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Weniger, älter, bunter: Vergessene Faktoren?

Weniger, älter, bunter: Vergessene Faktoren? - Von den Schwierigkeiten in der demografischen Statistik
© Deutschlandfunk

Von den Schwierigkeiten in der demografischen Statistik

(Das Manuskript dieses Radiobeitrages findet sich in leicht geänderter Form auch auf der Website des Deutschlandfunks [1].)

Anmoderation:

Die Debatte über den demografischen Wandel ist zuweilen an Pessimismus kaum zu überbieten. Glaubt man so mancher Voraussage, sterben die Menschen in einigen Landstrichen regelrecht aus, und die Gesellschaft ächzt unter der Last ihrer eigenen Überalterung. Doch mit Bevölkerungsprognosen sollte man vorsichtig sein, sagt unser Autor Björn Schwentker. Besonders, wenn sie die Zukunft allzu düster zeichnen.

Beitrags-Manuskript:

„Schlimmer als der Dreißigjährige Krieg“ wirkten niedrige Geburtenraten und hohe Kinderlosigkeit auf die Bevölkerung, polterte der Bevölkerungsforscher Herwig Birg im Jahr 2005. Die Medien hörten es und scheuen sich bis heute nicht, seinen kruden Prognosen zu folgen: Demnach stürben die Deutschen an Nachwuchsmangel irgendwann aus.

Was für ein Unsinn. Im Diskurs über das Gebärgebaren zeigt sich der Standardfehler demografischer Diskussionen am deutlichsten: Die falsche Annahme, dass alles so bleibt, wie es ist – in diesem Fall die Geburtenrate. Es ist zwar richtig, dass diese Zahl in Westdeutschland seit inzwischen fast 40 Jahren bei 1,4 Kindern pro Frau liegt – und damit unter dem „Bestandserhaltungsniveau“ von 2,1 Kindern pro Frau, für das jede Nachkommen-Generation die ihrer Eltern vollständig ersetzt. Sehr unwahrscheinlich ist aber, dass dies so bleiben wird.

Denn während die Ziffer um 1,4 verharrt, verändert sich das Geburtenverhalten, das dahinter steckt, geradezu revolutionär: Frauen bekommen immer später Kinder und immer häufiger außerhalb der Ehe; Mütter fordern immer stärker Ihr Recht ein, zu arbeiten, und erfinden zusammen mit ihren Partnern die Beziehungswelt neu.

Ein Werte- und Verhaltenswandel ist im Gang, der längst die Familienpolitik auf den Plan gerufen hat, die nie so viel getan hat, um Nachwuchs möglich zu machen.

Das wird Wirkung zeigen – zumal sich junge Paare immer noch zwei – und nicht 1,4 – Kinder wünschen. Und tatsächlich: Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit beginnen die in den meisten Industriestaaten niedrigen Geburtenraten inzwischen wieder zu klettern. Viele Demografen gehen davon aus, dass sie noch weiter steigen. Sogar das konservativ rechnende Statistische Bundesamt hat in seine Bevölkerungsvorausschätzungen inzwischen eine optimistische Version aufgenommen, in der die Kinderzahl pro Frau wieder auf 1,6 steigt. Die Vereinten Nationen gehen noch weiter: Ihre „hohe Prognosevariante“ sieht die Geburtenrate 2050 sogar bei 2,2.

Undenkbar? Keineswegs. Viel unwahrscheinlicher ist, dass sich nichts ändert. Wie verkehrt man damit liegen kann, zeigt ein Rückblick ins nationalsozialistische Deutschland der 30er-Jahre. Damals sackte die Geburtenrate unter 2,1, weshalb die Nazis die massive Schrumpfung des „deutschen Volkskörpers“ vorausberechneten: auf präzise 46,8 Millionen Einwohner im Jahr 2000. Das Ergebnis war eine Bevölkerungspyramide, die sich nach unten verjüngte. Man konstatierte einen „Schwund an biologischer Volkskraft“ taufte den Bevölkerungsbaum „Urne“, und warnte vor einem „überalterten“ Volk – Wörter, die heute kritiklos weiter verwendet werden.

Doch die Nazis hatten sich verkalkuliert. Nach dem zweiten Weltkrieg erlebten die Industriestaaten weltweit einen Babyboom, den niemand vorhergesehen hatte. Und zur Jahrtausendwende lebten in Deutschland schließlich 82 Millionen Menschen – fast doppelt so viel, wie prognostiziert.

Die Menschheitsbevölkerung ist über die Geschichte hinweg vor allem eins gewesen: dynamisch. Ob Geburten, die gesunde Lebensspanne oder Wanderungsbewegungen: Dass sich diese Werte ändern, ist normal. Sie sind schon mittelfristig unvorhersehbar.