7. März 2011 APuZ - Aus Politik und Zeitgeschichte

Eine neue Kultur des Wandels

von Björn Schwentker und James Vaupel

© APuZ

Der demografische Wandel gilt vielen als ein gesellschaftlich erdrückendes Problem. Das ist eines der großen Missverständnisse unserer Zeit. Aus unserer Perspektive ist er nämlich das Gegenteil: Eine große Chance für die entwickelten Länder, ihre Gesellschaften umzubauen, um flexibler und glücklicher zu leben als bisher. Und das auf einem höheren Bildungsniveau.

Der demografische Wandel der Industrienationen hat zwei Hauptkomponenten: Geburtenraten, die häufig unter dem Bestandserhaltungsniveau liegen, und eine zunehmende Lebenserwartung.1 Während Ersteres zumindest in extremer Ausprägung kein dauerhaftes Phänomen sein dürfte, müssen wir davon ausgehen, dass der Trend zu einem immer längeren Leben anhält. Dass er bisher hauptsächlich als Last gesehen wird, liegt daran, dass die Diskussion bisher oft statisch verläuft: Sie dreht sich nämlich vor allem darum, wie sehr die Alterung für bestehende Systeme, wie etwa die Sozialversicherung, eine Gefahr ist. Was wir brauchen, ist eine dynamische Sichtweise. Wir müssen uns fragen: Wie können wir solche Systeme angesichts des demografischen Wandels verändern, um eine bessere Lebensqualität zu erreichen?

Uns erwartet nicht nur ein längeres Leben, sondern auch ein längeres gesundes Leben. Dies ist keine Last oder Behinderung, sondern ein Geschenk und eine der größten Errungenschaften der modernen Zivilisation. Es macht den Weg frei für viele nötige Reformprojekte unserer Gesellschaft. Im Kern wird eine Umverteilung der Arbeit stehen. Das führt zu einem fundamentalen Wandel unserer Lebensplanung.

Was einer Zukunft in Wohlstand und Glück im Weg steht, ist nicht der demografische Wandel selbst. Es ist die Zögerlichkeit der Gesellschaften, sich diesem Wandel anzupassen, der, unaufgeregt betrachtet, weder unnatürlich ist, noch etwas, wovor man sich fürchten müsste. Viele Nationen verharren dennoch in Angststarre. Schuld daran ist eine öffentliche Debatte, in der die Fakten des demografischen Wandels oft missverstanden und negativ, ja apokalyptisch fehlinterpretiert werden. Es ist ratsam, sich nüchtern darauf zu besinnen, was die demografischen Daten aussagen.

Dabei darf allerdings nicht unterschätzt werden, wie stark die andauernde Verlängerung des Lebens die Gesundheit, die Fähigkeiten und das Lebensglück jedes Einzelnen beeinflusst. Sie ist weder zu stoppen, noch wäre das erstrebenswert. Ebenso wichtig: Die Alterung der Gesellschaft als Ganzes wird wesentlich weniger von den derzeit niedrigen Geburtenraten getrieben als von der rasant steigenden Lebenserwartung – also von einem wünschenswerten Prozess.

Gesellschaft der Hundertjährigen

Der Zugewinn an Lebenszeit dauert schon lange an und vollzieht sich in hohem Tempo. Allein im 20. Jahrhundert stieg die Lebenserwartung in Deutschland um etwa 30 Jahre. Ähnlich stark nahm sie auch in vielen anderen Staaten Westeuropas, in Australien, den USA, Kanada oder Japan zu. Heute hat ein in Deutschland geborenes Mädchen eine Lebenserwartung von etwa 82 Jahren und sechs Monaten.2 Dieser statistische Wert geht allerdings davon aus, dass sich die gesundheitlichen Bedingungen in den nächsten Jahrzehnten nicht weiter verbessern – eine eher unrealistische Annahme.

Schließlich lässt sich für viele entwickelte Staaten eine rasante Steigerung der Lebenserwartung schon seit mindestens 1850 belegen (siehe Grafik). Es zeichnet sich ein schon lange anhaltender Trend ab: Die jeweils Besten im Ländervergleich gewinnen etwa drei Lebensmonate pro Jahr. Alle zehn Jahre werden wir also mit zweieinhalb zusätzlichen Lebensjahren beschenkt – oder, zugespitzt ausgedrückt, jeden Tag mit sechs Stunden.

