12. August 2013, 8:29  23 Kommentare

Blackbox Zensus: Die Angst im Amt

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Der Zensus ist für die Gemeinden eine Blackbox. Um Transparenz herzustellen, ist Datenjournalismus gefordert.
Für die Gemeinden ist der Zensus eine Blackbox, über die sie nicht genug Daten bekommen. Ist das die Schuld der amtlichen Statistik?

Der Zensus sorgt für Ärger: Erst schien die Volkszählung von 2011 glatt über die Bühne zu gehen, es gab kaum größere Artikel oder Kritik in den Medien. Jetzt kommt heraus: In den Gemeinden gärt es. Über 800 haben gegen den Zensus Widerspruch eingelegt. Sie halten die Zensus-Ergebnisse für falsch, die Methode der Zählung für mindestens fragwürdig und viele überlegen zu klagen.

Der Zensus ist für die Kommunen eine Blackbox. Der Macher der Zählung, die amtliche Statistik, verhindere, dass die Qualität der Zensus-Methode untersucht werden kann, indem sie die nötigen Daten dafür zurückhält (zum Beispiel das Anschriftenregister, auf dem die Zensus-Stichprobe basierte). Recherchen von Gemeindedaten, die ich auf der Open Data-Plattform zensus-unzensiert.de und auf Spiegel Online veröffentlicht habe, zeigen, dass die Abweichung des Zensus von der bisherigen amtlichen Einwohnerzahl zum Teil wesentlich größer ist als bisher öffentlich gemacht wurde.

Das belegt, wie schlecht die Fortschreibung der Bevölkerungsgröße zuweilen ist. Über die Qualität des Zensus sagt es noch gar nichts. Dennoch weigerte sich eins der 14. Statistischen Landesämter, bei denen wir (Spiegel Online und ich) die Zahlen erfragten, sie herauszugeben, bis wir eine Anfrage nach dem Informationszugangsgestz des Landes stellten – also den juristischen Weg eingeschlugen, um die Information zu erstreiten. Weitere Datenrecherchen sollen nun tatsächlich die Qualität des Zensus beleuchten. (Zum Nachhören: Interview mit mir über die Recherchen zum Zensus-Projekt.)

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Die Open Data-Plattform zensus-unzensiert.de bündelt Daten zum Zensus, um Transparenz für die öffentliche Debatte zu schaffen.

Es gibt Journalisten, die nicht viel davon halten, so über ihre Recherchen zu plaudern, wie ich es hier tue. Schließlich ginge es um das Ergebnis der Recherchen, nicht, wie schwierig sie waren. Ich glaube das nicht. Denn die Transparenz des Zensus ist etwas, was die Öffentlichkeit unmittelbar angeht. Es geht bei der letzten Volkszählung nicht nur um viel Geld der Kommunen, der Länder und des Bundes (und letztlich der Bürger). Es geht hier vor allem um die prinzipielle Frage, wie viel Transparenz der Staat in einer Demokratie herstellen muss. Auch und gerade bei komplexen, datenschweren Vorgängen wie einer Volkszählung.

Der Zensus 2011 ist das größte amtliche deutsche Datenprojekt des letzten Vierteljahrhunderts, seine Bevölkerungszahlen haben an jeder Ecke politische Relevanz. Und dennoch ist es der Öffentlichkeit bisher unmöglich, die Erhebung nachzuvollziehen. Das gilt für die gut 11.000 Gemeinden, die der Zensus unmittelbar betrifft, ebenso wie für die Medien und die meisten Politiker. Das macht eine öffentliche Kontrolle des staatlichen Mammutprojektes bislang unmöglich.

Die 4. Gewalt braucht dringend Datenjournalismus

Das ist einer Demokratie unwürdig. Das muss sich schnellstens ändern. Hier müsste eigentlich sofort Journalismus einspringen. Sich erinnern, dass er doch die 4. Gewalt im Staat ist und unabhängig Transparenz schaffen kann – nein: muss! Aber journalistisch blieb der Zensus bisher quasi unangetastet. Die offensichtlichen Ergebnisse wurden veröffentlicht, ganz so, wie sie den Medien direkt vom Statistischen Bundesamt in die Hand gegeben wurden. Aber ohne Vergleich und Einordnung. Nachgehakt hat kaum jemand.

Warum ist das so? Und muss das so sein?

