14. Januar 2014, 10:05  4 Kommentare

Da waren’s plötzlich noch mehr

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Bevölkerung in Deutschland: Wie viele werden wir sein? Entscheidend ist die Einwanderung. Doch deren Prognosen liegen bisher daneben.
Bevölkerung in Deutschland: Wie viele werden wir sein? Entscheidend ist die Einwanderung. Doch nicht nur deren Prognosen liegen weiterhin daneben.

Wieder nichts: Deutschland will einfach nicht schrumpfen – obwohl das doch immer wieder vorausgesagt wird. Gerade hat das Statistische Bundesamt (Destatis) neue Schätzungen bekannt gegeben: 2013 sind wir wieder 300.000 mehr geworden. Damit lägen wir bei 80,8 Millionen Einwohnern.

Und damit hätte die Wirklichkeit die letzte Bevölkerungsprognose der amtlichen Statistiker nach nur fünf Jahren um mehr als 1,2 Millionen Einwohner übertroffen. Schon vorletztes Jahr hatte ich über Abweichungen gebloggt, danach wuchsen sie aber weiter, und zwar noch stärker. Darum aktualisiere ich hier die Daten von damals. Sie werfen die Frage auf: Sind Bevölkerungsprognosen angesichts solcher Fehler überhaupt noch sinnvoll?

(Achtung, in der folgenden Tabelle habe ich bei den tatsächlichen Einwohnerzahlen in der Spalte „Amtlich“ ab 2011 die Korrektur durch den Zensus 2011 herausgerechnet. Die Bevölkerung ist ab 2011 darum um etwa 1,5 Million größer als die neuen amtlichen Werte. So bleiben auch die jüngeren Zahlen mit der Prognose von 2009 vergleichbar.)

    Amtlich Prognose1 Differenz
2008 Bevölkerung am 31.12. 82.002.3562 81.947.0003 + 55.356
2009 Geburten + 665.1264 + 666.000 – 874
Gestorbene – 854.5444 – 848.000 – 6.544
Wanderungssaldo – 12.7825 – 30.000 + 17.218
Bevölkerung am 31.12. 81.802.2572 81.735.000 + 67.257
2010 Geburten + 677.9474 + 662.000 + 15.947
Gestorbene – 858.7684 – 862.000 + 3.232
Wanderungssaldo + 127.6775 + 10.000 + 117.677
Bevölkerung am 31.12. 81.751.6022 81.545.000 + 206.602
2011 Geburten + 662.6854 + 660.000 + 2.685
Gestorbene – 852.3284 – 871.000 + 18.672
Wanderungssaldo + 279.3305 + 40.000 + 239.330
Bevölkerung am 31.12. 81.843.7432 81.374.000 + 469.743
2012 Geburten + 673.5444 + 660.000 + 13.544
Gestorbene – 869.5824 – 882.000 + 12.418
Wanderungssaldo + 368.9455 + 60.000 + 308.945
Bevölkerung am 31.12. 82.039.5896 81.212.000 + 827.589
2013 Geburten + 685.0007 + 660.000 + 25.000
Gestorbene – 895.0008 – 892.000 – 3.000
Wanderungssaldo + 400.0009 + 80.000 + 320.000
Bevölkerung am 31.12. 82.315.84310 81.060.000 + 1.255.843
Tabelle: Unter „Amtlich“ steht die tatsächliche Bevölkerungsgröße laut amtlicher Fortschreibung. Da sie mit dem Zensus 2011 um etwa 1,5 Millionen nach unten korrigiert wurde, wurde diese Differenz für die Folgejahre hinzugezählt. So sind die Zahlen vergleichbar zur alten Fortschreibung. Unter „Prognose“ stehen die Zahlen aus der üblicherweise in den Medien zitierten „mittleren“ Variante „1-W1“ der 12. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2009. Der amtliche Wanderungssaldo für 2009 ist vermutlich um Einiges unterschätzt und ist tatsächlich positiv. Denn für 2008 und 2009 gibt die amtliche Statistik zu viele Auswanderer an, weil in dieser Zeit die Erfassung umgestellt wurde. (Achtung, dass die „Spaltensummen“ nicht exakt aufgehen, ist richtig so11.)

