- Björn Schwentker - http://www.demografie-blog.de -

Demografisierung statt Wahrheit

Das Schöne an einem Blog ist, dass man auch mal völlig zeitlos bloggen darf. Schon längst hätte ich hier einmal ein Stück schreiben sollen, das grundsätzlich fragt: Was tun wir da eigentlich, wenn wir über den „demografischen Wandel“ reden? Da ist nämlich einiges im Argen.

Ich habe so einen Post bisher nie angepackt, weil ich nicht wusste, wie. Jetzt kommt mir der Zufall zu Hilfe: Heute halte ich im Deutschen Hygiene-Museum [1] in Dresden einen Vortrag zum demografischen Wandel. Er steht unter dem Motto Nichts als die Wahrheit [2], und es geht um die Frage, wie viel (und ob überhaupt) Politik mit Wahrheit zu tun hat. Ich soll das am demografischen Wandel konkret machen.

Das Motto ist eine gute Leitschnur, um die Gedanken ein wenig zu sortieren. Ich schreibe sie hier auf. Das Ganze klingt etwas plakativ, aber es ist ein Anfang. Es sind sechs Thesen:

  1. Es ist unwahr, dass der demografische Wandel ein Problem ist. (Es gibt aber welche.)

  2. Wahr ist, dass der demografische Wandel natürlich und gut ist.

  3. Es geht nicht um Wahrheit, sondern darum, Interessen durchzusetzen. Das nenne ich „Demografisierung“.

  4. Die Debatte orientiert sich nicht an der (z.B. wissenschaftlichen) Wahrheit, sondern an fragwürdigen Normen.

  5. Weil demografische Daten falsch interpretiert werden, kommt es häufig zu unwahren Schlussfolgerungen.

  6. Die Wahrheit ist oft nicht feststellbar, weil es die nötigen Daten nicht gibt.

Zu jeder These ließe sich einiges sagen, und sie rufen sicher auch nach Begründung, nach Beweisen. Aber hier geht es nur um den Überblick. Ich fasse mich kurz:

1. Es ist unwahr, dass der demografische Wandel ein Problem ist

Der demografische Wandel ist kein Problem. Er ist eine recht alte Entwicklung, die inzwischen nur deshalb zu Reibungen führt, weil wir uns nicht mit entwickeln. Zum Beispiel ist unsere Vorstellung von den drei starren Lebensphasen Lernen – Arbeiten – Rente schon längst nicht mehr zeitgemäß, wenn wir immer gesünder immer älter werden.

Tatsächlich gibt es Probleme. Etwa mit den Sozialsystemen, sozialer Ungleichheit (auch im Alter), Armut (auch im Alter), der Wirtschaftsleistung oder den Gesundheitskosten. Aber die Gründe dafür sind nicht im demografischen Wandel zu suchen. Um sie zu beheben müssen wir z.B. nachdenken über: Die Art, wie wir arbeiten; wie wir unseren Lebensverlauf planen wollen und wie der Staat das flankieren will; wie wir Sozialleistungen und Grundsicherungen finanzieren; wie sozial unser marktwirtschaftliches System sein soll; wie wir Bildung endlich konsequent und für alle zur Priorität machen und wie wir unser Gesundheitssystem solide neu bauen können.

2. Wahr ist, dass der demografische Wandel natürlich und gut ist

Demografischen Wandel gab es immer und die Bevölkerungsentwicklungen, über die wir uns heute beklagen, sind alt. Sie sind natürlich und gut, weil sie für Entwicklung und Fortschritt stehen. Man darf und kann sie nicht zurückdrehen. Die Lebenserwartungen steigen in der entwickelten Welt seit weit über hundert Jahren: Die Geburtenraten begannen kurz danach zu fallen (nicht erst während des irrigen „Pillenknicks“). Beides zusammen bezeichnen Demografen als den „demografischen Übergang“. Er hat etwas Naturgesetzliches und tritt in jedem Land auf, das sich entwickelt.