Nein, muss es nicht. Am Beispiel Zensus macht deutlich: Der Journalismus kann seiner aufklärerisch-kontrollierenden Rolle in der Demokratie nur noch gerecht werden, wenn er professionellen Datenjournalismus integriert. Wenn er das Fachwissen hat, mit einem statistisch komplizierten Thema umzugehen. Das gilt nicht nur für den Zensus: Daten spielen eine immer größere Rolle. Immer mächtigere Datensätze werden immer filigraner mit unseren Leben verwoben. Darum steigt auch die Zahl an relevanten Datenthemen ständig. Wie viele davon haben wir schon verpasst, weil wir es journalistisch nicht mit ihnen aufnehmen konnten?

Die Informationslücke schließen

Am Zensus-Beispiel lässt sich im Detail nachvollziehen, wieso es ohne Datenjournalismus nicht mehr geht: Die Bedeutung des Themas ist enorm, das ist unbestritten. Aber es gibt ein Informationsdefizit, weshalb die drängenden Fragen erst gar nicht öffentlich diskutiert werden können. (Z.B.: Ist der Widerstand der Kommunen berechtigt? Ist der Zensus fehlerhaft? War der Zensus gesetzeswidrig? War die Methode vielleicht sogar verfassungswidrig? Wie können wir künftig Einwohnerzahlen erheben, die so nah wie möglich an der Wahrheit liegen?)

Datenjournalismus kann solch ein Informationsdefizit beheben, wenn er zum Transparenzbeschaffer auf Augenhöhe mit denen wird, die die Daten verwalten und unangemessen zurückhalten.

Im Fall des Zensus bewegt sich ohne einen Transparanzbeschaffer nichts: Denn es gibt eine Art Patt, das durch die gegensätzlichen Interessen der beiden Seiten in diesem Spiel entsteht: Einerseits der Gemeinden, die im Interesse ihrer Bürger hoffen, mit mehr Daten eine höhere Einwohnerzahl durchsetzen zu können als die des Zensus. Auf der anderen Seite steht die amtliche Statistik, die die Daten nicht herausrückt. (Die „amtliche Statistik“ sind die 14 Statistischen Landesämter und das Statistische Bundesamt, die gemeinsam den Zensus durchgeführt haben – das waren nicht die Gemeinden selbst.)

Es ist ein Patt, weil sich eigentlich beide Seiten bewegen wollen, es aber nicht können. Für die Gemeinden ist klar, dass das zutrifft: Sie können nichts machen, weil ihnen die Daten fehlen. Aber ist es in der amtlichen Statistik nicht bloßer Unwille, die Daten nicht zu liefern? Und damit bewusst eine Diskussion über Veränderung zu verhindern? Vielleicht zum Teil. Meine These ist eher:

Die amtliche Statistik will helfen. Aber ihr sind die Hände gebunden. Zumindest empfindet sie das so.

Die Angst der Ämter verhindert demokratische Öffentlichkeit

Aus vielen Gesprächen mit Experten der amtlichen Statistik auf allen Ebenen weiß ich: Die Leute dort sind extrem gut. Sie wissen genau Bescheid, was sie tun, auch beim Zensus. Ihnen ist völlig klar, dass das System der amtlichen Einwohnerzahlerhebung in Deutschland dringen überholungsbedürftig ist. Und natürlich haben sie im Blick, dass der Zensus Schwachstellen hat. Sie wissen auch exakt, welche. Aber sie sagen nichts.

Stattdessen sagen sie, wenn man Informationen anfragt, die sie für brisant halten (nach gefühlter Reihenfolge der Häufigkeit und mit Bezug zum Zensus, durchaus aber verallgemeinerbar):

  • Das können wir aus Datenschutzgründen nicht rausgeben! (Weil es vermeintlich Daten mit konkretem Personenbezug sind.)

  • Wir sind nicht zuständig. Fragen Sie bei den Statistischen Landesämtern nach. (Und schwubs hat man 14 Ansprechpartner statt einem.)

  • Wir können nichts sagen, denn es geht um laufende Verfahren. (Dabei sollten einzelne Verfahren gar nicht namentlich benannt werden.)

  • Diese Daten haben wir nicht. (Obwohl es sie dann manchmal doch irgendwo gibt, oder die Daten durch einfache Berechnungen auf Basis von vorhandenen Daten zu generieren wären.)

  • Diese Datenauswertung können wir nicht leisten. (Zu viel Zeitaufwand.)