Überall, wo in der letzten Spalte ein Plus steht, wurde die Entwicklung unterschätzt. Saldo nach fünf Jahren: Es starben knapp 25.000 Menschen weniger als angenommen, dafür wurden 56.000 mehr geboren. Das ist eine Kleinstadt voller unerwarteter Babys.

Am meisten lag die Einschätzung der Wanderung daneben: In fünf Jahren summierte sich der Überschuss auf 760.000 Zuwanderer, mit denen die Statistiker nicht gerechnet hatten.

Nettto-Einwanderung in Deutschland: Realität und Prognose
In Tausend

Wanderungssaldo für Deutschland von 1950 bis 2013 und Wanderungsannahmen für die 12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2009.

Wanderungssaldo für Deutschland von 1950 bis 2013 (bis 1990 nur früheres Bundesgebiet; 1950 bis 1957 ohne Saarland) und Wanderungsannahmen für die 12. Koordinierte. Roter Linienabschnitt: Die Salden der Jahre 2008 und 2009 sind unterschätzt und vermutlich tatsächlich positiv, da die Fortzüge für diese Jahre wegen zusätzlicher amtlicher Buchungen zu hoch ausgewiesen worden sind (siehe Post Einwanderung nach Deutschland: Mehr Netto vom Brutto).
Quelle: Statistisches Bundesamt, Daten bei Google Docs

Ich muss zugeben, dass der Vergleich etwas unfair ist. Denn normalerweise bringen die Statistiker alle drei Jahre eine neue Prognose heraus. Durch diesen „Reset“ können sie immer wieder auf Basis der aktuellen tatsächlichen Bevölkerungszahl in die Zukunft rechnen. 2012 hätte eine solche neue Projektion gemacht werden sollen. Das ging aber nicht. Denn 2012 wusste man leider gerade nicht, wie viele wir sind.

Weil eine Prognose ausfiel, wird sichtbar, wie falsch die Annahmen sind

2011 hatte man mit dem Zensus 2011 endlich wieder eine Volkszählung gemacht, und man ahnte zwar, dass das Ergebnis unter der bisherigen Einwohnerzahl liegen würden, war aber noch nicht fertig mit der Auswertung. Inzwischen ist bekannt, dass Deutschland laut Zensus um 1,5 Millionen Einwohner kleiner ist als gedacht, aber an den Details wie der Altersverteilung arbeitet man immer noch. Die nächste Prognose dürfte frühestens 2015 kommen.

Bis dahin gilt die von 2009. Und plötzlich wird sichtbar, wie sehr so eine Vorausberechnung daneben liegt, wenn man sie nicht schnell wieder korrigiert. So unfair ist der Vergleich dann doch nicht, wenn man bedenkt, dass der Prognosehorizont ja nicht drei, sondern 50 Jahre ist. Die Politiker, für die solche Projektionen gemacht werden, schauen ja nicht nur auf die Jahre bis zur Neuauflage, sondern sie mach(t)en Politik mit der voraussichtlichen Bevölkerung im Jahr 2060.

Die Wanderung vorherzusagen ist nicht einfach…

Die Migration richtig vorauszusagen, ist natürlich schwer. Die Zeitreihe des Wanderungssaldos in der Grafik oben verläuft so zackig, dass man sie mit keiner Annahme dieser Welt exakt treffen kann. Allerdings darf man schon fragen, warum die Statistiker anscheinend grundsätzlich viel zu konservativ schätzen. Zumal amtliche Experten wussten, dass die Einwanderung wesentlich höher liegen könnte (das hatte ich bereits vor zwei Jahren beschrieben).

Nicht einmal die Projektionsvariante „W2“ mit „viel“ Wanderung (ein Saldo von +200.000 im Jahr) erreicht annähernd die Realität. Vielleicht baut Destatis ja in seine nächste Vorausberechnung eine Variante mit einem noch größerem Saldo ein.

…aber darauf darf man sich nicht ausruhen

Dass Wanderung schwer vorhersehbar ist, heißt keineswegs, dass man sie stiefmütterlich behandeln darf. Denn sie beeinflusst die Bevölkerungsgröße auch über die künftigen Geburten: Zum einen steigt mit den Einwanderern die Zahl der potenziellen Mütter, was automatisch zu mehr Kindern führt. Zudem haben Migrantinnen einiger Länder (zunächst) höhere Geburtenraten als deutsche Frauen.

