- Björn Schwentker - https://www.demografie-blog.de -

G20: Gipfel ohne Zukunft

So. Langsam darf man es wieder wagen, über den G20-Gipfel zu schreiben. Meine Güte, ist mir die Chaos-Berichterstattung in den Medien auf die Nerven gegangen! Klar, als Hamburger habe ich auch am Bildschirm gehangen und mich entsetzt ergötzt an dem antizivilisatorischen Schauer, den mir die Testosterontaten der Krawall-Idioten direkt vor meiner Haustür so schön den Rücken runterlaufen ließen.

Der politische Gipfel selbst, seine Inhalte, vor allem aber die ebenso inhaltlichen und friedlichen Demonstrationen, die für die demokratische Meinungsbildung so wichtig sind (und die darum im Fokus der Medien hätte bleiben müssen), gingen dabei fast völlig unter. Genauso wie die meiner Meinung nach zentrale Frage: Nämlich, welche Legitimität die Gruppe der 20 überhaupt hat.

Was berechtigt diese Länder eigentlich, über globale Schicksalsfragen zu befinden?

Natürlich bin ich selbst viel zu gutbürgerlich, um die Gipfeltreffen komplett in Frage zu stellen. Es ist ja toll, wenn die Regierungen immerhin miteinander reden. Nicht, dass das gerade so besonders gut ginge, angesichts so bockhörniger Egomanen wie Trump, Putin oder Erdogan, die Diplomatie- und Demokratieverständnis nicht gerade mit Löffeln gefressen haben. Aber sei’s drum.

Außerdem wäre ich ja blöd, mir selbst ins Knie zu schießen. Die G20 tritt ja für meinen Wohlstand ein. Deutschland ist einer der G20-Staaten [2] und bestimmt kräftig mit. Nicht nur indirekt über den G20-Sitz der EU, sondern sogar noch einmal extra mit einer eigenen Stimme.

Wir müssen reden. Aber wer ist „wir“?

Manchmal allerdings beschleichen mich Zweifel, ob das mit der G20 wirklich eine gute Idee ist. Da setzt sich ein Grüppchen von 20 Leuten, die 43 Staaten vertreten (15 einzelne Nationen plus die 28 in der EU versammelten), an einen Tisch und entscheidet über Themen der ganzen Welt.

Die aber besteht (laut UN 2017) aus fast 200 Ländern. Zwei Drittel aller souveränen Staaten dürfen also nicht mitstimmen, wenn es um ihre Zukunft geht. Ist das demokratisch? Wie ist das überhaupt zu rechtfertigen?

Die G20 legitimiert sich (laut offizieller Website der deutschen Bundesregierung [3]) mit drei Argumenten: Die führenden Industrie- und Schwellenländer (= G20) stünden für

  1. fast zwei Drittel der Weltbevölkerung,
  2. über vier Fünftel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts und
  3. drei Viertel des Welthandels.

Über die Punkte 2 und 3 brauchen wir nicht zu reden. Demokratisch gesehen sind sie nicht haltbar. Sie heißen nichts anderes als: Reich bestimmt über Arm. Klassenwahlrecht und Ständegesellschaften sollten wir aber hinter uns haben. In die Geschichtsbücher damit.

Bleibt die Sache mit der Bevölkerung. Zwei Drittel aller Menschen – das wäre eine satte absolute Mehrheit!

Jetzt könnte man niggelig sein und fragen, durch welche Art von demokratischer Wahl denn die Staaten ausgesucht wurden, die diese Bevölkerungsmehrheit ausmachen, und welche Stimme die anderen, Nicht-G20-Staaten bei der Schaffung des G20-Zirkels überhaupt hatten.

Dooferweise nutzt das nichts. Für einen großen Teil der öffentlichen Meinung ist das viel zu differenziert. Solche Überlegungen lassen sich immer mit der bloßen Bevölkerungszahl totschlagen. Mehrheit ist Mehrheit. Undemokratisch, wer das infrage stellt!

Mit der passenden Bevölkerungszahl kann man fast jede politische Debatte rocken. Dafür muss sie noch nicht mal wahr sein.

Schauen wir mal genauer hin: Wie steht es um die zwei Drittel der Weltbevölkerung in den G20-Staaten? Laut Bevölkerungsdaten der Vereinten Nationen so (ab 2017 Prognose, mittleres Szenario):

Anteil der Weltbevölkerung in (Nicht-)G20-Staaten

Grafik: Zeitreihe Bevölkerung der G20-Staaten und des Rests der Welt

Genau genommen waren es zwei Drittel nur kurzzeitig zur Gründung der G20, nämlich im Jahr 1999. Heute sind es nur noch 63 Prozent.