  • Das kostet Geld. (…das Journalismus nicht hat.)

Solche Antworten kriegt man zwar beileibe nicht immer. Es kommt zum Glück sogar oft vor, dass sich die Statistiker richtig ins Zeug legen, um Daten für die Medien bereitzustellen (Wie gesagt, es gibt dort tolle Leute).

Aber solche Antworten kommen, wenn es brisant wird. Dann können sie schnell das Aus für eine journalistische Geschichte sein. Trotzdem glaube ich, dass der amtliche Statistiker, der sie ausspricht, nicht blockieren will. Er steht unter vielerlei Zwängen, die solche Antworten für ihn völlig rational machen. Aus seiner Sicht (das unterstelle ich natürlich) fühlt sich die obige Liste vielleicht so an:

  • Bloß keinen Datenschutzskandal! (Der amtlichen Statistik steckt immer noch die Volkszählung von 1987 in den Knochen, die wegen panikartiger Widerstände in der Bevölkerung fast zum Desaster geworden wäre. Beim jetzigen Zensus mit seiner neuen Methode – erstmals keine Vollzählung mehr – hütet man sich darum ganz besonders vor vermeintlichen Verstößen gegen den Datenschutz.)

  • Bloß nicht das Föderalismus-Gefüge aus der Balance bringen! (Tatsächlich sind einige Aufgaben klar getrennt zwischen Statistischem Bundesamt und den 14 Statistischen Landesämtern. Und man ist sich manchmal nicht so ganz grün. Da hält man sich im Zweifel lieber ganz raus.)

  • Nicht unangenehm bei denen „ganz oben“ auffallen. (Ganz oben ist aus Sicht der amtlichen Statistik das Innenministerium. Letztlich ist man „nur“ eine nachgeordnete Behörde. Und wenn es politisch wird, darf man dann dem Hausherrn einfach so reinreden?)

  • Der Journalist versteht die Daten bestimmt nicht und schreibt dann etwas Falsches. (Und dann könnte es so aussehen, als sei das Amt daran Schuld.)

  • Diese Auswertung schaffe ich nicht auch noch! (Ein amtlicher Statistiker hat noch andere Aufgaben, als ständig Tabellen für notorisch nachfragende Fachjournalisten zu basteln. Da ist vielleicht nicht immer ganz klar, welche Priorität die Arbeit für die Medien haben darf.)

  • Als statistischer Dienstleister ist meine Arbeit Geld wert! (Tatsächlich ist es normal, dass Sonderauswertungen bei Statistischen Ämtern im Allgemeinen eine Gebühr kosten. Wenn aber Datenbedürfnisse der Politik – etwa im Rahmen von „kleinen Anfragen“ – Priorität genießen, sollten es die der „4. Gewalt“ nicht dann auch?)

Journalismus als neutraler Transparenzbeschaffer

Wie kann Datenjournalismus das Patt trotz dieser Ängste auflösen? Indem er die amtliche Statistik von ihren Zwängen befreit. Das schafft er, indem er sich – mit berechtigtem Selbstbewusstsein – als 4. Gewalt ins Spiel bringt und klar macht: Die Transparenz ist ein so hohes Gut, dass alle anderen (gefühlten) Zwänge dahinter zurückstehen müssen.

Konkret kann das heißen: Die Daten müssen auf juristischem Wege errungen werden. Zum Beispiel, indem man sich auf eines der Informationsfreiheitsgesetze beruft (Es gibt nicht nur eins für den Bund, sondern auch Varianten für einige Ländern). Das ist zwar nicht immer einfach, aber Redaktionen, die eine Rechtsabteilung im Haus haben, sollten das viel öfter tun.

Denn am Ende steht anstelle diffuser Ängste und vorgeschobener Gründe faktische, manchmal juristische Klarheit, die Bewegung ermöglicht. Liegt z.B. schwarz auf weiß vor, dass es tatsächlich keinen Verstoß gegen den Datenschutz gibt, hat der Amtsleiter damit den Beleg in der Hand, dass er gar nicht anders konnte, als die Daten herauszugeben. Es mutet merkwürdig an, aber man hilft ihm damit. Und er ist vielleicht sogar froh darüber.

Ein anderes Mittel ist, die Intransparenz der Ämter medial öffentlich zu machen, und sichtbar zu erklären, warum die Daten in der demokratischen Debatte nötig sind. Auch solche Argumente (die im besten Fall auch die „ganz oben“ lesen) können entlastend wirken.