Die Lebenserwartung steigt in den entwickelten Ländern seit Mitte des 19. Jahrhunderts um etwa 2,5 Jahre pro Jahrzehnt.
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Selbst wenn man konservativ schätzt, dass die gesundheitlichen Verbesserungen, die hinter diesem Zugewinn liegen, sich bloß in schwächerem Maße fortsetzen und die Lebenserwartung für die kommenden Jahrzehnte nur um zweieinhalb Monate pro Jahr zulegt, kommt man zu einem beeindruckenden Ergebnis: Ein 2010 in Deutschland geborenes Baby wird mit mindestens 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit hundert Jahre alt.3 Die Kinder, die heute auf den Geburtsstationen liegen, sind bereits die Bürgerinnen und Bürger einer Gesellschaft der Hundertjährigen.

Gleichzeitig erreichen schon jetzt immer mehr Senioren ein sehr hohes Alter. Weil die verbleibende Lebenserwartung im Verlauf des Lebens steigt, können 65-jährige Frauen heute mit im Durchschnitt 20 weiteren Jahren rechnen, und sogar 85-jährige noch mit sechs. Ein nicht nur langes, sondern sehr langes Leben ist also kein Phänomen der ferneren Zukunft. Es ist bereits Wirklichkeit. Deswegen ist auch der radikale Wandel von Politik und Gesellschaft, den die Erweiterung unseres Lebenshorizontes nötig macht, kein Projekt, das sich für die Zukunft aufheben ließe. Es gilt, dies jetzt anzugehen.

Aber wird die Verlängerung des Lebens nicht bald ein jähes Ende finden, weil es eine biologische Obergrenze für das Alter des menschlichen Körpers gibt? Es sieht nicht danach aus. Immer wieder haben Forscher obere Altersgrenzen postuliert. Doch die ungebremst ansteigende Lebenserwartung hat jede einzelne davon durchbrochen.4 Es gibt bis jetzt keinen Befund, der etwas anderes belegt: Unsere Lebensspanne könnte theoretisch endlos wachsen.

Dafür spricht auch, wie der Zugewinn an Lebensjahren heute zustande kommt. Bis 1920 nahm die Lebenserwartung vor allem zu, weil die Sterblichkeit von Kindern und Jugendlichen beträchtlich sank. Je weniger Erfolge in diesem Alter erzielt werden konnten, desto wichtiger wurden jedoch die Beiträge aus höheren Altersgruppen. Inzwischen geht die Verlängerung des Lebens zu fast 80 Prozent auf das Konto einer sinkenden Sterblichkeit in der Klasse der über 65-Jährigen. Dabei verliert der Prozess keineswegs an Tempo.

Die jungen Alten kommen

Die Verlängerung der Lebenserwartung findet also sozusagen am „oberen Ende“ des Lebens statt. Die Alten werden in Zukunft noch älter. In der Öffentlichkeit hat diese erfreuliche Entwicklung zu einigen Fehleinschätzungen geführt. Sie sind hauptsächlich auf ein verzerrtes Bild des Alterns zurückzuführen: Das einer senilen Bevölkerung, deren Alte für die Gemeinschaft vornehmlich eine Bürde sind. Symbolhaft haben sich dafür Begriffe wie „Vergreisung“ oder „Überalterung“ der Gesellschaft in der medialen Debatte breit gemacht, verbunden mit den Assoziationen von Krankheit, Schwäche und egoistischem Altersstarrsinn.

Die Diskussion leidet unter einem systematischen Denkfehler: der „Ceteris-Paribus-Logik“, also der irrigen Annahme, dass sich nur ein Parameter ändert, alles andere aber so bleibt, wie es ist. Es wird zwar allgemein akzeptiert, dass wir sehr viel älter werden. Es wird aber ignoriert, dass wir auch sehr viel gesünder altern als früher. Tatsächlich verändert sich das Alter beträchtlich und ist gleichzeitig von uns selbst veränderbar. Es ist plastisch.

Es gibt begründete Hoffnung, dass sich die Lebensspanne, innerhalb derer wir noch gesund, leistungs- und arbeitsfähig sind, genauso schnell erweitert wie die Lebenserwartung steigt. Grob gesprochen ist damit ein heute 50-Jähriger so fit wie noch 1970 ein 40-Jähriger oder ein 65-Jähriger so gesund wie ein damals 55-Jähriger. Das Alter wird also immer aktiver und agiler, und Alte können (und wollen) gesellschaftlich mehr Verantwortung übernehmen als früher. Mit dieser Einsicht verliert der demografische Wandel sofort eine Menge des ihm zu Unrecht zugeschriebenen Schreckens.

