- Björn Schwentker - http://www.demografie-blog.de -

Migration auf allen Kanälen

Liebe Abonnentinnen und Abonnenten,

hier kommt der neue Newsletter des Demografie-Blogs [1]! Er steht, wie momentan auch die öffentliche Demografiedebatte, ganz unter dem Eindruck der Migration.

Diskussion im Blog: Wanderung in den MedienAuf meinen letzter Blog-Post, Der Charme des Südens [2], in dem ich die Tagesschau kritisiert habe, weil sie die gerade recht starke Einwanderung nach Deutschland auf südeuropäische Staaten reduziert hatte, gab es überraschend viel Resonanz.

Im Kommentarbereich [3] entspann sich eine interessante Debatte, in der ich journalistisch begründen musste, warum die Tagesschau nicht die Freiheit habe, einen solchen Schwerpunkt nach eigenem Relevanzempfinden zu setzen. Und ich wurde gebeten, den Tagesschau-Text doch bitte in gleicher Kürze richtig zu formulieren. Habe ich auch gemacht [4].

Ich habe dort argumentiert, dass wir Gefahr laufen, bestimmte Wanderungsgruppen hochzujubeln (nämlich die Gebildeten aus dem Süden) und dabei andere abzuwerten (nämlich vermeintliche Armutswanderer aus Ländern wie Rumänien oder Bulgarien). Wer wissen will, warum das leider nicht aus der Luft gegriffen ist, sollte unbedingt beim Mediendienst Integration [5] nachlesen, wie zuerst der Deutsche Städtetag und in seiner Folge die Medien ein schiefes Bild vor allem von Einwanderern aus Rumänien und Bulgarien [6] gezeichnet haben, und wie das gleich eine willkommene Vorlage für die NPD [7] war.

Welche Wanderung will Deutschland?Das Thema ist längst nicht gegessen, wie ein aktueller Artikel auf Spiegel Online zeigt, der Bundesinnenminister Friedrich einem Münchhausen-Check [8] unterzieht. Friedrich hatte nämlich auf den Städtetag reagiert, der meinte, osteuropäische Einwanderer förderten bei uns Dumpinglöhne und gingen der Prostitution und Bettelei nach, indem er sich im Bayernkurier unter anderem zur "massenhaften Einwanderung von Roma aus Südosteuropa" interviewen ließ.

Der Innenminister dazu: "Wer nur nach Deutschland kommt, um hier Sozialhilfe zu kassieren, muss zurückgeschickt werden." Worten folgen Taten: Gerade blockiert Friedrichs Veto die Aufnahme von Rumänien und Bulgarien in den Schengen-Raum.

Ich weiß nicht, ob die Bundeskanzlerin ihren Minister meinte, als sie auf dem zweiten Demografiezirkus (alias -gipfel) Mitte Mai sagte [9]: "Wir gelten als abgeschlossen, wir gelten als ein Land, in das zu kommen sehr kompliziert ist." Ändern will sie das jedenfalls nur für Fachkräfte: "Alle, die einen Beitrag dazu leisten können, tun auch gut daran, für Deutschland als ein offenes Land, das Fachkräfte sehr willkommen heißt, zu werben."

Cicero fabuliert Migrantenmillionen herbeiDer Cicero hat die deutsche Migrationseuphorie in seiner Juni-Ausgabe zum Anlass genommen, in seiner Titelgeschichte herzergreifend zu fabulieren: Hurra, wir wachsen! Das Demografie-Wunder: Deutschland auf dem Weg zum 100-Millionen-Volk [10] (Teaser, Volltext nur im Print). Ich muss gestehen: Ich mag den Text. Er ist herrlich gegen den Strich. Aber die 100 Millionen sind dann doch reichlich unrealistisch.

Das hätten die Autoren sicher auch rausbekommen, hätten sie nur einen einzigen Migrationsforscher für ihren Artikel befragt. Haben sie aber nicht. Stattdessen lauter Politiker und wichtige Amtsexperten, allesamt mit hübschen Eigeninteressen. Sieht nach multiperspektivischer Recherche aus, der Wahrheit kommt man so aber nur bedingt näher.

Wanderungswissenschaftler satt hätten die Autoren umsonst beim oben schon erwähnten Mediendienst Integration [5] erfragen können. Der neue Dienst für Journalisten ist genau auf so etwas spezialisiert. Die Leute dort sind gut, ich kann sie nur empfehlen. Inklusive ihrem interessanten regelmäßigen Themenalert [11].

Alternativ hätten die Cicerokollegen auch Fachzeitschriften lesen können. Z.B. die Comparative Population Studies [12]. Der Titel ist englisch, aber alle Artikel gibt es auch auf deutsch, und zwar umsonst zum Runterladen. Die jüngste Ausgabe heißt Migration neu denken [13], und gleich in mehreren Beiträgen geht es exakt um das aktuelle Thema Wanderung in der EU.