Gesucht: Kompetenz, Struktur und Ausdauer

Beides funktioniert natürlich nur, wenn der Journalismus fundiert genug ist, um diese Manöver auch argumentativ durchzustehen. Genau darum braucht es, wo es um Daten geht, noch besseren Datenjournalismus. Ein paar Excel-Kenntnisse reichen nicht aus. Ausgebildete Datenjournalisten müssen systematisch in die Redaktionen integriert, Know-How, Strukturen, Methoden, journalistischer Datenerfahrung und -Ethik nachhaltig aufgebaut werden.

Spiegel Online geht übrigens gerade genau diesen Weg. Seit einiger Zeit sind dort die hervorragenden Datenjournalistinnen Christina Elmer und Nicola Kuhrt an Bord. Zusammen mit einem freien Fachautoren entsteht daraus ein Team, dem auch bei anspruchsvollen Datenrecherchen nicht so schnell die Luft ausgeht.

Datenjournalismus darf sich bei solch einem Projekt nicht in einmaliger Berichterstattung und Datenvisualisierung erschöpfen. Er bleibt dran, macht die bereits recherchierten Daten öffentlich (wie Spiegel Online für den Zensus) und legt aktuelle Artikel nach. Ideal wäre ein Portal, das aber viele Medien aus strukturellen Gründen nicht so einfach aufsetzen können. Ich habe darum als Projekt des Demografie-Blogs die Open Data-Plattform zensus-unzensiert.de geschaffen, um den Daten zum Zensus auch jenseits der aktuellen Medien-Timeline einen sichtbaren Platz im Netz zu geben.

Datenjournalismus als Journalismus über Daten

Die junge und immer noch etwas orientierungslose Strömung des Datenjournalismus sollte sich zudem selbstkritisch fragen, ob sie ihr Themenspektrum nicht viel öfter um ein wichtiges Element ergänzen sollte: Nämlich die Datenquellen selbst. Ganz so, wie Politikjournalismus über das politische System berichtet, das seine politischen Nachrichten hervorbringt, sollte es zur Normalität von Datenjournalismus werden, über die Systeme zu berichten, die Daten generieren und veröffentlichen – oder eben nicht.

Eine wichtige Rolle in diesem System spielen nicht nur die amtlichen Statistikämter, sondern auch die Statistik-Gesetze, die ihnen vorgeben, wie sie zu handeln haben (Im Fall des Zensus ist das das Zensusgesetz). Der heutige Datenjournalismus ist zumindest in Deutschland noch weit davon entfernt, für dieses Stück Demokratie eine mediale Wächterrolle einzunehmen.

Aber es wäre seine Aufgabe. Er könnte daran wachsen – und erwachsen werden.

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Volker Stollorz August 12, 2013 um 09:31

Björn, Du sprichst mir aus der Seele:) Let´s grow further from the roots, so we can have fruits some day!

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Torsten August 14, 2013 um 10:25

Themenvorschlag: „Der Zensus 2011 ist das größte amtliche deutsche Datenprojekt des letzten Vierteljahrhunderts, seine Bevölkerungszahlen haben an jeder Ecke politische Relevanz. “

Welche Ecken sind das denn außer der direkt abhängigen Zuteilung von Steuergeldern? Müssen nach Zensus-Ergebnissen Autobahnstrecken umgeplant werden, werden Regionalflughäfen die Grundlagen entzogen? Fließen die Daten in Entscheidungen ein, die dann zum Beispiel dafür sorgen, dass Homosexuelle nicht Blut spenden dürfen?

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Björn Schwentker August 14, 2013 um 12:03

Lieber Torsten,

danke für den absolut berechtigten Vorschlag. Das habe ich schon eine ganze Weile im Kopf, komme aber nicht dazu, es ordentlich aufzuschreiben.

Es gibt Einiges an Relevanz jenseits der Finanzverteilung. Man darf sie aber nicht unterschätzen. Für die Gemeinden ist das Geld essenziell und es muss unbedingt Teil einer solchen „Ecken-Liste“ sein. Für das Saarland habe ich auf Spiegel Online schon ein wenig dazu geschrieben.