Wieso dürfen wir so optimistisch sein? In der Tat ist wissenschaftlich noch nicht geklärt, wie genau sich Alterskrankheiten und funktionale Behinderungen im Licht der steigenden Lebenserwartung entwickeln. Es steht außer Frage, dass der Körper zum Ende des Lebens hin abbaut. Wir alle altern, und manche sind schon in frühem Alter von körperlichem Leid betroffen. Aber der große Trend ist ein anderer. Es scheint realistisch, davon auszugehen, dass der Anteil der kranken und schwachen Jahre am Lebensende im Verhältnis zur gesamten Lebenszeit immer kleiner wird.

Ein starkes Indiz dafür ist die Entwicklung der Mortalität, also der Wahrscheinlichkeit, in einem bestimmten Lebensjahr zu sterben. Sie gilt als einer der verlässlichsten Indikatoren für die Gesundheit. Würden wir tatsächlich, entsprechend der gängigen Vorstellung, mit steigender Lebenserwartung immer länger siech und schwach sein, dann wäre dies die Folge eines Alterungsprozesses, der sich verlangsamt. Die körperliche Entkräftung, die wir bisher zwischen 70 und 80 erfahren haben, erlitten wir dann beispielsweise von 70 bis 85. Die Rate, mit der unsere Sterbewahrscheinlichkeit im Alter ansteigt, müsste dann abflachen. Dies ist aber nicht der Fall, wie die Mortalitätsdaten belegen: Die Änderungsrate der Sterbewahrscheinlichkeit bleibt gleich, die Mortalitätskurve verschiebt sich einfach nur in ein höheres Alter. Das heißt: Der Alterungsprozess geht nicht langsamer, der körperliche Verfall beginnt nur später.5 Der Tod stellt sich also nicht langwieriger und schleichender ein, er wird lediglich aufgeschoben. Darum ist es sehr wahrscheinlich, dass sich die gesunde Lebensspanne in gleichem Maße verlängert.

Schwieriger ist es, die Zunahme der Gesundheit im Alter direkt zu erfassen. Zunächst sieht nämlich alles nach dem Gegenteil aus. Die Literaturlage ist zwar teils widersprüchlich, doch es kristallisiert sich heraus, dass viele, insbesondere chronische Erkrankungen im Alter häufiger werden: etwa Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs, Demenz oder auch Übergewicht. Doch viele Krankheiten werden heute früher und besser erkannt, und tauchen darum in den Statistiken häufiger auf. Gleichzeitig werden sie immer früher und besser behandelt.

Ständige Fortschritte in der Medizin haben dazu geführt, dass viele Alte heute zwar in den Augen der Gesundheitsstatistik krank, aber durchaus fit sind. So lässt sich etwa mit einem Schrittmacher trotz Herzschwierigkeiten noch sehr lange und gut leben. Und künstliche Gelenke halten immer mehr Rentnerinnen und Rentner mobil, obwohl ihr Knie oder ihre Hüfte eigentlich verschlissen sind. Für medikamentöse und andere medizinische Behandlungsformen gelten ähnliche Effekte. Anders ist nicht zu erklären, wieso die Mortalität so eindeutig sinkt, während die Häufigkeit vieler Krankheiten steigt.6

Es ist wahrscheinlich, dass sich der Alterungsprozess auch in Zukunft weiter aufschiebt; die Voraussetzungen dafür werden immer besser: Die Medizin wird sich weiter entwickeln und das Streben nach gesünderer Ernährung und Lebensweise lag selten so sehr im Trend wie heute. Hier gibt es viel Potenzial nicht nur in den höheren Altersgruppen, sondern auch unter den Jugendlichen. Sie können das Alter künftig in noch besserem körperlichem Zustand erreichen, wenn es gelingt, einige unvernünftige Lebensweisen zu bekämpfen, wie etwa Rauchen, übermäßigen Alkoholkonsum, Mangel an Bewegung oder Übergewicht.

