1. Februar 2012, 16:43  4 Kommentare

Da waren’s plötzlich mehr

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Bevölkerung in Deutschland: Wie viele werden wir sein? Entscheidend ist die Einwanderung. Doch deren Prognosen liegen bisher daneben.
Bevölkerung in Deutschland: Wie viele werden wir sein? Entscheidend ist die Einwanderung. Doch nicht nur deren Prognosen liegen bisher daneben.

(Update: Es gibt eine aktualisierte Version dieses Artikels mit Bevölkerungsdaten bis 2013.)

„Deutschlands Bevölkerung schrumpft“, so ist der allgemeine Konsens in der demografischen Debatte. Vor Kurzem meldete das Statistische Bundesamt (destatis) aber genau das Gegenteil: Letztes Jahr sei die Bevölkerung erstmals seit 2002 wieder gewachsen, auf 81,8 Millionen Einwohner. Das widerspricht nicht nur dem vermeintlichen Abwärtstrend. Damit bleibt die letzte Prognose (12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung bis 2060 aus dem Jahr 2009, kurz: „12. Koordinierte“) inzwischen um mehr als 400.000 Menschen hinter der amtlichen Bevölkerungszahl zurück.

Es gibt keinen Zweifel, warum die Bevölkerung letztes Jahr wieder wuchs: die Nettoeinwanderung lag mit 240.000 unerwartet hoch. So einfach ist die Sache aber nicht. Denn bisher lag die 12. Koordinierte in jedem Jahr seit 2009 zu niedrig. Nicht nur in der vorausberechneten Bevölkerungsgröße, sondern auch in der angenommenen Wanderung und Zahl der Geburten und 2010 sowie 2011 auch für die Zahl der Geburten. Gestorben sind bisher jedes Jahr 2010 und 2011 weniger als angenommen, was die Prognose weiter hinter der Realität zurückfallen lässt.

Für die folgende Tabelle habe ich die amtlichen Bevölkerungsdaten der letzten Jahre zusammengesucht. Es ist erhellend, sie mit den Prognoseergebnissen der 12. Koordinierten zu vergleichen (Ich beziehe mich in der Tabelle und auch im folgenden Text immer auf die so genannte „mittlere Variante“1. Sie wird öffentlich quasi als einzige Variante wahrgenommen.).

Nachtrag, 08.02.2012: Nachdem sich das Statistische Bundesamt mit Kritik an den Zahlen bei mir gemeldet hat, habe ich die falschen Werte in der Tabelle korrigiert und zwei neue hinzugefügt (2008).

    Amtlich Projektion2 Differenz
2008 Bevölkerung am 31.12. 82.002.3563 81.947.0004 + 55.356
2009 Geburten + 665.1265 + 666.000 – 874
Gestorbene – 854.5445 – 848.000 – 6.544
Wanderungssaldo – 12.7826 – 30.000 + 17.218
Bevölkerung am 31.12. 81.802.2573 81.735.000 + 67.257
2010 Geburten + 677.9475 + 662.000 + 15.947
Gestorbene – 858.7685 – 862.000 + 3.232
Wanderungssaldo + 127.0007 + 10.000 + 117.000
Bevölkerung am 31.12. 81.751.6023 81.545.000 + 206.602
2011 Geburten + 670.0008 + 660.000 + 10.000
Gestorbene – 842.5008 – 871.000 + 28.500
Wanderungssaldo + 240.0008 + 40.000 + 200.000
Bevölkerung am 31.12. 81.800.0009 81.374.000 + 426.000
Tabelle: Unter „Projektion“ stehen die Zahlen aus der üblicherweise in den Medien zitierten „mittleren“ Variante „1-W1“ der 12. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2009. Sie ist bis inklusive 2011 identisch mit der Variante „1-W2“, für die in späteren Jahren eine höhere Wanderung angenommen wird. Der amtliche Wanderungssaldo für 2009 ist vermutlich um Einiges unterschätzt und ist tatsächlich positiv. Denn für 2008 und 2009 gibt die amtliche Statistik zu viele Auswanderer an, weil in dieser Zeit die Erfassung umgestellt wurde. (Achtung, dass die „Spaltensummen“ nicht exakt aufgehen, ist richtig so10.)