Die Zensusergebnisse haben übrigens wirklich an den entlegendsten „Ecken“ Auswirkung: Mariä Himmelfahrt (das ist morgen) wird im nächsten Jahr in einigen bayerischen Gemeinden nicht mehr Feiertag sein, weil laut Zensus dort nun die evangelische Bevölkerung die Mehrheit hat (vorher die katholische). Umgekehrt müsste der Feiertag im manchen Gemeinden dazukommen (ich habe keine genauen Daten dazu). Ein interessantes Beispiel, denn man kann sich daran fragen: Ist das politisch eigentlich relevant? Wirtschaftlich dürfte es eine gewisse Relevanz haben. Und für die Menschen vor Ort auf jeden Fall…

Beste Grüße
Björn

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Peter August 15, 2013 um 09:26

Ich bin 2011 nach Köln gezogen und habe beim ersten Öffnen des Briefkastens direkt mal eine Verwarnung und Androhnung einer Geldstrafe seitens des Zensus im Briefkasten gehabt. Dann habe ich denen einen langen Beschwerdebrief zurückgeschrieben und es kam nichts mehr. Erfasst wurde ich wohl bis heute nicht..

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Dennis August 15, 2013 um 10:08

Mich wundert es, dass die Erhebung überhaupt stattgefunden hat, denn die Daten die erhoben wurden, liegen den Behörden doch vor. Bei jeder Ummeldung, Geburt, Todesfall, bei jedem Hauskauf, Hausbau zieht das Unmengen von Formalitäten nach sich. Man hätte lieber Geld für die passenden IT Infrastruktur in die Hand nehmen sollen, da hätte man jedes Jahr eine Statistik gehabt….so bleibt man halt die nächsten 25 Jahre im Blindflug.

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Björn Schwentker August 15, 2013 um 21:36

Lieber Dennis,

ganz so einfach ist es leider nicht. Tatsächlich führt jede Kommune eine eigene Einwohnerzahl in ihren eigenen Melderegistern. Dort wird auch jede Geburt, jeder Todesfall etc. erfasst.

Parallel dazu gibt es aber eine weitere Einwohnerzahl in Deutschland für jede Kommune, und zwar die amtliche Einwohnerzahl. Sie wird nicht von der Gemeinde selbst geführt, sondern vom jeweiligen Statistischen Landesamt. Das heißt, es gibt jede Gemeindezahl zweimal.

Blöderweise sind beide Zahlen falsch, wie sich durch stichprobenweises Nachprüfen belegen lässt. Darum gibt es alle zehn Jahre eine Volkszählung, deren Sinn es eigentlich ist, die amtliche Einwohnerzahl zu korrigieren (die Fehler im Melderegister dürfen dadurch nicht korrigiert werden. Das verbietet der deutsche Datenschutz durch eine Regel namens Rückspielverbot).

Es wird in der Tat überlegt, ob man dieses ganze komplizierte System der Einwohnerzahlerfassung nicht umstellen kann. Zum Beispiel, indem man die amtliche Einwohnerzahl, die bisher die Landesämter führten, wegfallen lässt und stattdessen die amtliche Einwohnerzahl relativ direkt aus den Melderegistern der Städte errechnet. Dazu müssten wahrscheinlich aber die Melderegister noch besser werden, und man müsste sich überlegen, wie.

Wie auch immer das künftig gehandhabt wird, einen Zensus wird es trotzdem alle zehn Jahre geben. Das schreiben sowohl die UN als auch die EU vor.

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Martin August 15, 2013 um 10:20

Die Argumente „Das kostet Zeit“ und „Das kostet Geld“ sind absolut nachvollziehbar. Die Mitarbeiter in den Statistikämtern sind oft bei ziemlich mässiger Bezahlung (E13) vollkommen ausgelastet. Warum sollte die öffentliche Hand unentgeltlich an kommerziellen Projekten mitarbeiten? Vorhandene Daten, bei denen kein zusätzlicher Arbeitsschritt nötig ist sollten natürlich herausgegeben werden. Für alles was darüber hinaus geht können dann die Empfänger der Daten beliebig Zeit und Geld für die weitere Aufbereitung aufwenden.

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Björn Schwentker August 15, 2013 um 21:51

Lieber Martin,

Ich meine nicht, dass die amtliche Statistik für kommerzielle Projekte unentgeltlich Sonderauswertungen machen sollte. Ich würde nur bei Medien (die ja auch zum Teil kommerziell sind – auch wenn sie gerade kaum Geld haben oder Verlust machen) eine wichtige Ausnahme machen. Denn sie spielen eine wichtige Rolle als 4. Gewalt im Staat und müssen Transparenz herstellen können. Und genau dabei muss sie der Staat unterstützen, indem er sämtliche Daten nach Kräften offenlegt (darum gibt es j auch so etwas wie Auskunftsrechte von Journalisten oder Informationsfreiheitsgesetze). Da darf es keine finanziellen Hürden für die Transparenz geben.