Kontra statisches Katastrophendenken

Doch was nun? Es gilt, die Tatsache, dass wir immer gesünder alt werden, in handfeste Politik umzusetzen. Nimmt man lediglich zur Kenntnis, dass die Lebenserwartung steigt, ignoriert aber sowohl, dass Menschen länger gesund sind und darum länger arbeiten können, als auch, dass sich das Rentenalter entsprechend anpassen lässt, muss man zwangsläufig folgern, dass das Sozialversicherungssystem zerbrechen wird. Der öffentliche Diskurs hat diese Denkweise mit Hilfe eines numerischen Symbols zementiert: Dem sogenannten Altersquotienten, dem Verhältnis von Rentnern zu Renteneinzahlern.

2008 lag dieses Verhältnis bei 34 Prozent7. Die Trennlinie zwischen Alt und Jung lag dabei, wie meistens unterstellt, bei 65 Jahren, dem heutigen Renteneintrittsalter. Die ganze Dramatik des „Rentenproblems“ scheint deutlich zu werden, wenn man, wie in der gegenwärtigen Debatte üblich, in den Berechnungen das Renteneintrittsalter bei 65 Jahren belässt und nur die Lebenserwartung steigen lässt (Ceteris-Paribus-Fehler). Für das Jahr 2030 kommt man so auf eine Prozentzahl von 53, und 2060 würden hundert Renteneinzahler schon für 67 Pensionäre aufkommen müssen.8 In solch einem Szenario können die Alten nur als Belastung empfunden werden.

Ganz anders sieht es aus, wenn man das Rentenalter als variabel begreift. Schon die Rente mit 67, die bis 2029 umgesetzt sein soll, führt für 2060 zu einem niedrigeren Altenquotienten von 60 Prozent. Angesichts einer gesunden Lebenserwartung, die nicht aufhört zu steigen, ist allerdings letztlich jede feste Altersgrenze fragwürdig – sei sie nun 65 oder 67. Demografen aus Österreich und den USA haben ausgerechnet, was passieren würde, stiege die Rentenaltersgrenze so schnell wie die Lebenserwartung: Der Quotient nimmt dann zwar zunächst bis auf ein Maximum von knapp 40 Prozent im Jahr 2040 zu, wenn die Babyboomer in ein höheres Alter kommen. Danach aber schrumpft er und fällt auf etwa 30 Prozent am Ende des Jahrhunderts. Wenn die Babyboomer sterben, erlebt Deutschland also eher eine Verjüngung als eine Vergreisung.9

Verkehrte Welt? Keineswegs. Absurd ist vielmehr die politische Praxis: Seit etwa hundert Jahren liegt das Renteneintrittsalter in Deutschland bei 65. Die Lebenserwartung ist seitdem aber um 30 Jahre gestiegen. Als die Rentenversicherung 1913 eingeführt wurde und die Menschen etwa 50 Jahre lang lebten, war die Grenze von 65 Jahren ebenso wenig berechtigt wie heute bei einer Lebenserwartung von etwa 80.

Rentenalter abschaffen

Wie könnte ein sinnvolles System aussehen? Klar ist, dass Menschen länger arbeiten können, müssen und auch wollen. Wer mit der Aussicht auf ein hundertjähriges Leben geboren wird, den dürfte die Perspektive, 35 Jahre ohne die Herausforderung und Verantwortung eines Jobs zu verbringen, nicht besonders reizen. Aus Sicht des Staates ist es am einfachsten, das Rentenalter heraufzusetzen. Doch um wie viel? Inzwischen ist zwar in Deutschland eine Anhebung auf 67 Jahre beschlossen. Doch das kann nur ein erster Schritt sein. Denn so lange die Lebenserwartung weiter steigt, wird jedes fixe Rentenalter, egal wie hoch, von der demografischen Dynamik eingeholt, und das Missverhältnis von Rentenbeziehern zu Renteneinzahlern wird sich immer wieder neu aufbauen.

Verhindern ließe sich das durch eine dynamische Rentenregel: Die Altersgrenze würde dabei nach einer gesetzlich festgelegten Formel kontinuierlich angehoben. Ein solches Gesetz wäre auch politisch dauerhafter und effizienter, als sich immer wieder auf die Änderung eines fixen Altersschemas einigen zu müssen. Wie die teilweise erregte Diskussion um die Rente mit 67 zeigt, besteht die Gefahr, dass solche Schemata schon in der langen Einführungsphase angepasst werden müssen.