Man sieht nicht nur, wie die projizierte Bevölkerungsgröße jede Jahr weiter hinter der tatsächlich amtlich erfassten Zahl zurückbleibt. Man erkennt auch, wie die Annahmen in jedem Jahr die entscheidenden Annahmen in fast jedem Jahr genau so daneben liegen, dass genau das passiert. Alle Parameter der Prognose scheinen bisher in einem Maß auf Schrumpfung eingestellt zu sein, das mit der Realität nicht übereinstimmt.

Nun ist es natürlich immer sehr einfach, Prognosen anzugreifen. Ihre Schöpfer müssen Annahmen machen, die nie exakt stimmen können. Abweichungen muss man also zugestehen. Für gewöhnlich kommt es zu größeren Differenzen aber erst nach einigen Jahren oder Jahrzehnten, nicht schon ab Beginn. Und es ist ziemlich erstaunlich, dass wirklich alle seit 2010 alle Annahmen gleichzeitig daneben liegen – und zwar alle mit der gleichen Tendenz.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich glaube nicht, dass wir in Zukunft dauerhaft ein Wachstum der Bevölkerung sehen werden. Denn selbst wenn die Geburtenrate demnächst steigen sollte (und das ist nicht unwahrscheinlich), wird die absolute Zahl an Geburten pro Jahr zunächst immer weiter hinter der der Gestorbenen zurück bleiben11. Der Saldo (also Geburten – Gestorbene) wird dabei so stark ins Negative rutschen, dass nur sehr hohe Einwanderungszahlen die Marke wieder ins Plus schieben könnten.

Das heißt allerdings nicht, dass die Annahmen zu Geburtenraten und Lebenserwartung in der 12. Koordinierten richtig sind. Wahrscheinlich sind beide unterschätzt und lassen den Bevölkerungsrückgang dramatischer erscheinen, als er kommen wird. Das müsste man ein andermal in Ruhe untersuchen. Hier geht es mir vor allem um die Wanderung, die ganz entscheidend dazu beitragen kann, wie sich die Bevölkerung entwickelt.

(Update: Eine aktualisierte Version der folgenden Grafik mit Daten bis 2013 gibt es im Artikel Deutschland einig Wanderland.)

Bevölkerung in Deutschland mit Wanderung (= amtliche Bevölkerungsgröße) und ohne Wanderung von 1951 bis 2011. Hätte es seit 1951 keine Wanderung gegeben, würden in Deutschland heute fast zehn Millionen Menschen weniger leben.
Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnung, Daten und ausführliche Angaben zu Quellen und Berechnung auf Google Docs

Hätte es nach und aus Deutschland seit 1951 keinerlei Wanderung gegeben, würden hier heute 9,8 Millionen Menschen weniger leben. Auch interessant: Die untere Kurve in der Grafik sinkt 1972. Das bedeutet, dass es das heute so heiß diskutierte „Geburtendefizit“ schon seit 40 Jahren gibt. Denn zu dieser Kurve tragen ja nur Geburten und Todesfälle bei12. Trotzdem ist die Gesamtbevölkerung immer wieder gestiegen – wegen des meist positiven Einwanderunsgsaldos.

Darum sollte man einmal die Frage stellen: Wie realistisch sind die destatis-Annahmen zur Wanderung?

Nettto-Einwanderung in Deutschland: Realität und Prognose
In Tausend

Wanderungssaldo für Deutschland von 1950 bis 2011 und Wanderungsannahmen für die 12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2009.

Wanderungssaldo für Deutschland von 1950 bis 2011 (bis 1990 nur früheres Bundesgebiet; 1950 bis 1957 ohne Saarland) und Wanderungsannahmen für die 12. Koordinierte. Roter Linienabschnitt: Die Salden der Jahre 2008 und 2009 sind unterschätzt und vermutlich tatsächlich positiv, da die Fortzüge für diese Jahre wegen zusätzlicher amtlicher Buchungen zu hoch ausgewiesen worden sind (siehe Post Einwanderung nach Deutschland: Mehr Netto vom Brutto).
Quelle: Statistisches Bundesamt, Daten bei Google Docs

Für die „mittlere“ Variante 1-W1 nahm das Statistische Bundesamt an, dass die Nettoeinwanderung langfristig bei +100.000 liegen wird. Es rechnete zu dem eine zweite Wanderungsannahme W2 durch, für die der Saldo sich auf +200.000 einschießt. Innerhalb dieses Korridors hielt es die künftige Wanderung für wahrscheinlich.