Fortschritte in Medizin, Wirtschaft und Bildung reduzieren erst die Sterblichkeit und dann die extrem hohen Kinderzahlen pro Frau. Die Theorie dahinter besagt, dass sich beides in einem neuen, niedrigen Gleichgewicht einpendelt. Allerdings ist der Prozess noch nicht abgeschlossen und neue, moderne Trends überlagern ihn: Vor allem die Bildungsexpansion der Frauen und zunehmende Gleichberechtigung der Geschlechter schreiten schneller voran als die Gesellschaften (und die Männer) diese Grundrechte gewähren können. Sprich: Eine gleichberechtigte Aufteilung von Arbeits- und Familienleben zwischen den Geschlechtern gibt es aus vielen Gründen nicht. Die Hemnisse lassen sich beseitigen. Nicht aber der Drang nach Gleichberechtigung, Selbsterfüllung und Freiheit neben dem Wunsch nach Familie. Er ist eine fundamentale Errungenschaft der Menschheitsentwicklung.

3. Es geht nicht um Wahrheit, sondern um „Demografisierung“: darum, Interessen durchzusetzen

Es geht bei der demografischen Debatte nicht um die Wahrheit, sondern darum, den „demografischen Wandel“ zu instrumentalisieren für eine Vielzahl an Interessen. Diesen Prozess nenne ich „Demografisierung“. Obschon argumentiert wird, der demografische Wandel erzwänge bestimmte Änderungen, ist dies nicht wahr. Der demografische Wandel ist eine Rahmenbedingung für unser Leben – neben vielen anderen. Im Rahmen dieser Bedingungen haben wir die freie Wahl, unser (gesellschaftliches) Leben (politisch) selbst zu formen.

Dazu muss die Politik aber die unter 1. genannten eigentlichen Ursachenfelder angehen (da geht es um grundlegende Werte und neue Visionen, nicht aber um Demografie). Weil das unbequem ist, schiebt man lieber der Demografie die Schuld an allerlei Problemen zu. Mit Verweis auf demografische Zwänge lässt sich auch gut Profit machen – finanziell wie politisch. Wichtige Player mit solchen Profitabsichten sind z.B. die Bundesregierung, die Allianz oder die Bertelsmannstiftung.

4. Die Debatte orientiert sich nicht an der (z.B. wissenschaftlichen) Wahrheit, sondern an fragwürdigen Normen

Die Demografische Debatte wird nicht frei geführt, sondern stark normativ. In Deutschland sind diese Normen besonders stark. Z.B. gibt es immer noch das unsinnige Ideal einer Bevölkerungspyramide mit breiter Kinderbasis, obwohl diese Form ein Zeichen für niedrigen Entwicklungsstand und hohe Kindersterblichkeit ist. Wir haben bestimmte Vorstellungen davon, wie viel Kinder richtig sind (mindestens zwei), welche es sein sollen (am besten deutsch, bitte mit gebildeten Eltern) und wie Familien funktionieren sollen (bitte als traditionelle Ehe). Eine der stärksten Normen ist wohl: Mehr (Bevölkerung) ist besser, Schrumpfen ist schlecht. Die wissenschaftliche Wahrheit, dass weniger Menschen und Veränderung in allen Lebensbereichen gut und normal sind (siehe auch 2.), ist für die Debatte zu kompliziert.

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Volkstod und Vergreisung hat nicht der Spiegel (Titel 02/2004) erfunden. Das waren die Nazis.
© Der Spiegel

Viele unserer Normen lassen sich auf erschreckende Weise zurückführen auf die Demografen der Nazizeit, in der die „Wissenschaft“ Demografie noch zur Durchsetzung von eugenischen, sozialdarwinistischen und rassenhygienischen Vorstellungen benutzt wurde. Wahrheit wurde damals massiv verbogen und in das Korsett einer Todessymbolik gezwungen, die einem System diente, dem die Wahrheit nichts wert war. Heute nutzen wir dieselbe Symbolik: Die Nazis schufen die Begriffe „Überalterung“, „Vergreisung“ und das Symbol der „gesunden“ Bevölkerungspyramide, die zur „Urne“ wird. Auch die absurde Vorstellung, dass eine Bevölkerung, die zwischenzeitlich schrumpft, mit Sicherheit auch aussterben wird, haben die Nazis kultiviert. Argument damals: Dem „biologischen Volkskörper“ schwindet die Kraft. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

