16. Januar 2014, 9:49  1 Kommentar

Deutschland einig Wanderland

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Die Migration bleibt Dauerthema. Gestern brachte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge seinen jährlichen Migrationsbericht für 2012 heraus. Und obwohl die Basiszahlen der Migration für 2012 längst bekannt waren, greifen Politik und Medien sie sofort noch einmal auf.

Gerade vorgestern hatte ich gebloggt, wie sehr unsere Bevölkerungsprognosen wegen der hohen Migration daneben liegen. Ausgelassen hatte ich dabei einen Blick zurück, den ich hier nachliefere: Wie hätte sich Deutschlands Bevölkerung eigentlich ohne Wanderung entwickelt? (Die interaktive Grafik ist das Update dieser Version.)

Bevölkerung in Deutschland mit Wanderung (= amtliche Bevölkerungsgröße) und ohne Wanderung von 1951 bis 2013. Hätte es seit 1951 keine Wanderung gegeben, würden in Deutschland heute gut zehn Millionen Menschen weniger leben. Achtung: Änderungen durch den Zensus 2011 wurden herausgerechnet, damit die Werte vergleichbar bleiben.
Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnung, Daten und ausführliche Angaben zu Quellen und Berechnung auf Google Docs

Diese Daten haben eine klare Botschaft: Einwanderung hat in Deutschland immer schon eine tragende Rolle gespielt. Sie ist nicht neu. Sie wird bleiben. Deutschland ist ein Einwanderungsland.

Schaut man sich die gezackten Kurven des Wanderungssaldos an, könnte man auf die Idee kommen, dass Einwanderungsüberschüsse ein vorübergehendes Phänomen sind. So glaub(t)en es ja auch deutsche Politiker jahrzehntelang, und auch die amtliche Statistik scheint noch nicht ganz davon überzeugt, dass die Immigration hoch bleibt.

Dabei liegt der Wanderungssaldo seit 1951 durchschnittlich bei +170.000. Das ist alles andere als ein Klacks. Zwischenzeitlich negative Werte sind nur die Ausnahme.

Wanderung bleibt

Im Bundesamt für Migration weiß man das natürlich. In der Präsentation des Migrationsberichtes heißt es:

Deutschland gewinnt als Zielland von Migration weiter an Attraktivität.

Das heißt auch: Es war schon immer attraktiv. Wissenschaftler würden von starken „Pull“-Faktoren sprechen, die Menschen hierher ziehen. Vergleichen mit anderen Ländern ist Deutschland wirtschaftlich stark, es ist ein verlässlicher Rechtsstaat, hat eine funktionierende Demokratie und im Sommer blühen sogar die Landschaften. Und so lange das so bleibt, werden die Menschen zu uns kommen.

Man kann dagegen Stammtischängste schüren, Menschen von der Sozialleistungen ausschließen oder sie in Flieger zurück in die alte Heimat setzen. Man kann alle Arten von bürokratischen und echten Zäunen hochziehen, es wird alles nichts ändern: Die Wanderer werden weiter zu uns wandern.

Sehr eindrücklich hat UN-Generalsekretär Ban Ki Moon formuliert, was das bedeutet (während einer Rede vor der Kommission für Bevölkerung und Entwicklung am 23. April 2013):

The question is not how to stop people to move across borders. That’s impossible. The question is how we plan for such movements and make the most of them.

(Wer das Zitat schon kennt: Ich habe es aus meinem älteren Newsletter zur Migration recyclet.)

„Wir“ bedeutet Plural

Die interaktive Grafik oben fragt übrigens bewusst nicht nach Ausländerstatus oder Migrationshintergrund. Sie unterscheidet nicht. Wer hier ist, ist hier und gehört zu „uns“. Das idealisiert natürlich und blendet Problemzonen wie die Integration aus.

Ich finde es aber wichtig, die demografische Entwicklung immer auch aus der Distanz zu betrachten. Und aus dieser Distanz sieht man: Deutschland war schon immer von Wanderung geprägt (spätestens seit der Völkerwanderung, wenn man die historische Perspektive ernst nimmt), und am Ende hat sich daraus immer ein „Wir“ ergeben, das ziemlich stabil und attraktiv ist. Wir sind im Kern pluralistisch.

Es besteht Hoffnung, dass sich diese Einsicht durchsetzt. Gestern in der Tagesschau konnte man Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagen hören:

Dass wir insbesondere Zuwanderung wollen von Frauen und Männern, von Menschen, die hier ihr Leben aufbauen und Steuern zahlen und arbeiten wollen, dass wir auch besonders attraktiv werden wollen für Hochqualifizierte, dass hat relativ gut funktioniert.

Am schönsten finde ich den Satz, den er dann nachsetzt:

Das ist ja mal eine gute Nachricht.

Jetzt nur noch weitersagen an die Kollegen von der CSU, lieber Herr de Maizière.

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