Wie eine dynamische Rentenregel gestaltet wird, lässt sich nur im gesellschaftlichen Diskurs festlegen. Im Extremfall ließe sich das Rentenalter direkt an die Lebenserwartung koppeln, dann stiegen beide Werte proportional. Das hat der dänische Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen gerade seinen Landsleuten für die Zeit nach 2030 ans Herz gelegt.10 Eine Alternative schlägt der deutsche Ökonom Axel Börsch-Supan vor: Man könnte die hinzukommenden Lebensjahre nach einem festen Verhältnis auf Arbeits- und Pensionszeit verteilen.11 Rechenbeispiel: Wählte man die heutige Aufteilung von etwa 2:1 bei einer konservativ geschätzten Steigerung der Lebenserwartung von zwei Jahren pro Jahrzehnt, so läge das Renteneintrittsalter 2030 bei 67 Jahren und acht Monaten und 2050 bereits bei 70 Jahren und vier Monaten. 2050 hätten Frauen dann schon eine Lebenserwartung von 90, Männer von 85 Jahren.

Für deutsche Politikerinnen und Politiker sind solche Vorschläge bislang tabu. Hält sich doch hartnäckig die Überzeugung, Menschen jenseits der 65 seien nicht mehr belastbar und zu wenig produktiv, um gewinnbringend am Wirtschaftsprozess teilnehmen zu können. Die Ergebnisse der Altersforschung zeichnen hier ein differenzierteres Bild: Es ist richtig, dass Ältere weniger körperliche Kraft haben als Jüngere und einige ihrer kognitiven Fähigkeiten nachlassen. Gleichzeitig haben sie aber mehr Erfahrung und soziale Kompetenz. Wiederholt haben Untersuchungen ergeben, dass daher Teams gemischten Alters produktiver sind als Gruppen allein aus jungen Kollegen.12

Dazu passen Forschungsergebnisse, die zeigen, dass Ältere zwar mehr Fehler machen, aber für das Unternehmen weniger folgenschwere als ihre jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.13 Inwieweit Produktivität tatsächlich vom Alter abhängt, wird sich erst herausfinden lassen, wenn alle Altersklassen durch lebenslange Weiterbildung auf dem gleichen Wissensstand sind. Denn momentan kommen die Jungen gerade aus der Ausbildung, und ihr frisches Wissen führt vergleichsweise leicht zu Innovationen. Ältere Mitarbeiter, deren letzte Schul- oder Vorlesungsstunde Jahrzehnte zurück liegen kann, sind demgegenüber erheblich im Nachteil.

Während zwar im Durchschnitt alle immer gesünder alt werden, schwankt die individuelle Leistungsfähigkeit von Person zu Person. Insbesondere können und wollen einige länger arbeiten als andere. Geeigneter als eine dynamische Rentenregel wäre darum eine radikalere Lösung: Das Renteneintrittsalter ganz abzuschaffen.14 Die Menschen könnten dann arbeiten, so lange sie wollen. Das sollte man ihnen unbedingt erlauben. Momentan muss, wer in Deutschland länger als bis 65 arbeiten will, im Normalfall um eine Ausnahmeregelung kämpfen. Denn die meisten Arbeitsverträge enden automatisch mit dem gesetzlichen Rentenalter.15

Mit dem Rentenalter würde gleichzeitig eine „magische Zahl“ abgeschafft, die in der öffentlichen Wahrnehmung für den Beginn der persönlichen Arbeitsunfähigkeit steht. Alle Menschen derart über einen Kamm zu scheren, wird den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Bürger nicht gerecht. Ohnehin verstellt eine auf das Rentenalter fokussierte Debatte den Blick darauf, dass es um viel mehr geht: Was vor uns liegt, ist eine komplette Neuorganisation des Arbeitslebens.

Umverteilung der Arbeit

So wie das 20. Jahrhundert das der Umverteilung von Wohlstand war, wird das 21. das der Umverteilung von Arbeit sein. Welches Potenzial die brachliegende Arbeitskraft der Älteren birgt, zeigt eine Modellrechnung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung:16 Selbst wenn man das Rentenalter nicht erhöhen wollte, wäre es möglich, die wirtschaftliche Arbeitsleistung pro Kopf bis 2025 auf dem Niveau von 2005 zu halten. Dazu müssten nur die 50- bis 60-Jährigen so viel arbeiten wie derzeit die 35- bis 49-Jährigen. Das wären im Durchschnitt 30 Stunden pro Woche, und nicht wie heute bloß acht. Die 60- bis 65-Jährigen müssten auf 20 Stunden aufstocken.17

Viel attraktiver wäre aber ein echte Umverteilung: Es würde ausreichen, wenn alle im Alter von 20 bis 65 nur 25 Stunden pro Woche arbeiteten – vorausgesetzt, Menschen bis 70 Jahre beteiligten sich auch zu einem kleineren Teil.