Diese Effekte sind nicht vernachlässigbar, denn die meisten Zuwanderer sind im gebärfähigen Alter. 2011 waren zwei Drittel zwischen 20 und 40. Bei Zuströmen wie in den letzten Jahren führt das durchaus zu signifikanten Verschiebungen nicht nur in der Bevölkerungsgröße, sondern auch in der Altersstruktur: Wir sind nicht nur mehr als befürchtet, wir sind im Durchschnitt auch jünger.

Wie sollte man also richtig prognostizieren? Das ist eine schwierige Frage, über die auch Wissenschaftler streiten. Manche schlagen vor, mehr und auch extremere Szenarien anzubieten als bisher. Andere wollen keine exakten Zahlen mehr berechnen, sondern nur noch Wahrscheinlichkeitsbereiche, die immer größer werden, je weiter in die Zukunft geblickt wird.

Es geht auch ohne Prognostiziererei – sogar besser

Ich hätte einen anderen Vorschlag: Wir lassen die ganze Prognostiziererei einfach. Ich glaube, die Politik würde dadurch besser. Sie würde ein gutes Stück freier von Demografisierung: Sie könnte flexibel bleiben, demografisch anpassungsfähige Systeme entwickeln (vom Abwassersystem bis zur Altersversorgung) und wieder den Menschen in den Fokus stellen: Was wollen wir denn eigentlich jenseits der vermeintlichen demografischen Zwänge?

Fußnoten:
  1. Quelle (ganze Spalte außer 2008): destatis, Ergebnisse der 12. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung []
  2. Quelle: Bevölkerungsfortschreibung Destatis auf Grundlage der Volkszählung 1987 im Westen bzw. 1990 im Osten [] [] [] []
  3. Basiswert der Projektionsrechnung. Quelle: Persönliche Kommunikation mit Experten des Statistischen Bundesamtes []
  4. Quelle: destatis, Lange Reihe Geborene und Gestorbene [] [] [] [] [] [] [] []
  5. Quelle: destatis, Lange Reihe Wanderung [] [] [] []
  6. Vorläufige Fortschreibung Destatis auf Basis des Zensus 2011 plus Zensusdifferenz (= Fortschreibung für Ende 2011 auf Basis der Volkszählungen 1987/1990 minus Fortschreibung für Ende 2011 auf Basis des Zensus 2011; Werte aus Zensus-Veröffentlichung, S. 7) []
  7. Quelle: Mittelwert des von Destatis geschätzten Bereichs von 675 000 bis 695 000 Lebendgeburten, siehe Pressemitteilung vom 08.01.2014 []
  8. Quelle: Mittelwert des von Destatis geschätzten Bereichs von 885 000 bis 905 000 Sterbefällen, siehe Pressemitteilung vom 08.01.2014 []
  9. Quelle: Konservative Schätzung von Destatis, siehe Pressemitteilung vom 08.01.2014 []
  10. Destatis-Schätzung von 80,8 Mio Einwohnern (siehe Pressemitteilung vom 08.01.2014) plus Zensusdifferenz (= Fortschreibung für Ende 2011 auf Basis der Volkszählungen 1987/1990 minus Fortschreibung für Ende 2011 auf Basis des Zensus 2011; Werte aus Zensus-Veröffentlichung, S. 7) []
  11. Man sollte annehmen, dass der Jahresendstand des Vorjahres + Geburten + Gestorbene (negative Zahl) + Wanderungssaldo = Jahresendstand des aktuellen Jahres ist. Wenn man die Zahlen der Tabelle zusammenaddiert, stimmt das aber nicht ganz, obwohl die Einzelwerte stimmen. Warum das so ist, weiß ich im Detail nicht. Es ist aber durchaus normal, dass es in der amtlichen Statistik immer wieder kleinere Korrekturen und Bereinigungen gibt. []

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Daniel Januar 16, 2014 um 15:13

Vielen Dank für diesen sehr erhellenden Artikel!
Leider wird das Thema „Prognose“ in de Medien und in politischen Äußerungen viel zu sehr als Faktum dargestellt und sehr selten hinterfragt. Und wenn man bedenkt, wie viele politische Entscheidungen und was für Umteilungen auf der Annahme eines zunehmenden Bevölkerungsrückgangs stattfindet, ist das ganze einfach nur grotesk.

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