- Björn Schwentker - https://www.demografie-blog.de -

Der Charme des Südens

Seitdem ich vorhin die Tagesschau gesehen habe, treibt mich um, was meine Lieblingssendeanstalt da mit den vorläufigen Wanderungszahlen angestellt hat, die das Statistische Bundesamt (Destatis) heute veröffentlicht hat.

Ich hätte fast gar nichts bemerkt, denn was da zu sehen war, ist einem ja inzwischen schon vertraut: Die Einwanderung nach Deutschland steigt seit einigen Jahren wieder, vor allem kommen immer mehr Menschen aus Südeuropa. Wegen der Eurokrise. Im Fernsehen sah das so aus:

Auslaendische_Zuwanderer_2012_Suedeuropa_Tagesschau
Quelle: tagesschau.de

Wow, ordentliche Zuwächse der Zuwanderungszahlen sind das, die stärksten für Spanien mit +45 Prozent im Vergleich zu 2011. Ist ja auch klar, den Südeuropäern geht es schlecht, die haben mit der Wirtschaft mehr Pech als wir. Bei uns hingegen läuft’s wie am Schnürchen, darum suchen sie alle hier ihr Glück. Zumindest ist das das Bild, das die Medien neuerdings gerne von der aktuellen Wanderungssituation zeichnen.

Da mag ja auch was dran sein. Aber irgendwie bekam ich vor der Mattscheibe plötzlich ein komisches Gefühl angesichts der großen Prozentzahlen. Denn ich hatte einige Stunden vorher die Pressemitteilung [1] von Destatis gelesen und erinnerte mich, dass da zu Spanien nicht nur „+45%“ stand, sondern in Klammern dahinter auch „+ 9.000 Personen“.

Nun liebe ich zwar Spanien und die Spanier, aber ein spanischer Zuwandererzuwachs von 9.000 Leuten, das ist nun wahrlich nicht besonders viel, wenn man sich besinnt, welche Dimension die Einwanderung nach Deutschland inzwischen im Ganzen angenommen hat. Die war wenige Sekunden vorher zu sehen gewesen:

Zuwanderer_2012_Suedeuropa_Tagesschau
Quelle: tagesschau.de

Man fragt sich, welche Rolle die Zuwanderung aus Spanien (exakt +9.238), Portugal (+3.549), Italien (+12.013) und Griechenland (+10.330) tatsächlich spielt. Und man fragt sich, ob sich die ARD-Kollegen verrechnet haben.

Tatsächlich sind die Prozentzahlen für Südeuropa richtig. Nur ist es nicht korrekt, sie einfach bloß mit „Zuwanderung“ zu bezeichnen, wie im Screenshot ganz oben. Schaut man nämlich in der ausführlichen Excel-Tabelle [2] der Wanderungszahlen nach, die Destatis heute ebenfalls online gestellt hat, sieht man: Dies sind die Zuzüge von Nichtdeutschen aus diesen Ländern. Also nicht die komplette Zuwanderung, zu der man auch die Deutschen hinzuzählen muss, die aus Spanien zurückkommen.

Die eindrucksvollste Zahl gewinnt

Darüber könnte man vielleicht hinweg sehen. Im Bild mit den 1,08 Millionen „Zuwanderern“ meint die Tagesschau aber plötzlich tatsächlich alle Zuwanderer, inklusive der Deutschen. Fragt man sich, nach welchem Muster die Redakteure wohl entschieden haben könnten, was sie nun gerade für „Zuwanderer“ halten, wäre eine Erklärung: Sie haben immer so gewählt, dass die größte und dadurch eindrucksvollste Zahl herauskommt.

Hätten sie nämlich bei den Prozentzuwächsen (erstes Bild) auch die Deutschen mitgezählt, wären sie für Spanien statt auf +45% nur noch auf +34% gekommen. Und hätten Sie bei der gesamten Zuwanderung (zweites Bild) allein die Nichtdeutschen genommen, wären sie nur auf 966.000 Zuwanderer gekommen. Unter der Milliongrenze. Bah. Wer will so langweilige Nachrichten sehen?