Alle wollen die hochqualifizierte Migranten…Allerdings finden sich auch in der Wissenschaft Stimmen, die sich von Wanderung reichlich viel versprechen: Etwa an der US-amerikanischen Yale University, die in einer Online-Publikation [14] schreibt: "US Could Be World’s Most Populous Country – By opening immigration door, the US could fuel rise of population and power".

Die Hoffnung auf eine größere oder in welchem Sinne auch immer mächtigere Bevölkerung durch mehr Einwanderung gibt es nicht nur in den USA. Immer mehr Nationen wollen mehr Immigration, zeigt die neue UN-Zusammenschau International Migration Policies 2013 [15] (Download großes PDF-Wallchart mit vielen Grafiken plus Excel-Tabelle). Ganz oben auf der Wunschliste stehen hochqualifizierte Einwanderer:


(Quelle: Vereinte Nationen)

Deutschland scheint einige Konkurrenz zu haben um die besten fremden Köpfe, und zwar in unmittelbarer Nachbarschaft.

…die anderen sollen in Afrika bleibenAber nicht jeder ist willkommen in Europa. Das Nachrichtenportal Magharebia berichtet [16] unter Berufung unter anderem auf die Morocco Times, dass die EU und afrikanische Länder im Juli stärkere Grenzkontrollen vereinbaren wollen, um den "Exodus der Afrikaner vom afrikanischen Kontinent" zu stoppen.

Die europäische "Agentur" für Grenzkontrollen, Frontext [17], soll ihre See-Patrouillen vor allem vor den Küsten Marokkos, des Senegals und Mauretaniens verstärken. Acht Länder wollen Spanien bei den Kontrollen unterstützen, indem sie Boote, Flugzeuge und schnelle Eingreiftruppen beisteuern, um Flüchtlinge schnell wieder in ihre Heimat zurückzubringen.

Wo die allerdings gar nicht hinwollen.

Wanderer sind kaum aufzuhalten – außer totEigentlich sollte längst bekannt sein, dass stärkere Grenzkontrollen vor allem zu einem führen: Mehr Menschen, die bei immer riskanteren Versuchen, doch einzuwandern, sterben. Genau das passiert gerade an der Grenze von Mexiko zur USA, wie die New York Times berichtet [18]. Nie war die Rate der Toten unter denen, die illegal einwanderte oder es versuchten, so hoch wie jetzt, wo die Kontrollen scharf sind wie nie zuvor. Jeden Tag stirbt zwischen Mexiko und den USA inzwischen mindestens ein Flüchtling.

Es ist erstaunlich, wie wenig ausgebildet das Verständnis von Wanderung in der Politik ist. Die Vorstellung, man könne Menschen etwas entgegensetzen, das stärker ist als ihr Drang zu wandern, hält sich beharrlich. Auch wenn die Realität sie ständig widerlegt.

Darauf hat kürzlich in beeindruckender Klarheit und Kürze UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hingewiesen: "The question is not how to stop people to move across borders. That's impossible. The question is how we plan for such movements and make the most of them." (Video seiner Rede [19] vor der Kommission für Bevölkerung und Entwicklung am 23. April)

Neues zum Migrantenland DeutschlandIm Einwanderungsland Deutschland wird morgen (Aus Sicht des heutigen Donnerstagabend, 30.05.2013) erstmal eine ganz grundlegende Frage neu beantwortet werden: Wie viele Migranten haben wir eigentlich? Der Bevölkerungsbaum unten zeigt den letzten Stand, der beim Statistischen Bundesamt abrufbar [20] ist. Insgesamt hatten demnach 19,5 Prozent der Menschen in Deutschland 2011 einen Migrationshintergrund.


(Quelle: Statistisches Bundesamt 2012, Daten des Mikrozensus 2011)

Morgen, am Freitag, dem 31. Mai 2011 um 11 Uhr könnte das Bild anders aussehen. Denn dann verkünden die Statistischen Ämter die Ergebnisse des Zensus 2011. Während der Zählung wurde nicht nur die Einwohnerzahl neu erfasst, sondern auch der Migrantenstatus.

Es könnte gut sein, dass dabei andere Zahlen herauskamen als die, die die Ämter bisher geführt haben. Denn sie hatten bisher nur Daten auf Basis des Mikrozensus, das ist eine 1-Prozent-Stichprobe der Bevölkerung, nicht aber aus einer vollständigen Volkszählung.

Mal sehen, welche Überraschungen die Ergebnisse bringen. Die amtlichen Einwohnerzahlen sind seit der letzten Volkszählung 1987 im Westen bzw. 1981 in der DDR immer weiter von der Realität abgewichen. Klar ist bereits, dass ganz Deutschland mindestens eine Million Menschen weniger haben wird als gedacht. Wie viele sind wir wirklich?

Morgen wissen wir mehr. Wer aktuell informiert sein will: Das Statistische Bundesamt wird unter @destatis [21] live von der Pressekonferenz in Berlin twittern, Hashtag ist #zensus2011 [22].

Ich bin gespannt.

Ihr Björn Schwentker