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Kurt Mueller August 15, 2013 um 11:55

Sehr geehrter Herr Schwentker,

Ihr Beitrag läßt mich einigermaßen ratlos zurück….

Ihr Plädoyer für den Datenjournalismus in allen Ehren – das wird sicherlich wichtig.

Ihr Getrommel für den Zenstuß und die ach so fähigen Statistiker kann ich aber leider überhaupt nicht nachvollziehen. Der Spaß kostet lt. FAZ 700 Millionen Euro. Nur zur Erinnerung: Das ist mehr, als Rudolf und Kurt am Nürburgring versenkt haben oder de Maizière mit der Drohne Nimmerflieg.

Wie „Dennis“ schon schrieb: Wir haben in Deutschland Einwohnermeldeämter, Katasterämter, Bauämter etc. Entweder sind die alle überflüssig – oder falls die dort vorliegenden Daten nicht zuverlässig sind, sollte man doch mal über eine bessere Datenerhebung nachdenken, bevor man den ganzen Kram parallel für teuer Geld noch mal macht.

Und bei aller Begeisterung für die Dinge, die man aus Daten – wer auch immer sie erhebt – lesen kann: Man sollte sich als Journalist wie als Planer/Politiker darüber im klaren sein, daß man in die Vergangenheit schaut. Aus alten Zahlen die Zukunft extrapolieren kann bös nach hinten losgehen.

Ein Beispiel: Wenn ich aus den Zahlen – kaum überraschend – lese, daß die Menschen sich momentan Richtung Ballungsräume bewegen – was für Schlüsse ziehe ich daraus? Daß das so bleibt und ich als Politiker in den Großstädten in Verkehrsmittel und bezahlbare Wohnungen investiere? Oder daß der Trend wegen viel zu teurer Wohnungen, verstopfter Straßen/Bahnen und Kriminalität nicht anhalten und sich sogar umdrehen wird; ich also, wenn, in die Infrastruktur des ländlichen Raumes investieren sollte?

Solche Entscheidungen bleiben mit oder ohne Zahlen Kaffeesatzleserei und Bauchgefühl – und für beide Entscheidungen gäbe es gute Gründe…

Nebenbei: Wenn Gemeinden reihenweise gegen die Ergebnisse protestieren, kann das nicht nur Gemaule der Zenstuß-Verlierer sein. Unabhängig davon: In der heutigen Zeit sind schon die gut zwei Jahre von Datenerhebung zur Auswertung ein inakzeptabel langer Zeitraum.

Die 700 Millionen Euro könnte man auch ohne Statistik in Dinge invesitieren, die der kommunalen Entwicklung dienen…

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Björn Schwentker August 15, 2013 um 21:46

Lieber Herr Müller,

ich stimme Ihnen zu, dass der Zensus teuer ist. Bei den 700 Millionen dürfte es am Ende nicht bleiben. Allerdings ist er damit laut Statistischem Bundesamt deutlich billiger als eine Volkszählung mit Vollzählung (diesmal wurden ja höchstens 10% der Beweohner in einer Gemeinde befragt). Was andererseits nicht heißt, dass ein gut gemachter Zensus nicht noch viel weniger kosten könnte.

Wie schon in meiner Antwort an Dennis geschrieben: Ja, es ist sehr sinnvoll, sich zu überlegen, wie man die Erfassung der Einwohnerzahlen direkt in den Melderegistern der Gemeinden besser macht, und wie man daraus mehr oder weniger direkt die amtliche Einwohnerzahl generiert.

Einen Zensus wird es auf jeden Fall alle zehn Jahre geben müssen, weil EU und UN es vorschreiben. Auch alle anderen Länder machen alle zehn Jahre einen. Jedes ein bisschen anders. Norwegen zum Beispiel schafft es inzwischen, bei einem Zensus quasi per Knopfdruck alle nötigen Daten aus den Registern zu generieren. Sehr elegant und nicht besonders teuer. Allerdings gelten dort andere Datenschutzregeln, die Register sind wesentlich besser als bei uns, und Norwegen hat auf dieses System seit Jahrzehnten hingearbeitet.