5. Weil demografische Daten falsch interpretiert werden, kommt es häufig zu unwahren Schlussfolgerungen

Grundlegende demografische Daten werden falsch dargestellt und die demografischen Maße, die in der Debatte sind, sind ungeeignet. Bestes Beispiel ist die häufige Verwechslung von absoluten Geburtenzahlen (sinken tendenziell wegen Bevölkerungsstruktureffekten) und Geburtenraten, also der tatsächlichen Geburtenneigung (ist im Westen konstant und steigt im Osten). Allerdings bleiben auch die debattierten Geburtenraten („zusammengefasste Geburtenziffer“) hinter der endgültigen Kinderzahl pro Frau zurück. Der Grund ist schnöde Mathematik, die natürlich kaum diskutiert wird. Entwicklungen, die die Raten nicht abbilden, bleiben unbeachtet.

Die gängige Lebenserwartung bleibt (wieder aus mathematischen Gründen) weit hinter der Lebensspanne zurück, die wir erreichen. So liegt die aktuelle Lebenserwartung für Frauen in Deutschland bei etwa 83 Jahren. Aber schon heute hat jedes neu geborene Kind eine Chance von 50 Prozent, Hundert zu werden. Fatal ist das Maß, mit denen wir die Altersstruktur der Bevölkerung beziffern: Der „Belastungsquotient“ teilt die über 65-Jährigen durch die Jüngeren und wächst schon deshalb zwangsläufig, weil die Lebenserwartung andauernd steigt. Das aber ist ein Zeichen für eine gesundende Bevölkerung, nicht für eine Verschlechterung der Situation. Das Problem ist unser starrer Altersbegriff, der sich am fixen Alter 65 fest macht.

6. Die Wahrheit ist oft nicht feststellbar, weil es die nötigen Daten nicht gibt

Leider wird in diesem Land über sehr vieles geredet, was wir gar nicht wissen können, weil wir dazu keine Daten haben, oder weil unsere Daten unglaublich schlecht sind. Ausländische Wissenschaftler machen sich oft lustig über das demografische Datendunkel in Deutschland. Nicht wirklich wissen können wir z.B.: ob Kitas oder Elterngeld die Geburtenrate erhöhen, wie sich Geburtenraten mit Bildung oder Einkommen beider (!) Eltern verändern, wo die meisten Hochaltrigen leben oder wie Beruf, Rente und Sterblichkeit genau zusammenhängen. Und wir können nur raten, wie viele Dachdecker mit 67 noch aufs Dach steigen, und wie viele längst bei Obi als Fachberater arbeiten.

Die Gründe für das Datendefizit sind vielschichtig. Eine zentrale Rolle spielt unsere Vorstellung von einem Datenschutz, der sich auch auf anonymisierte Auswertung durch die Wissenschaft erstreckt. Viele Informationen über die Bevölkerung, die man für Ursache-Wirkungs-Analysen gerne verknüpfen würde, darf und kann der Staat (als größter und bester Datenhost) in Deutschland nicht verknüpfen. Es gibt aber auch normative Hürden. So lassen sich erst seit 2008 die Kinderlosigkeit und das Alter der Frauen bei der Geburt in Deutschland messen, weil beides vorher nur für Eheleute erfasst wurde (von denen es immer weniger gibt, die Daten waren unbrauchbar).

Wo Daten und wissenschaftliche Wahrheiten fehlen, wird leider fabuliert. Am liebsten entlang unserer Normen (siehe 4.) oder entlang den eigenen Interessen (siehe 3.).

So weit meine sechs Thesen. Und was jetzt?

Ich mag es nicht, wenn Problemanalysen nur pessimistische Bestandsaufnahmen sind. Wir haben eine besser Debatte verdient als das. Und wir brauchen sie auch, uns selbst zuliebe. Ich bin optimistisch, dass sich die Diskussion verändern lässt. Allerdings wird das niemand anders für uns tun. Wir selbst müssen aufhören, Demografisierung und Demografie-Defätismus auf den Leim zu gehen, und stattdessen fordern, das die wirklich wichtigen Fragen auf die politische Agenda kommen: Wie wollen wir leben?

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