Es gibt einflussreiche Demografen in Deutschland, die glauben, dass es eine Zuwanderung nach Deutschland in dieser Größenordnung nicht gibt. Dazu gehört Norbert Schneider, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB), der erst kürzlich auf dem Berliner Demografie Forum sagte:

Deutschland ist kein Einwanderungsland. Seit 15 Jahren ist der Wanderungssaldo in Deutschland mehr oder weniger Null.

Das ist sehr erstaunlich. Denn man kann sehr leicht ausrechnen, dass es ganz anders ist: Wie in meinem letzten Post über Wanderungszahlen untersucht, liegt der Wanderungssaldo im Durchschnitt von 1997 bis 2011 (= letzte 15 Jahre) bei einer Nettoeinwanderung von 126.000 (wenn man die beiden Jahre 2008 und 2009 ausnimmt, in denen die amtliche Statistik die Auswanderung wegen Umstellung der Erfassung stark überschätzt).

Man kann nur hoffen, dass das BiB, zu dessen Aufgaben die Information der Politik gehört, sich mit den Vorstellungen Norbert Schneiders nicht durchsetzt, und die deutschen Bevölkerungsprognosen am Ende nur noch unrealistische Schwarzmalerei sind. (Sie malen heute schon schwarz genug.)

Man hört zuweilen das Argument, die Zuwanderung nach Deutschland würde nun gegen Null gehen, weil der große Ansturm von Spätaussiedlern inzwischen abgeebbt sei. Letzteres ist zwar richtig. Aber daraus den Schluss zu ziehen, danach kämen keine anderen Menschen, ist falsch. Das beweist zumindest für 2011 die große Zahl von 240.000 Nettoeinwanderern, die hauptsächlich aus europäischen Ländern gekommen sind, nachdem sich die Regeln zur Freizügigkeit von Arbeitnehmern geändert hatten. Vielleicht ein neuer Trend?

Es gibt in diesem Land Experten, die sich über so etwas ziemlich fundiert Gedanken machen. So schrieb das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge schon 2007 in einem Forschungsbericht ‚Migration und demographischer Wandel‘ mit Blick auf die Wanderungsannahmen der Bevölkerungsprognosen (die schon damals langfristig bei einem Saldo von +100.000 bzw. +200.000 lagen):

Denkbar sind auch höhere Wanderungssalden, wobei mehrere Ursachen eine Rolle spielen könnten.
Auf globaler Ebene könnten erstens fortschreitende Globalisierungsprozesse eine Zunahme der Arbeitsmigration bewirken, was auch einen Anstieg der temporären Migration von Deutschen zur Folge hätte.
Zweitens könnte sich aufgrund der globalen Bevölkerungszunahme der Migrationsdruck erhöhen. Der Anteil von Migranten an der Weltbevölkerung dürfte sich dann nicht verringern, sondern würde das bisherige Niveau von etwa 3% überschreiten.
Drittens könnte der Zusammenhang von natürlichem Wachstum und Nettomigrationsrate enger werden. Auf regionaler Ebene könnten Handlungsoptionen einer demographisch optimierten Zuwanderungssteuerung zur Kompensation des demographischen Wandels in den Industriestaaten an Bedeutung gewinnen.

Die demographische Entwicklung der Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens, Europas wichtigste Nachbarn, wird einen wachsenden Einfluss auf potenzielle Migrationsströme in der Mittelmeerregion haben.
Wenn mit der Einführung der Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt ein wachsender Arbeitskräftebedarf bei gleichzeitigem Rückgang an jüngeren und qualifizierten Erwerbspersonen spürbar werden sollte, könnte in Zukunft Deutschland einen Wanderungssaldo am oberen Rand des Korridors aufweisen.

2011 hat Deutschland den oberen Rand dieses Korridors (+200.000) auf dem Arbeitsmarkt sogar überschritten. Das Wichtigste an diesem Zitat ist aber, dass der Autor den in der Demografie-Debatte so häufigen Denkfehler des „Status quo“ vermeidet. Dass sich nämlich nichts ändern wird. Das Gegenteil ist wahr: Fast alles kann sich verändern. Und zwar auch deswegen, weil wir selbst es verändern wollen.

