13. Dezember 2011, 23:10  1 Kommentar

Ein Blog für die Demografie

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Kaum ein Land braucht so dringend unverstelltes Wissen über Demografie wie Deutschland. Zwar erleben alle Länder der Erde ihren eigenen demografischen Wandel – überall genießen die Menschen ein immer längeres Leben und fast überall sind die Geburtenraten heute niedriger als früher. Doch in kaum einem Land wird die Debatte um Ursachen und Folgen des demografischen Wandels so emotional, so negativ, ja teilweise apokalyptisch diskutiert wie bei uns.

Die deutschen Ängste haben in der Demografie-Debatte eine verbale Form gefunden in den drei Begriffen der „Überalterung“, der Überfremdung und des Aussterbens (Bevölkerungspyramide wird zur „Urne“) der Bevölkerung. Alle drei wurden im Dritten Reich aktiv von den Nazis zur Demagogie und Legitimierung ihrer menschenfeindlichen Ideologie genutzt, oder sie wurden sogar von ihnen erfunden. Aktuelle Bücher von Publizisten wie Thilo Sarrazin, Frank Schirrmacher oder Herwig Birg legen ein erschreckendes Zeugnis davon ab, wie wenig wir uns in Deutschland von diesem Gedankengut entfernt haben.

Das ist zum einen eine Frage von Kultur und Haltung, aber oft auch schlichtweg eine Frage mangelnden Wissens. Insbesondere demografische Daten wie Geburtenraten oder Lebenserwartungen werden immer wieder völlig falsch interpretiert, wenn nicht gar von vornherein ungeeignete weil unzuverlässige Daten ihren Weg in die breite öffentliche Diskussion finden.

Das ist auch deswegen schlimm, weil auf Grundlage dieser Daten letztlich Politik gemacht wird: Das Elterngeld wird erfunden, erhöht oder reduziert, Kitas gefördert oder eine Herdprämie eingeführt, das Rentenalter erhöht und die Einwanderungspolitik weiter verschleppt. Demografie, die Struktur und Dynamik von Bevölkerungen durch Geburt, Tod und Wanderung, berührt letztlich fast alles in unserem Leben: Wie und wann wir lernen, arbeiten, Kinder kriegen, wohnen, einkaufen, und noch viel mehr. Seitdem der demografische Wandel in Deutschland allgemein als „Problem“ identifiziert und akzeptiert worden ist, ergehen sich große Teile der Republik in demografischem Gejammer, und die Politik schwebt in steter Gefahr, aus Uninformiertheit ratlose Kurzschlussentscheidungen zu treffen.

Das Demografie-Blog will ein Gegenmittel sein: Gegen demografisches Unwissen, gegen ungerechtfertigten Demografiepessimismus und gegen eine die gesamte Demografie-Debatte prägende Starrheit im Denken. Ich bin überzeugt, dass der demografische Wandel nichts ist, was uns Schrecken einflößen sollte. Unser immer längeres Leben in immer besserer Gesundheit ist eine der größten Errungenschaften der Zivilisation. Und niedrige Geburtenraten sind ein kollektives Ergebnis rationaler Entscheidungsprozesse, die man in einer freien Gesellschaft unmöglich als falsch brandmarken darf, und die wahrscheinlich historisch gesehen gut und nötig sind.

Aus meiner Sicht hält der demografische Wandel ein ganzes Bündel voller Chancen bereit. Wir müssen ihn nur als so etwas wie einen Weckruf verstehen, als Aufforderung, unsere Gesellschaft und unser Leben so zu verändern, dass es zur Demografie passt. Denn dass sich Bevölkerungen verändern, ist völlig normal. Dass die gesellschaftlichen Systeme, die diese Bevölkerungen einfassen, dabei unverändert bleiben, ist die wirkliche Gefahr und eine große Quelle von Unglück. Allem voran brauchen wir eine Neudefinition der Phasen unseres langen Lebens (Bisher: Lernen – Arbeiten – Rente). Und wir müssen bedingungslos alle Hürden aus dem Weg räumen, die uns daran hindern, so viele Kinder zu bekommen, wie wir wollen. Das bedeutet nicht weniger als eine Revolution unserer tradierten Vorstellung von Arbeit und eine wirkliche Gleichberechtigung der Geschlechter, deren jämmerlicher Umsetzungsstand für mich persönlich das größte Armutszeugnis unserer Gesellschaft ist.

In diesem Blog werde ich kleine Beiträge leisten, so weit mir das möglich ist: Daten bereit stellen, Zusammenhänge beleuchten, Ansichten in Frage stellen. Ich freue mich auf eine rege Diskussion mit allen Leserinnen und Lesern, die Lust haben, sich hier respekt- und niveauvoll zum Thema Demografie auszutauschen.

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genauer Dezember 14, 2011 um 15:44

wunderbar !
Das war schon lange überfällig.

Ich komme hier via kantoos economics, und hoffe das das Niveau hier mindestens so hoch wird.

Ich glaube, das in vielen aktuellen Fragen ein wichtiger Punkt ist, wieso sich jetzt Sachen aufgrund der invertierten Bevölkerungspyramide massiv anders darstellen.

Hintergrund Physik und VWL, perfekt.

Und noch gleich ein (ziemlich schwieriges) Zahlenrätsel zum Anfang:
was ist an den Zahlen eines Herrn Rosling, z. B. für Indien nicht passt.
Ansonsten ist das schon eine Show:
http://www.gapminder.org/videos/hans-rosling-asias-rise-ted-india/

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