Ein Vorbild könnte es für uns trotzdem sein. Nach der norwegischen Methode ginge der Zensus auch wesentlich schneller.

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lupe August 15, 2013 um 13:14

„Es gibt Journalisten, die nicht viel davon halten, so über ihre Recherchen zu plaudern, wie ich es hier tue. Schließlich ginge es um das Ergebnis der Recherchen“

Ich habe mich geräuspert und nun:
Journalisten, deren Beiträge ich lese, haben nichts zu plaudern, weil sie keine Rechercheergebnisse haben. Sie haben keine, weil sie nicht recherchieren, sondern vor allem nachplappern und hemmungslos aus Pressemitteilungen und Agenturmeldungen kopieren.

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Björn Schwentker August 15, 2013 um 15:05

Danke für die Anmerkung. Ja, Copy & Paste ist ein Trend, und das ist sehr bedauerlich. Ich meinte aber tatsächlich Journalisten, die viel und tief gehend recherchieren. Die gibt es zum Glück auch. Und unter diesen gibt es welche, die glauben, man sollte über journalistische Recherche an sich nicht journalistisch Berichten. Was ich für diskussionswürdig halte.

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ThorstenV August 16, 2013 um 12:37

„Wir können nichts sagen, denn es geht um laufende Verfahren. (Dabei sollten einzelne Verfahren gar nicht namentlich benannt werden.)“

Ich hätte noch die Variante „Wir dürfen keine Rechtsberatung machen. Fragen sie einen Anwalt.“ anzubieten, auch wenn man gar nicht um Rat gebeten at, wie ein konkreter Einzelfall rechtlichen zu bewerten ist, noch nichteinmal einen solchen vorgelegt oder irgendwie erwähnt hat, sondern nur gefragt hat „Sie schreiben … . Das ist unverständlich, weil … . Was meinen Sie denn damit?“

„Diese Daten haben wir nicht. (Obwohl es sie dann manchmal doch irgendwo gibt, oder die Daten durch einfache Berechnungen auf Basis von vorhandenen Daten zu generieren wären.)“

Man würde sich angesichts der ein oder anderen verweigerten Auskunft, die sich als „Irrtum“ herausstellt einige deutlich Sanktionen im IFG hierfür wünschen. Strafgelder wären etwa ein Option. Das leistet dann auch einen Beitrag zur Lösung des Problems „Der Journalist hat kein Geld“.

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Max Müller August 17, 2013 um 16:53

Der Beitrag ist interessant. Allerdings von meiner Seite der kurze Hinweis, dass „4. Gewalt“ eine umgangssprachliche Bezeichnung für Journalisten ist. Es handelt sich, anders als Sie zu glauben scheinen, nicht um eine der (drei) Staatsgewalten. Entsprechend ist es wohl auch legitim, Journalisten keine legislativen, exekutiven oder judikativen Privilegien zuzugestehen.

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Björn Schwentker August 17, 2013 um 20:09

Lieber Her Müller,

vielen Dank für Ihren Kommentar.

Wenn der Eindruck entstanden ist, ich hielte die „4. Gewalt“ für eine der drei Staatsgewalten Exekutive, Judikative oder Legislative, dann ist das ein Missverständnis. Ich meine damit die Medien, die außerhalb der klassischen staatlichen Gewaltenteilung stehen.

Gleichwohl halte ich den Begriff „4. Gewalt“ für sehr passend, da er klarstellt, dass eine Gesellschaft ohne sie keine wirkliche res publica sein kann. Und die Demokratie kann ohne sie nicht funktionieren.

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Oliver Mette August 20, 2013 um 16:29

Hallo Herr Schwentker,

hätte es beim Zensus nicht gereicht, die Daten aller Steueridentifakations. nummern zu überprüfen und sie anhand von Stichproben auf Fehler zu überprüfen?

Im Jahr 2008 wurden die Daten der Melderegister bereits abgeglichen und Dubletten wurden herausgefiltert. Seitdem kann es auch nur noch einen Hauptwohnsitz geben, da hier das zuständige Finanzamt festgelegt wird. Interessant ist hierbei, dass alle Bürger in Deutschland (auch Kinder, Rentner und Selbständige) bereits in einer zentralen Datei erfasst wurden. Das bedeutet im Prinzip doch, dass wir schon über ein zentrales Melderegister verfügen. Änderungen, also An- und Abmeldungen, Geburten- und Todesfälle, werden jetzt schon automatisch an das Bundeszentralamt für Steuern übermittelt.

