,7 Jahre. Wenn nun die jungen Alten im Verhältnis sehr viel mehr werden, hat die fiktive Rentnergruppe im Jahr 2010 vielleicht plötzlich zehn Tote mit 66 (nicht weil die Sterbewahrscheinlichkeit für jeden einzelnen stiege, sondern weil die Masse der Jungen, die alle einem Sterberisiko unterliegen, so stark gewachsen ist) und zwei mit 80. Das durchschnittliche Sterbealter läge dann bei (10 x 66 Jahre + 2 x 80 Jahre) / 12 = 68,3, also deutlich unter dem von 2001. Dieses Beispiel mag unrealistisch und an allen Ecken und Enden angreifbar sein, aber der mathematische Effekt ist derselbe wie der, der das Sterbealter in den DRV-Daten sinken ließ – und vermutlich zunächst auch noch weiter sinken lassen wird. Der Altersstruktureffekt ist so groß, dass er die zunehmende Lebenserwartung komplett maskiert. Wie stark die Veränderung der Altersgruppen sein muss (komplett kann man sie den Daten nicht entnehmen, es fehlen ja die Überlebenden), sieht man am extremen Anstieg der Todeszahlen von 2001 bis 2010: 2001 starben 7.759 Rentner im Alter über 65 Jahre, 2010 waren es 14.570. Dies alles beweist zwar eindeutig, dass es völliger Quatsch ist, aus den an sich korrekten DRV-Daten den Schluss zu ziehen, die Lebenserwartung der Geringverdiener sinke. Leider beweist es aber nicht das Gegenteil, nämlich dass sie steigt. Um das herauszufinden, bedarf es noch wesentlich mehr Daten aus der Rentenversicherung, mit denen sich echte Lebenserwartungen bestimmen und Altersstrukturverschiebungen herausrechnen lassen.“ [ [13]]