Fußnoten:
  1. Das ist die Varianten mit den Namen „1-W1“. Das Statistische Bundesamt bezeichnet sie als untere Grenze eines mittleren Szenarios, während sie die Variante „1-W2“, die sich von 1-W1 nur in höherer Einwanderung unterscheidet, als obere Grenze des mittleren Szenarios bezeichnet. Öffentlich diskutiert wird meistens nur 1-W1. []
  2. Quelle (ganze Spalte außer 2008): destatis, Ergebnisse der 12. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung []
  3. Quelle: Bevölkerungsfortschreibung destatis [] [] []
  4. Basiswert der Projektionsrechnung. Quelle: Persönliche Kommunikation mit Experten des Statistischen Bundesamtes []
  5. Quelle: destatis, Lange Reihe Geborene und Gestorbene [] [] [] []
  6. Quelle: destatis, Lange Reihe Wanderung []
  7. Quelle: Schätzwert destatis aus Pressemeldung vom 09.05.2011 (Differenz aus Zu- und Abwanderung) []
  8. Quelle: Mittelwert aus den in der destatis-Pressemeldung vom 13.01.2012 angegebenen Bereichsgrenzen der Bundesamt-Schätzung [] [] []
  9. Quelle: Schätzungen aus Pressemitteilung destatis vom 13.01.2012 []
  10. Man sollte annehmen, dass der Jahresendstand des Vorjahres + Geburten + Gestorbene (negative Zahl) + Wanderungssaldo = Jahresendstand des aktuellen Jahres ist. Wenn man die Zahlen der Tabelle zusammenaddiert, stimmt das aber nicht ganz. Der Grund dafür ist, dass die Jahresendbestände in der amtlichen Statistik selbst vom summarischen Ergebnis aus den einzelnen Summanden leicht abweichen. Warum das so ist, weiß ich im Detail nicht. Es ist aber durchaus normal, dass es in der amtlichen Statistik immer wieder kleinere Korrekturen und Bereinigungen gibt. []
  11. Das liegt daran, dass die Zahl der Mütter, die in der nächsten Zeit Kinder kriegen werden, kleiner ist als früher. Diese Mütter sind schon geboren, das steht also zu einem gewissen Teil schon fest. []
  12. Das stimmt nur in grober Näherung. Ich habe die untere Kurve berechnet, indem ich auf den Bevölkerungsstand von 1950 die Geburten von 1951 addiert und die 1951er Sterbefälle davon abgezogen habe. Das Ergebnis habe ich dann für die Berechnung von 1952 benutzt usw.. Unter den Geburten und Sterbefällen aus der amtlichen Statistik, die ich dafür verwendet habe, sind aber auch die von Zugewanderten. Zugewanderte Frauen erhöhen so z.B. die Zahl der Mütter und haben anfangs auch meistens eine höhere Geburtenrate als Einheimische. Die Zahl der Geburten ist dadurch etwas höher als sie ganz ohne Wanderung gewesen wäre. Die Zahl der Gestorbenen ist allerdings durch die Zuwanderung auch höher. []

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bluecode Februar 1, 2012 um 19:43

Erstmal herzlichen Dank für die interessanten Informationen. Ich würde mich sehr freuen, falls sie auch die Differenz von der 10ten und 11ten koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung wie in der Tabelle aufbereiten könnten.

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Björn Schwentker Februar 2, 2012 um 08:58

Liebe(r) bluecode,

das wäre interessant, aber ich muss sehen, ob ich dazu komme. Das Zeitbudget kann beim Bloggen ein ziemlich begrenzender Faktor sein.

Insbesondere für die 11. Koordinierte (erstes Prognosejahr ist 2006) ist so ein Vergleich problematisch, weil die amtlichen Zahlen der Jahre 2008 und 2009 dadurch gedrückt sind, dass der Wanderungssaldo dieser Jahre (möglicherweise stark) unterschätzt ist. Es wird also im Zuge der Bevölkerungsfortschreibung zu wenig auf den vorherigen Jahresendstand aufaddiert. Dieses Minus bleibt bei der weiteren Fortschreibung in den Folgejahren „in den Zahlen drin“. Ab 2008 wäre der Vergleich mit der Vorausberechnung also nicht sehr aussagefähig (dasselbe gilt natürlich auch für die 10. Koordinierte).

Für die 12. Koordinierte trifft dies zwar auch noch zu. Es geht aber nur noch die Unterschätzung des Wanderunsgssaldos für das Jahr 2009 in die Bevölkerungsgröße von 2009, 2010 und 2011 ein. Das Erstaunliche an der 12. Koordinierten ist aber, dass die Projektion (1-W1 und 1-W2) trotzdem in jedem Jahr hinter den amtlichen Werten zurückbleibt.

Viele Grüße
Björn Schwentker

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