Das dürfte man meinetwegen immer noch auf zwei Drittel „runden“, wenn der Rückgang in den ersten 18 Jahren nicht ein Trend wäre, der zumindest laut UN-Prognose weitergehen wird. Er beschleunigt sich sogar. Nochmal 18 Jahre, und der Anteil der G20-Bevölkerung an der Menschheit wird auf nur noch 58 Prozent gefallen sein. Im Jahr 2064 stellen die heute „führenden Industrie- und Schwellenländer“ nur noch für die Hälfte der Weltbevölkerung.

Das war es dann mit der Mehrheit. Ende des Jahrhunderts leben deutlich mehr Menschen außerhalb der heutigen G20-Staaten (58 Prozent) als darin (42 Prozent).

G20-Führer ohne Volk?

Natürlich wird es nicht exakt so kommen. Wie jede Bevölkerungsprognose ist auch die der Vereinten Nationen falsch. Aber der Trend dürfte stimmen. Das liegt am Wesen des demografischen Wandels: In den ärmeren Ländern (sie sind nicht Teil von der G20) wächst die Bevölkerung noch über Jahrzehnte spürbar schneller als in den reicheren Staaten (aus ihnen besteht die G20 grob gesagt).

Denn in den ärmeren Ländern sind die Geburtenraten noch wesentlich höher. Sie werden erst dann sinken, wenn sich diese Länder wirtschaftlich entwickeln, so wie die heute reichen Nationen es historisch getan haben (wobei ihre ehemals ebenfalls hohen Geburtenraten auf das heute niedrige Niveau sanken).

Treibende Kraft beim Aufholen der Nicht-G20-Staaten wird Afrika sein, dessen Einwohnerzahl weiter rasant wächst, während sie in den heute bevölkerungsreichsten Ländern Indien und China kaum zunimmt oder sogar abnimmt. Die Bevölkerung der entwickelten „westlichen Welt“ dürfte auch kaum wachsen.

Das Ende von G20 wird kommen. Nur wann?

Die demografische Perspektive zeigt: Die entscheidende Frage ist gar nicht, ob die G20-Staaten ihren weltweiten Herrschaftsanspruch aufgeben müssen. Sondern wann.

Vermutlich kommt die Gruppe schon in öffentliche Legitimationsprobleme, bevor sie ihre Bevölkerungsmehrheit verliert. Wahrscheinlich wird man dann versuchen, den Zirkel sanft zu erweitern, um einige der wachsenden Staaten mit aufzunehmen (die am weitesten entwickelten), ohne zu viel eigenen Einfluss aufzugeben. Sofern kein Land austritt, wird die Zahl der Staaten im Gipfelklub dadurch steigen.

Spätestens dann sollte man sich fragen: Wenn wir hier sowieso gerade darüber nachdenken, wie wir immer mehr Staaten in einer Organisation zusammenbringen können, so dass sie gut miteinander reden können – wieso basteln wir dann immer weiter an dieser komischen G20, statt uns gleich mit der Komplettlösung zu befassen – nämlich den Vereinten Nationen?

Die Vereinten Nationen sind die wahre Repräsentanz der Völker dieser Erde. Und nur sie haben das Potenzial, wirklich demokratisch im Sinne aller Mitgliedsstaaten zu werden. Sie haben sicherlich allerhand Probleme. Man muss viel verbessern. Aber wäre das weniger aufwändig als das Mords-Brimborium, das jedes mal wieder um die G20-Gipfel gemacht wird?

Oder ist das politisch einfach nicht gewollt?

Die demografische Perspektive auf die G20-Bevölkerung offenbart den Klub als Konstrukt, der einer ernsthaften Entwicklung der Vereinten Nationen im Weg steht, weil die momentan wirtschaftsstärksten Länder der Welt gerade die globale Bevölkerungsmehrheit hatten, als sich Ende des letzten Jahrtausends ein paar mächtige Männer darauf einigten, wer Mitglied bei den tonangebenden 20 werden darf.

In dem Maß, in dem diese Bevölkerungsmehrheit bröckelt, bröckelt das Konstrukt der G20. Wie schlimm wäre es, wenn es zusammenbräche?

Wem gehört die Zukunft?

Tipp an die G20-Führer: Fragt das besser nicht die Kinder. Also die, über deren Zukunft ihr entscheidet.

Denn unter den 0- bis 17-Jährigen haben die G20-Länder schon heute noch kaum die Mehrheit (2015: 54 Prozent). Schon in zehn Jahren leben außerhalb der G20-Region genauso viele Kinder wie darin. Und danach mehr.

Ein guter Grund, schon jetzt umzudenken?