Die Zukunft der Arbeit wird wesentlich auf Modellen der Teilzeitarbeit beruhen, und nicht mehr wie heute die Vollzeitarbeit zur – insbesondere für Männer – sozialen Norm erheben. Viele Menschen in ihren 60ern und 70ern wollen arbeiten, aber nebenher auch genug Freizeit haben. Und künftige Alte dürften viel eher gewillt sein, bis 70 und weit darüber hinaus zu arbeiten, wenn sie nicht in jüngeren Jahren unter dem Druck eines Vollzeitjobs und gleichzeitiger anderer Verpflichtungen in der „Rushhour des Lebens“ vitale Energie gelassen hätten.

Wie wollen wir leben?

Lässt man die Ceteris-Paribus-Beschränkungen fallen, wird sichtbar, welche Chancen der demografische Wandel birgt. Mit Blick auf das gesellschaftliche Ganze mag es eine ungewöhnliche Idee sein: Dass ausgerechnet jetzt ein hervorragender Zeitpunkt ist, um umzudenken und unsere Art zu leben und zu arbeiten grundlegend umzukrempeln und so zu verbessern. Aus individueller Sicht läuft es aber genau darauf hinaus. Jedes heute in Deutschland geborene Kind wird sich, sobald es begreift, dass es hundert Jahre vor sich hat, fragen: Wie will ich eigentlich leben? Wie will ich mein Jahrhundert verbringen, wie meine Lebenszeit einteilen? So wie bisher sicherlich nicht.

Die traditionelle Aufteilung des Lebens in die drei Abschnitte Lernen – Arbeit – Freizeit wird aufbrechen. Es war eigentlich noch nie sinnvoll, die gesamte Ausbildung in die zwei ersten Lebensjahrzehnte zu stecken (und danach nicht oder kaum weiter zu lernen), in die nächsten drei oder vier Jahrzehnte maximale Arbeitslast und Elternschaft gleichzeitig hineinzudrängen, um dann in Rente zu gehen und endlich Zeit zu haben, wenn man sie für die Kinder gar nicht mehr braucht.

Künftig werden sich Arbeit, Ausbildung, Freizeit und Zeit für Kindererziehung im Lebensverlauf zu den verschiedensten Zeiten stark vermischen. Das bedeutet erhebliche strukturelle Veränderungen für jeden der Bereiche. Die Wirtschaft wird sich darauf einstellen müssen, die Arbeit besser an den Zeitbedürfnissen der Menschen zu orientieren und Vollzeitjobs in großem Stil in Teilzeitjobs umwandeln. Der Staat könnte dies flankieren durch Maßnahmen wie lebenslange Arbeitszeitkonten und fiskalische Anreize.

Das Bildungssystem würde dann in 50 Jahren nicht mehr wiederzuerkennen sein – im positiven Sinn. Lebenslanges Lernen könnte vom Schlagwort zur Realität geworden sein. Universitäten und andere Bildungseinrichtungen würden von Menschen jeden Alters besucht, und regelmäßige, häufige und gründliche Weiterbildung sollte von den Arbeitgebern nicht nur toleriert, sondern gefordert und bezahlt werden. Unternehmen, die ihre Leistung steigern wollen, würden zudem erkannt haben, dass Weiterbildung allein nicht reicht. Es wäre üblich, dass sich mit mehr Wissen auch die Tätigkeiten der Mitarbeiter verändern und ihre Verantwortung wächst. Das Forschungsfeld zur Produktivität der Ressource Mensch wird boomen und seine Erkenntnisse die Arbeitswelt weiter verändern. Bildung wird die wertvollste Währung in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt sein.

In der Wissenschaft häufen sich erste Hinweise, dass mehr Bildung und kürzere Arbeitszeiten, verteilt über ein längeres Arbeitsleben, sowohl Lebenserwartung als auch Gesundheit weiter steigern können. Wenn wir es richtig angehen, könnte die als so negativ abgestempelte Alterung zu einem äußerst produktiven Prozess mit positiver Rückkopplung werden.