Ich will den Kollegen natürlich nicht bösartig Effekthascherei unterstellen. Vielleicht haben sie den Fehler im Nachrichtentrubel gar nicht bemerkt. Und vielleicht wollen sie ihn ja korrigieren, zumindest im Internettext, der das Sendungsthema auf tagesschau.de unter der Überschrift Mehr Zuwanderung aus Südeuropa [3] begleitet (Anmerkung 8. Mai 2013, 16:15 Uhr: Gerade merke ich, dass der Link tot ist. Offenbar wurde der Artikel offline geschaltet. Ich habe @tagesschau via twitter gefragt, ob gerade korrigiert wird).

Online setzt die Tagesschau noch einen drauf in Sachen Verwirrung. In dieser Tabelle

Saldo_auslaendische_Zuwanderer_2012_Tagesschau
Quelle: tagesschau.de

stehen nämlich nicht die Zahlen der Zuwanderer. Sondern der Saldo der nichtdeutschen Wanderung für das entsprechende Land. Also ausländische Einwanderer minus ausländische Auswanderer. Wären hier nur die ausländischen Einwanderer gemeint gewesen, hätte es zum Beispiel für Polen 176.367 heißen müssen statt 68.122. Das liegt dann doch ziemlich weit auseinander.

Warum immer Spanien, Italien und Griechenland?

Man muss sich ohnehin ein wenig wundern, warum alle dauernd von Spanien, Italien, Griechenland oder Portugal reden, wenn es um die Einwanderung geht. Es ist schon richtig, dass der Strom aus diesen Ländern gerade sehr deutlich ansteigt. Noch stärker aber stieg er aus Zypern an (+52%) oder aus Slowenien (+62%), die beide eher nicht Gegenstand der medialen Migrationsbegeisterung sind.

Klar, könnte man sagen, von dort kommen ja auch viel weniger Leute. Aber wegen der Masse an Auswanderern dürfte man Spanien, Italien und Griechenland auch nicht hervorheben (und Portugal schon gar nicht). Sie stehen in der Rangliste der Länder, aus denen die Menschen nach Deutschland kommen, erst auf den Plätzen fünf, sechs, und sieben (Portugal: Rang 18). Viel bedeutender sind die ersten vier Nationen: Aus Polen, Rumänien, Bulgarien und Ungarn kamen 2012 42 Prozent aller ausländischen Zuwanderer zu uns.

Aus Spanien, Italien, Griechenland und Portugal hingegen nur 12 Prozent. Die meisten Migranten kommen ganz woanders her: 46 Prozent setzen sich zusammen aus Wanderern aller Herren Länder. Ein bunter Mix, zu dem jede Nation nur wenig beiträgt.

Wahrscheinlich ist es einfach nicht besonders sexy, über diese Länder zu berichten. Oder uns Journalisten fällt keine gute Geschichte dazu ein. Dabei gäbe es eigentlich eine, auch wenn sie Demografen schon sehr lange bekannt ist: Einwanderer kamen schon immer vor allem aus den Ländern in die EU, die dem Staatenbund zuletzt beigetreten sind.

Dass dieses Schema auch 2012 noch ein entscheidende Rolle für Deutschland spielt, sieht man an einer kleinen Grafik, die die Destatis-Experten ganz hinten ins letzte Tabellenblatt ihrer Excel-Tabelle [2] gepastet haben:

Zuzuege_Nichtdeutsche_Beitrittsstaaten_EU_Destatis
Quelle: Excel-Tabelle [2] Destatis zu neuen vorläufigen Wanderungszahlen 2012

Das Spannende ist die orangene gestrichelte Linie: Der Prozentanteil der Einwanderung aus den EU-15-Staaten (dazu gehören auch Spanien, Italien, Griechenland und Portugal) hat auf längere Sicht bisher keinen ungewöhnlichen Sprung nach oben gemacht. Dauerhaft steigt aber die Kurve für die Beitrittsstaaten von 2007, das sind Rumänien, und Bulgarien. Aus beiden kamen 2012 viele ausländische Einwanderer (116.154 und 58.504) und aus beiden waren es deutlich mehr als im Vorjahr (+23% und +14%).

Zahlenmäßig ist die Migration aus den Beitrittsländern dominant. Gut möglich, dass sie es auch dann noch ist, wenn die Spanier und Portugiesen längst wieder in ihrer Heimat bleiben. Mal sehen, ob das was an der Berichterstattung ändert. Momentan unterliegen die meisten Kollegen wider der statistischen Relevanzkriterien wohl eher dem Charme des Südens.