Warum hat man dennoch alle Daten dezentral von den vielen Melderegistern genommen? Hier hätte man eine Menge Geld sparen können.

Seit 1. Juli 2004 reicht es bei einem Umzug innerhalb von Deutschland auch aus, sich am neuen Wohnort anzumelden da seit diesem Zeitpunkt die Abmeldung automatisch erfolgt. Sollte das mal nicht geklappt haben, so müsste es beim Bundeszentralamt für Steuern einen doppelten Eintrag geben. Dieser könnte dann beim Zensus herausgefiltert werden.

Eine Stichprobe würde dann feststellen, ob Personen umgezogen sind, ohne sich am neuen Wohnort anzumelden. Ebenso werden Personen übermittelt, die ins Ausland verzogen sind, ohne sich abzumelden. Fehler bei der Registrierung der Geburten- und Todesfälle werden ebenfalls festgestellt.

Noch eine Anmerkung zu den Stichprobenfehlern. Wie kann der Gesetzgeber bereits im Vorfeld wissen, wie hoch ein solcher Fehler maximal sein darf? Wenn ich es richtig verstanden habe, wird eine unbewohnte Adresse bereits als Fehler gewertet. Die Höhe des Fehlers ist also auch durch falsche Angaben im Melderegister verursacht. Die genannten Zahlen (also alle Gemeinden haben eine Fehlerquote von weit unter 1,5%, die meisten sogar unter 1,0%.) erscheinen mir als nicht besonders hoch, da die Fehlerquote der Melderegister vermutlich sehr viel höher ist. Mich würde mal interessieren, wie viele Bürger, die ins Ausland verzogen sind und am neuen Wohnort verstorben sind, noch im alten Melderegister gemeldet sind. Da kann über die vielen Jahre ein großer Fehlerbestand zusammen kommen.

Es spielt daher auch überhaupt keine Rolle, ob bei einem Zensus nur eine Stichprobe von etwa 10% oder eine Vollerhebung durchgeführt wird. Der Unterschied der ermittelten Einwohnerzahlen dürfte nur gering sein. Je mehr Bürger gezählt werden, desto mehr Fehler entstehen auch. Die tatsächliche Einwohnerzahl kann also niemals ermittelt werden.

Spannend bleibt die Frage, ob eine Klage gegen den Zensus erfolgreich ist oder nicht. Vor allem, welche Folgen entstehen daraus?

Es ist auf jeden Fall anzunehmen, dass die Daten von Zensus 2011 sehr viel näher an der Wahrheit liegen also die Fortschreibungen der alten Volkszählungsergebnisse oder die Daten der Melderegister. Ich könnte mir vorstellen, da es zu einer Überarbeitung des Zensusergebnisses kommen wird und zu einem frühestmöglichen Termin ein neuer Zensus durchgeführt wird.

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peterle August 21, 2013 um 22:06

Die Angst im Amt, das ist wohl wahr, die statistischen Landesämter und das Statistische Bundesamt haben allen Grund zur Angst. Der Staat baut Stellen ohne Ende ab, da kann sich heute keine Behörde mehr einen Schnitzer leisten.
Daß der Zensus zumindest bei der Haushaltsstichprobe nur 10% der Bevölkerung erheben durfte und keine Vollerhebung durchführen durfte, die wesentlich bessere Ergebniisse geliefert hätte liegt doch am Gesetzgeber der wollte Kosten sparen!
Die Gebäude und Wohnungserhebung war ja angeblich eine Vollerhebung, alle Wohnungs-. und Hausbesitzer wurden angeblich befragt, ich frage mich jedoch besorgt warum so viele Gebäude und Wohnungsbesitzer keinen Fragebogen erhalten haben, fragen Sie mal in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis nach!

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simon August 21, 2013 um 22:33

Ich habe auch eine Eigentumswohnung und wurde nicht befragt, und ich wohne in einer Riesenwohnanlage in Mannheim.

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Daniel April 2, 2014 um 15:58

Hallo Simon,
das heißt nicht, dass die Angaben zu Deiner Wohnung nicht erfasst wurden.
Ich habe auch eine Eigentumswohnung in einer großen Anlage in Berlin.
Ich weiß aber, dass die für den Zensus benötigten Daten direkt von unserer WEG-Hausverwaltung gemeldet wurden.
Daniel

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