Neues Kinderglück

Chancen ergeben sich auch für das neben dem Altern zweite große Thema des demografischen Wandels: Das Geburtenverhalten. Wenn sich die Arbeitszeit gleichmäßiger über das Leben verteilt, könnte das die Geburtenrate nach oben treiben. Denn dann müssen junge Menschen weniger arbeiten, haben wieder Zeit für Kinder, und die Belastung für beide Geschlechter, gleichzeitig Job und Elternschaft zu meistern, nimmt spürbar ab.

Auch wenn die Kinderzahl pro Frau in Deutschland seit etwa 40 Jahren bei ungefähr 1,4 liegt, wünschen sich junge Paare weiterhin mehr Kinder. Viele von ihnen können ihre Kinderwünsche nur derzeit nicht umsetzen. Damit sie es in vollem Umfang tun, muss sich auch die Geschlechterkultur wandeln. So scheinen Paare eher Nachwuchs zu planen, wenn Frauen und Männer in Gesellschaft und Partnerschaft gleichberechtigt leben.18

Auch hier hilft die Umverteilung der Arbeit. Wenn sie nämlich nicht nur entlang des Lebensverlaufs, sondern auch zwischen den Geschlechtern gelingt. Das ist schon deswegen nicht nur ein moralisches, sondern auch ein ökonomisches Gebot, weil die Wirtschaft auf die Expertise und Arbeitskraft der gut ausgebildeten Frauen nicht länger verzichten kann. Die Neuorganisation der Arbeitswelt wird darum notwendigerweise auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen. Es wäre deswegen nicht verwunderlich, wenn es in Deutschland in absehbarer Zeit mehr bezahlbare, akzeptable und ausreichend flexible Kinderbetreuungsmöglichkeiten gäbe als heute vorstellbar. Käme es so, dürfte das die Geburtenraten ebenfalls klettern lassen.19

Es ist nicht zuletzt die Lebensperspektive, ein sehr hohes Alter zu erreichen, die das Geburtenverhalten nachhaltig beeinflussen könnte: In einem Leben von hundert Jahren sind zwei Jahrzehnte aktiver Kindererziehung ein vielleicht entbehrungsreicher, aber doch nur kurzer Abschnitt. Danach wird Nachwuchs vor allem als Bereicherung empfunden. Die Freude an Enkeln und Urenkeln gibt dem Kinderkriegen eine ganz neue Relevanz. Die Antizipation dieser Freude wird ein zunehmend wichtiger Grund werden, die Elternschaft anzugehen.

Aus diesem Blickwinkel erscheint übrigens auch ein „Krieg der Generationen“ unwahrscheinlich, in dem die Mehrheit der Alten den Jungen die Ressourcen streitig macht und eine staatliche Umverteilung zu ihren Gunsten durchsetzt. Wie Untersuchungen über die Einstellungen zu Generationenfragen zeigen, denken Eltern und Großeltern anscheinend eher altruistisch, wenn es um Transfers an die Jüngeren geht. Sie stimmen etwa wesentlich häufiger für die Finanzierung von Elterngeld, flexible Arbeitszeiten für Eltern oder Investitionen in Kinderbetreuung als Kinderlose.20 Zu einer „Kultur der Kinderlosigkeit“, die einige befürchten, wird es jedoch nicht kommen. Viel wahrscheinlicher ist das Gegenteil.

Eine Kultur des Wandels

Alles nur Vision? Höchstens teilweise. Es ist wahrscheinlich unmöglich, die Bürgerinnen und Bürger moderner Gesellschaften dauerhaft an der Erfüllung ihrer grundlegenden Bedürfnisse zu hindern. Wenn das Leben selbst (nämlich unser Alter und Geburtenverhalten) sich so stark verändert wie im demografischen Wandel, dann ist ausgeschlossen, dass sich die gesellschaftlichen Systeme und Organisationsstrukturen einer ebenso grundlegenden Veränderung langfristig widersetzen. Ihr Wandel wird kommen. Die Frage ist nur, wie wir diesen Wandel vernünftig formen.

Diese Frage müssen wir heute angehen, weil Langlebigkeit kein Zukunftsszenario ist, sondern bereits Realität. Wie wir sie jetzt und in den kommenden Jahrzehnten beantworten, wird die kulturelle Herausforderung des 21. Jahrhunderts sein. Die Chancen stehen gut, dass sie künftig besser gemeistert werden, als wir das heute glauben würden. Die kommenden Generationen werden besser und breiter gebildet sein als wir. Wir dürfen hoffen, dass sie ein tieferes Verständnis dafür haben, dass die Art, wie wir zusammen arbeiten und leben, durch dynamische statt statische Regeln bestimmt sein muss. Das wäre eine zukunftsfähige Kultur des Wandels.

Fußnoten:
  1. Das Bestandserhaltungsniveau entspricht einer Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau, für die jede kommende Generation die ihrer Eltern komplett ersetzt. []
  2. Angaben des Statistischen Bundesamtes. []
  3. Vgl. Kaare Christensen/Gabriele Doblhammer/Roland Rau/James W. Vaupel, Ageing populations: the challenges ahead, in: Lancet, (2009) 374, S. 1196-1208. []
  4. Vgl. James Oeppen/James W. Vaupel, Broken limits to life expectancy, in: Science, (2002) 296, S. 1029ff. []
  5. Vgl. James W. Vaupel, Biodemography of human aging, in: Nature, (2010) 464, S. 536-542. []
  6. Vgl. K. Christensen et al. (Anm. 3). []
  7. 34 Menschen im Alter von 65 Jahren und mehr („Rentner“) kamen auf Hundert Personen zwischen 20 und 64 Jahren („Renteneinzahler“). []
  8. Vgl. 12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes, Wiesbaden 2009, Variante 1-W1. []
  9. Für diese Berechnung wurde angenommen, dass die deutsche Geburtenrate von derzeit etwa 1,4 Kindern pro Frau auf 1,6 im Jahr 2082 steigt. Vgl. Waren C. Sanderson/Sergei Scherbov, Average remaining lifetime can increase as human populations age, in: Nature, (2005) 435, S. 811ff. []
  10. Vgl. Gunnar Herrmann/Thomas Öchsner, Jetzt neu: Rente mit 74, in: Süddeutsche Zeitung vom 27.1.2011, S. 17. []
  11. Vgl. Axel Börsch-Supan, Über selbststabilisierende Rentensysteme, MEA Discussion Paper, (2007) 133. []
  12. Vgl. Christian Göbel/Thomas Zwick, Which Personnel Measures are Effective in Increasing Productivity of Old Workers?, ZEW Discussion Paper, (2010) 10-069. []
  13. Vgl. Axel Börsch-Supan/Matthias Weiss, Productivity and the Age Composition of Work Teams: Evidence from the Assembly Line , MEA Discussion Paper, (2007) 148. []
  14. Flankierend wären Renten-Abschläge bei zu früher Verrentung nötig, denn der Staat muss Anreize für Arbeit setzen, nicht aber für Frühpensionierung. []
  15. Der Europäische Gerichtshof hat gerade festgestellt, dass dies rechtens und keine Diskriminierung des Alters ist. Vgl. EuGH-Urteil vom 12.10.2010 (Az: C45/09). []
  16. Vgl. James W. Vaupel/Elke Loichinger, Redistributing work in aging Europe, in: Science, (2006) 312, S. 1911ff. []
  17. Die Wochenarbeitszeiten sind Mittelwerte über alle Menschen in der jeweiligen Altersklasse, einschließlich derjenigen, die gar nicht arbeiten. []
  18. Vgl. Gerda Neyer/Dorothea Rieck, Moving towards Gender Equality, in: UNECE (ed.), How Generations and Gender shape Demographic Change (Conference Proceedings), Genf 2009. []
  19. Nachdem lange Zeit wissenschaftlich schwer belegbar war, dass mehr Kinderbetreuung tatsächlich zu mehr Kindern pro Paar führt, ließen sich erst kürzlich deutliche Effekte nachweisen. Vgl. Ronald R. Rindfuss/David K. Guilkey/S. Philip Morgan/Øystein Kravdal, Child-Care Availability and Fertility in Norway, in: Population and Development Review, 36 (2010) 4, S. 725-748. []
  20. Vgl. Harald Wilkoszewski, Alte versus Junge, in: Manuela Glaab/Werner Weidenfeld/Michael Weigl (Hrsg.), Deutsche Kontraste, Frankfurt/M. 2010. []

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